Halo

Unter unheimlichen Sonnen

Geheimnisvolle Himmelserscheinung während der Schlacht bei Oldendorf

Von Wilhelm Gerntrup

Mehr als 7000 Mann kamen im Juli 1633 in der Schlacht bei Hessisch Oldendorf ums Leben. Und doch gab es an diesem Tag etwas, das viele Menschen mehr erschreckte: Die Sonne war plötzlich nicht mehr allein, sie hatte „Nebensonnen“. Heute wissen wir, dass es sich bei dem Himmelsphänomen um eine sogenannte Halorscheinung handelte. Hervorgerufen wird sie durch dünne Wolken von Eiskristallen, in die das Sonnenlicht in einem bestimmten Winkel ein- und wieder austritt. An diesem dramatischen Tag im Juli 1633 hielten die Menschen es für ein Zeichen des Himmels. 

 
 
Der 8. Juli ist ein Tag, der im Bewusstsein der meisten hier lebenden Menschen vermutlich keine große Rolle mehr spielt. Das war noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein anders. Früher war das Datum mit einer schier unglaublichen Kombination von Erinnerungen an Schießen, Sterben und Staunen verknüpft. Historiker wiesen darauf hin, dass damals die ins heimische Wesertal vorgedrungenen Kaiserlich-Katholischen Söldnerheere entscheidend besiegt und die hiesige Region auf Dauer evangelisch geworden war. Und laut „Volkes Kunde“ war es der Tag, an dem Gott über Oldendorf (heute Hessisch Oldendorf) ein himmlisches Wunderzeichen gesetzt hatte. 

Auslöser der Ereignisse war der neu entflammte Kampf um Hameln. Die Stadt war seit 1625 von kaiserlichen Truppen besetzt. Über mehrere Jahre hinweg hatten evangelische Einheiten vergeblich versucht, die Feste zu knacken. 1633 wollte man endlich „reinen Tisch machen“. Der Belagerungsring wurde durch zusätzliche Soldaten und Waffen verstärkt. Die Reaktion der Besatzer ließ nicht lange auf sich warten. Anfang Juli setzte die katholische Generalität eine eiligst aus 8000 Söldnern zu Fuß und 4000 Reitern zusammengestellte Entlastungsarmee in Marsch. 

Die protestantischen Belagerer machten Nägel mit Köpfen. Kurzentschlossen zogen sie den von Minden heranrückenden Einheiten entgegen und brachten sich in und um Oldendorf herum in Stellung. Berichten zufolge kam es „am 28. Juni (nach heutiger Zeitrechnung 8. Juli) eine Meile Wegs unter Hameln zwischen Oldendorpe und 2 Dörffern“ (Barksen und Segelhorst) zum Kampf. Was sich dabei innerhalb von sechs Stunden in der Gegend abspielte, gilt als eines der blutigsten und grausamsten Gemetzel des 17. Jahrhunderts. Alles in allem sollen mehr als 7000 Mann umgekommen sein.

Um neun Uhr morgens waren in Oldendorf erste Kanonenschläge zu hören. Die Einwohner gerieten in Panik. Viele versuchten, sich zu verstecken oder sonst irgendwie in Sicherheit zu bringen. Andere rannten auf die Straße und drängten sich weinend und hilfesuchend aneinander. Doch auf einmal, mitten in die angstvolle Anspannung hinein, war ungläubiges Raunen und Rufen zu hören. Die Leute stießen einander an, begannen zu rufen und zeigten nach oben. Am Himmel spielten sich unglaubliche Dinge ab. Nicht wenige der Menschen auf dem Marktplatz warfen sich zu Boden und begannen zu beten. Andere verhüllten ihr Gesicht. Eine solche Erscheinung hatte hierzulande noch keiner gesehen oder je davon gehört. Fast schien es, als sei der Krieg nebenan von einem Moment auf den anderen vergessen. 

Dass wir uns heute ein ungefähres Bild von dem machen können, was die Leute damals am Himmel oberhalb der alten Burg Schaumburg wahrnahmen, ist dem Astronomen und Mathematiker Wilhelm Schickhardt (1592-1635) zu verdanken. Der Professor der Uni Tübingen galt und gilt als einer der besten und fortschrittlichsten deutschsprachigen Himmelskundler seiner Zeit. Schickhard hatte das Oldendorfer Spektakel zwar nicht selbst miterlebt, war jedoch wenig später herbeigeeilt und hatte die Augenzeugen befragt. 

Das Ergebnis brachte er in einer 20-seitigen Schrift zu Papier. Schon der Titel hatte es in sich: „Grundlicher Bericht Von den Zwo Roten Neben-Sonnen welche Freytags den 28. deß Jüngst abgeloffnen Monats Junij, Vormittags umb 9. Uhr erschinen: Eben dazumal, als die Namhaffte Schlacht an der Weser bey Oldendorp under Hammeln vorgangen“. 

Er habe sich bemüht, „den historischen Verlauff warhafft und pünctlich zu erzehlen“, ließ der Autor gleich zu Beginn seine Leser wissen. Trotzdem mutet sein Bericht auch heute noch, knapp vier Jahrhunderte danach, wie eine Märchengeschichte an. „Da fand sich ein grosser weiter Cyclus oder Umbkraiß, rings umb den Himmel herumb, der gerad mitten durch die Sonn gieng, daß sie in ihm stund und leuchtet, gleich wie ein Edelgestein in einem Ring“, schildert Schickhardt den Auftakt der Erscheinung. „Sein Farb war weiß anzusehen wie deß Nachts die Milchstraß under den Sternen, doch etwas völliger als die Regenbogen sind.“ 

Der wissenschaftliche Name dieser Nebensonne, die Schickhardt beschrieb, ist Parhelion. „Sun Dog“ (Sonnenhund) heißt das Phänomen auf Englisch, weil die Nebensonnen sich immer an der Seite der Sonne befinden. Auch der Mond kann – allerdings seltener – mit solchen Lichterscheinungen aufwarten. 

Zustande kommen die Nebensonnen, weil das Licht an einer Seite des hexagonalen Eisprimas eintritt und an der übernächsten Seite aus. Und zwar in einem Winkel von exakt 22 Grad. Da der Brechungswinkel für jede Wellenlänge verschieden ist, ist das Licht zudem in die Farben des Regenbogens aufgespalten. 

Damals hieß es „in disem weissen Umbkraiß“ seien zwei weitere Sonnen aufgetaucht. Die erste, „zur Lincken neben der wahren Sonn stehend, war am Glanz nicht zwar so hell als die wahre, aber an grösse vil braiter“. Auch die Form sei „nicht perfect rund, sondern etwas quadrats, doch mit abgestumpten Spitzen“ gewesen. „Die Farb betreffend“ habe man erkennen können, „daß sie gefärbt, nämlich gegen der wahren Sonn Roth, und von ihr abwards Blaw erschinen“. Kurz darauf habe sich auch die „andere NebenSonn zur rechten seiten“ gezeigt, „die war nicht so hell als vorige linke, doch auch gefärbt“. Am deutlichsten sei die Farbe Rot hervorgetreten.

Bei der wissenschaftlichen Beurteilung der Vorgänge hielt sich Schickhard erkennbar zurück. Eine eindeutige Aussage in Punkto Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt lässt sich aus den zumeist weit ausholenden und aus heutiger Sicht oft schwer verständlichen Erläuterungen nicht herauslesen. Einige Textpassagen machen jedoch deutlich, dass er ein natürliches, durch Lichtbrechung der Sonnenstrahlen ausgelöstes Himmelszeichen nicht ausschließen mochte. Die Vorsicht war berechtigt. Nur wenige Monate zuvor hatte sein berühmter italienischer Kollege Galileo Galilei (1564-1641) wegen Verbreitung ketzerischer Thesen zu einem ähnlichen Thema vor einem Inquisitionsgericht gestanden. 

Die kleinen Leute konnte Schickhard mit seinem Bericht ohnehin nicht erreichen. Das Gros konnte weder lesen noch schreiben. Ihr Alltag war von Unwissenheit, Angst und Aberglaube beherrscht. Hinter Wetterleuchten, Sternschnuppen, Sonnenfinsternis oder Abendrot konnten nur göttliche Mächte stecken. Für die Bevölkerung war klar, dass ein Himmelswunder geschehen war.