Brüder Grimm

Es waren einmal...

... zwei unzertrennliche Brüder - Auf den Spuren von Jacob und Wilhelm Grimm

Sie zählen zu den berühmtesten Deutschen, jedes Kind kennt sie. Für die meisten gehören die „Brüder Grimm“ untrennbar zusammen. Dabei waren die beiden Märchen- und Sagensammler Jacob und Wilhelm Grimm höchst unterschiedlich. Während Wilhelm sich den Märchen widmete und diese dank seiner Veränderungen zum weltweiten Erfolg wurden, verschrieb sich Jacob im Laufe der Zeit mehr und mehr der Sprachwissenschaft.

Von Andreas Timphaus

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm kennt man auf der ganzen Welt. Wer ihren Namen hört, der denkt unweigerlich an Märchen und Sagen. Ihre „Kinder- und Hausmärchen“ sind die wohl meistgelesenen Geschichten in deutscher Sprache, die Erstausgabe des Buchs zählt zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Die Geschichten – einige davon spielen im Weserbergland – wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt.
Die Brüder Grimm wurden in Hanau geboren – Jacob am 4. Januar 1785 und Wilhelm am 24. Februar 1786. Sie und ihre sieben Geschwister waren Nachkommen einer alten Theologen- und Beamtenfamilie. Der Region Nord- und Osthessen blieben sie fast ihr ganzes Leben lang treu. Kassel war lange der Mittelpunkt ihres Wirkens. In der hessischen Stadt lebten und arbeiteten Jacob und Wilhelm Grimm mit Unterbrechungen von 1798 bis 1841. Die Lebensgeschichte des berühmten Brüderpaars ist gut erforscht – nicht zuletzt durch die unzähligen Veröffentlichungen und Briefe.
Zwar verstanden sich die Brüder prächtig, dennoch waren sie sehr verschieden. „Es gibt viele Unterschiede. Wilhelm war der geselligere Typ“, erzählt Bernhard Lauer, langjähriger Leiter des Grimm-Museums in Kassel. Jacob Grimm indes würde man heute wohl als Nerd oder Freak bezeichnen – allein, ein bisschen verschroben, aber ungeheuer engagiert. Jacob Grimm war gesund und drahtig, ein richtiges Arbeitstier. Wilhelm dagegen sei als junger Mann oft krank gewesen und habe langsamer gearbeitet als Jacob, dafür aber systematischer, erzählt Holger Ehrhardt, Grimm-Professor an der Universität Kassel. „Wilhelm hat das Familienleben geprägt, Jacob dagegen hat sich vor allem der Wissenschaft verschrieben“, sagt Lauer.
Wilhelm heiratete 1825 die Apothekerstochter Dorothea Wild – Jacob blieb zeit seines Lebens unverheiratet. Er lebte bei der Familie seines ein Jahr jüngeren Bruders und hatte auch ein gutes Verhältnis zu den drei Kindern Wilhelms und Dorotheas. „Jacob war für die Kinder eine Art zweiter Vater“, erzählt Lauer. Jacob und Wilhelm waren eine brüderliche Arbeits- und Lebensgemeinschaft – „von wenigen Perioden abgesehen waren sie immer zusammen. Das ist schon außergewöhnlich“, sagt Lauer. An ihren Werken wie der ersten Märchensammlung waren sie zunächst noch zu gleichen Teilen beteiligt, später verlegte Jacob Grimm seinen Schwerpunkt auf die Sprach-, Politik- und Religionswissenschaften.
1806 fingen Jacob und Wilhelm Grimm an, Märchen zu sammeln. Allerdings zog das Brüderpaar dafür keineswegs durchs Land. Echte Feldforschung war nach Einschätzung des Düsseldorfer Grimm-Spezialisten Heinz Rölleke nichts für Jacob und Wilhelm, „die in ihrer sprichwörtlichen Schüchternheit nie zu den Märchenerzählern selbst gingen, sondern immer warteten, bis diese zu ihnen kamen oder geschickt wurden“. Wilhelm selbst berichtete nach seiner einzigen Sammelexkursion zu einer alten Marburgerin ernüchtert: „Es ist mir schlecht ergangen. Das Orakel wollte nicht sprechen.“
Die Grimms ließen sich lieber von Menschen aus ihrem Bekanntenkreis Märchen erzählen und schrieben diese auf. Mit der Zeit bauten sie einen Kreis aus rund 40 Personen auf, die ihnen zulieferten. Zunächst waren es die Familien Wild und Hassenpflug aus Kassel, für den zweiten Band kamen Erzählungen der Schneidersgattin Dorothea Viehmann hinzu.
Viehmann erzählte den Brüdern Grimm einen beträchtlichen Teil ihrer Märchen. Mindestens 37 Texte, darunter Klassiker wie „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ und „Die kluge Else“, gehen auf sie zurück. Wilhelm und Jacob waren von ihrem Erzähltalent so beeindruckt, dass sie die „Viehmännin“ als einzige ihrer Quellen persönlich erwähnten und ihr Porträt sogar auf den Einband setzten. Ansonsten ließen sie es bei Hinweisen wie „aus Hessen“ oder „aus Cassel“ bewenden.
Doch das Brüderpaar schrieb die Geschichten nicht einfach nieder. „Die Grimms haben diese Erzählungen dann verändert, und daraus sind die Grimm’schen Märchen entstanden, die in aller Welt berühmt geworden sind“, sagt Ehrhardt. Anfangs jedoch blieb der Erfolg des Buches aus. Detailreiche Grausamkeiten und wissenschaftliche Anmerkungen der Brüder waren nicht gerade förderlich. Dann arbeitete Wilhelm die Märchen um und verpasste ihnen den bekannt romantischen Stil. Die zweite Auflage der Märchen wird vor allem ihm zugeschrieben. „Das war seine bedeutendste Leistung“, sagt Lauer.
Doch nicht nur Märchen und Sagen gehören zu ihren Hinterlassenschaften. Dass die Grimms auch bedeutende Sprachforscher waren, sei vielen nicht bekannt, sagt Ehrhardt. Jacob beschäftigte sich intensiv mit der Sprache, den Politik- und Religionswissenschaften. „Er hat sich nicht so sehr mit der Überarbeitung der Märchen befasst“, sagt Ehrhardt und fügt hinzu: „Jacob war schon eigenwillig und mit sich selbst beschäftigt. Er hatte ein außerordentliches Gedächtnis, ähnlich wie Mozart.“ Sprachliche Auffälligkeiten aus einem Gedicht habe er beispielsweise einem Autor zuordnen können, den er Jahre vorher gelesen hatte, sagt Ehrhardt.
Jacob lernte Sprachen, reiste viel, zum Teil für mehrere Monate. Es ging nach Paris, Wien, Italien oder Schweden – der Familienmensch Wilhelm dagegen hat das Land nie verlassen. Auch bei der Arbeit gingen beide immer mehr ihren eigenen Weg. Auf dem von ihnen erstellten Deutschen Wörterbuch heißt es schon nicht mehr „Brüder Grimm“, sondern „von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm“.
„Wilhelm hat nur den Buchstaben D beigetragen. Von Jacob kam A bis C und E bis Frucht“, erzählt Lauer. „Dann starb er nach einer Erkältung an einem Schlaganfall“, präzisiert Ehrhardt. An alten handschriftlichen Texten kann man erkennen: Jacob überlegte genau, bevor er schrieb, es gab kaum Korrekturen. In Wilhelms Aufzeichnungen dagegen sind mit einer viel kleineren Schrift viele Verbesserungen und Umformulierungen zu finden.
Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859 in Berlin. Sein Bruder Jacob sagte in einer Rede, zunächst seien es Bett und Tisch gewesen, die sie geteilt hätten. Später habe es zwei Betten und zwei Tische „in derselben Stube“ gegeben und schließlich zwei Zimmer nebeneinander, aber „immer unter einem Dache“. In ihren Testamenten hatten sie alles Hab und Gut dem jeweils anderen vermacht.