Hexe Juli grau

Gnadenlose Hexenjagd

In Rinteln wurden besonders unnachgiebige Urteile über vermeintlich gefährliche Frauen gesprochen

Von Wilhelm Gerntrup

„Hexen“-Geschichten sind in vielen Volkskulturen überliefert. Dabei ging und geht es meist um mythische, mit übersinnlichen Fähigkeiten. Besonder gut kannten sich diese Zwischenwesen im Bereich Weissagung, Kräuterkunde, Wunderheilung und/oder Geburtshilfe aus. Die Bezeichnung „Hexe“ war hierzulande bis zur Einführung des Christentums unbekannt. Bei unseren heidnischen germanischen Vorfahren war von - überwiegend weiblichen - „unholden“ (nicht immer gutartigen Personen) die Rede. Die Umdeutung und Verfolgung als dämonische, gottlose Teufelskomplizinnen kam erst im Gefolge der Christianisierung in Gang.

Eine immer unrühmlichere Rolle spielten dabei Juristen. Grund: Seit Mitte des 16. Jahrhunderts gingen Hexenprozesse in der Regel in Amts- und Stadtgerichten über die Bühne. Die beriefen sich bei der Urteilsfindung gern und oft auf Gutachten und wissenschaftliche Kommentare gelehrter Universitätsprofessoren.
Besonders harte und unnachgiebige Beiträge und Einschätzungen kamen nach den Erkenntnissen der Fachleute aus der 1621 in Rinteln eingeweihten evangelischen Academia Ernestina. Wortführer war der schon früh in die juristische Fakultät berufene Hermann Goehausen (1593-1632). Überregional berühmt wurde der schon bald als Hardliner bekannte Professor durch sein 1630 erschienenes, überwiegend in Latein abgefasstes Werk „Processus juridicus contra sagas et veneficos“. In dem mit dem deutschen Untertitel „Wie man gegen Unholdten und Zauberische Personen verfahren soll“ überschriebenen Lehrbuch warnte Goehausen eindringlich vor Milde und Mitleid beim Kampf gegen das Hexenunwesen. „Nach altem Sitt und Brauch der Christen“ müssten „Wahrsaager, Zauberer, Hexen und Unholden wegen ihrer verbottenen Gemeinschafft mit den höllischen Geistern“ ohne langes Wenn und Aber mit dem „Fewer bestrafft und verbrannt“ werden. Schließlich habe man es mit Kreaturen zu tun, „so sich wegen ihres greulichen Abfalls von Gott in mancherley abscheuliche Laster und Schand gestürzet und eingelassen.“
Laut Goehausen drohte der altbewährte harte Kurs immer mehr aufzuweichen. So komme es neuerdings vor, dass „zauberische Personen, so sie der bösen Geister Gesellschaft und Verheiß absagen und dem lieben Gott mit reumütigen Herzen wieder zuschwören“, nicht sofort „mit dem Feuer lebendig gepeiniget“, sondern zuvor entweder strangulirt und ersticket, oder mit dem Schwert enthauptet“ würden. Erst wenn sie bereits tot seien, lege man „ihre todten Cörper, allein um die anderen zu Schröcken, in Feuer und Asche“.

 Rinteln Uni

Das über 630-seitige Buch Goehausens wurde zum Bestseller. Es gilt bis heute als eine der einflussreichsten, laut Titelblatt mit „Erweglichen Exempeln“ angereicherten Abhandlungen zum Thema Hexenlehre. Bei den Zeitgenossen des Autors kamen vor allem dessen Warnungen vor falsch verstandener christlicher Nächstenliebe gut an.
Auch die Rintelner Kollegen sollen – bis auf ganz wenige Ausnahmen – geschlossen auf den harten Kurs des damals 37-jährigen Autors eingeschwenkt sein. Über Einzelheiten des akademischen Lebens und Treibens zu damaliger Zeit ist wenig bekannt. Als Goehausens eifrigster Anhänger und Nachfahre in Punkto Hexenlehre gilt der seit 1641 mehr als vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tode in Rinteln tätige Professor David Pestel (1603-1684). Der aus Minden stammende Wissenschaftler soll unter anderem für eine der größten, Mitte der 1950er Jahre in der hiesigen Region inszenierten Hexen-Jagten verantwortlich sein.

Hexenverfolgung Brennen

Die Folgen des Jahrzehnte langen Einflusses und Mitwirkens der Alma Ernestina bei der Hexenverfolgung sind bekannt: in Rinteln selbst und im weiten Umfeld der Stadt bis weit in den nordwestdeutschen Raum hinein wurden mehr Menschen angeklagt und schuldig gesprochen als in den meisten anderen Teilen des Reichs. Aus der Zeit zwischen 1621 und 1675 sind ca. 400 todbringende Gutachten überliefert. Dabei änderte sich auch nichts, nachdem Rinteln und seine Universität im Gefolge des Westfälischen Friedensschlusses 1647 an Hessen-Kassel gefallen waren.

Ausgelöst und ermutigt worden sein dürfte das unheilvolle Wirken der Rintelner Juristen nicht zuletzt durch das geistige Vermächtnis des „Gründungsvaters“ der Universität. Der von 1601 bis zu seinem Tode 1622 residierende Schaumburger Graf Ernst war ein außerordentlich liberaler, gebildeter und kunstsinniger Landesherr, gleichzeitig aber auch ein unnachsichtiger Hexenverfolger. Bereits die von ihm 1615 auf den Weg gebrachte Land- und Polizeiordnung ging über die Strafandrohungen der 1532 vom Kaiser erlassenen „Halsgerichtsordnung“ („Constitutio Criminalis Carolina“) ein ganzes Stück hinaus. Nach dem Willen Ernsts musste jede(r), die/der „mit dem teufel umbgehet oder zu schaffen hat, ob sie gleich mit zauberey niemandt schaden zugefügt, mit dem fewer vom leben zum todt gerichtet“ werden.
Noch größere Auswirkungen auf die geisteswissenschaftliche Ausrichtung der Alma Ernestina dürften die schrecklichen, auch und vor allem in Rinteln früh spürbaren Auswirkungen des seit 1618 tobenden 30-jährigen Krieges gehabt haben. Nur wenige Monate nach der Universitätsgründung war die Stadt überfallen und geplündert worden. Der Universitätsbetrieb kam weitgehend zum Erliegen. Später übernahmen – im Zuge der sogenannten „Gegenreformation“ - (katholische) Benediktinermönche aus Hildesheim und Corvey die Kontrolle über Inhalt und Umfang des Lehrangebots. Das Gros der Professoren und Studenten wanderte ab. Goehausen trat, um seine Haut und seinen Job zu behalten, der Papstkirche bei.

Hexenverfolgung Richter

Angesichts der düsteren Verstrickungen dürfen zwei besonders mutige, durch die Universitätsdruckerei ermöglichten Veröffentlichungen und deren Autoren nicht vergessen werden, die beide gegen die landläufige Auffassung der Rintelner Professorenschaft Stellung bezogen. Friedrich Spee (1591-1635) musste seine „Cautio criminalis“ („Rechtliches Bedenken gegen die Hexenprozesse“) 1631 noch anonym herausgeben. Sein späterer Kollege Heinrich (von) Bode (1652-1720), Professor der Academia von 1682 bis 1694, musste 70 Jahre später (1701) beim Erscheinen seines Werks „De fallacibus indicis magiae“ („Über die betrügerischen Anklagen wegen Hexerei“) schon nicht mehr um Leib und Leben fürchten.

 

Foto oben: Julia Niemeyer