Tasse quer

Der Porzellanformel auf der Spur

Wie ein Wirtschaftskrimi: Wie aus einer herzoglichen Idee die erfolgreiche Manufaktur Fürstenberg wurde

Von Dorothee Balzereit

Edles, weißes Porzellan hat eine lange Geschichte, die bis ins alte China reicht. Dort wurde es wahrscheinlich schon im 6. Jahrhundert hergestellt. Wie, das hielten die Chinesen geheim. In Deutschland versuchten „Arkanisten“ ab dem späten 13. Jahrhundert das Geheimnis zu lüften. So, wie die Alchemisten nach der Formel zum Goldmachen suchten, waren die Arkanisten dem Geheimnis des Porzellans auf der Spur. Einer von ihnen war Johann Christof Glaser, der für  in Wolffenbüttel die Porzellanfabrik in Fürstenberg zum Erfolg führen sollte. Doch bis das erste reinweiße, heute überaus erfolgreiche Porzellan hergestellt werden konnte, sollte es ein steiniger Weg werden: Es vergingen Jahre bis man herausfand, dass Glaser ein Betrüger war.

Der Mann, der aus Bayreuth kam, war nur ein Pseudo-Arkanist. Und zwar einer, der sich scheinbar gut verkaufen konnte. Eine nicht unübliche Geschichte damals, denn unter den Arkanisten, wie auch bei den Alchemisten, gab es viele Blender. Bei den falschen Goldmachern waren es sogar so viele, dass im 14. Jahrhundert ein päpstliches Dekret gegen sie verhängt wurde. Dabei schienen die Pläne für die Manufaktur zunächst gut zu gedeihen, auch wenn mit Glaser nicht des Herzogs erste Wahl nach Fürstenberg kam. Eigentlich hatte er versucht, den Maler Johann Friedrich Metzsch aus Bayreuth zu überreden. Doch der traute sich nicht und schickte einen Maler aus seiner Werkstatt. Vielleicht war Metzsch bewusst, wie schwer es werden würde, ein annähernd so gutes Porzellan herzustellen, wie bereits seit Jahrzehnten in Dresden produziert wurde.

Geschirr roter Hintergrund

Dort hatte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus in seinem Labor einen Weg gefunden, feines Porzellan herzustellen, und nicht, wie fälschlicherweise oft berichtet, Johann Friedrich Böttger. Mit Böttger, der ursprünglich von Albertiner-Fürst August dem Starken in die Festung Königstein eingesperrt worden war, um Gold herzustellen – betrieb er zusammen ein Labor. Gut möglich, dass er nach Tschirnhaus‘ plötzlichem Tod dessen Porzellanrezepte für sich nutzte. Einen Hinweis gibt es, und sage und schreibe acht Tage später meldete Böttger dem König die Erfindung des Porzellans, entwickelte die Herstellung weiter und wurde Leiter der ersten Porzellan-Manufaktur Europas. Die immer wieder erzählte Geschichte, dass Böttger und Tschirnhaus ursprünglich Gold herstellen wollten und dabei zufällig die Rezeptur für Porzellan entdeckten, gehört infolgedessen ebenfalls ins Reich der Legenden. Der Name „Weißes Gold“ hält sich dennoch bis heute.

Das alles klingt wie ein Geschichts-Krimi, wie guter Filmstoff in historischem Gewand. Modern funktioniert er aber auch: Denn überall dort, wo es um Erfindungen und Rezepturen geht, um viel Geld und Ruhm, wird auch heute gern geheimgehalten und mit allen Mitteln gerungen. Natürlich auch gelogen und betrogen. So wie es Johann Christof Glaser in Fürstenberg tut. Er zeigt dem Herzog bei seiner Ankunft 1744 einfach ein paar Meißner Tassen, die nicht als solche markiert waren – und kommt damit durch. Porzellan ist ein Statussymbol im 18. Jahrhundert und der Wunsch, es zu besitzen, groß. Der Gedanke, damit reich zu werden, ist verlockend für den Herzog. In der folgenden Zeit versteht er es, den Hofjägermeister Georg von Langen für sich einzunehmen. Obwohl dieser durchaus Momente hat, in denen er an Glasers Fähigkeiten zweifelt und über dessen „Trunksucht“ spricht. Dennoch arbeitet er über Jahre gut mit ihm zusammen. Von Langen ist ein Optimist, der goldene Ströme nach Fürstenberg fließen sieht.

goldenes Geschirr

 Und in der Tat spricht sich unter Künstlern und Facharbeitern herum, dass Herzog Carl dabei ist, eine echte Porzellanfabrik in Fürstenberg zu errichten. Noch bis Juli 1751 glaubt von Langen, mit Glaser auf dem richtigen Weg zu sein. Der große Rückschlag kommt mit einer Einschätzung von Hofbildhauer und Oberdirektor Ludwig von Lück, der zuvor in Meißen und Wien angestellt war und man versucht hatte, ihn für Fürstenberg zu gewinnen. Lück kommt nicht, aber er zeigt, wie man echtes Porzellan von unechtem unterscheidet. Er untersucht auch eine Scherbe Glasers. Das Ergebnis im Dezember 1751 ist niederschmetternd. Von Langen räumt in einem Brief ein: „Ich sehe, dass wir alle in der Irre umhergewandert.“ Ein bitteres Geständnis nach vier Jahren kostspieliger und zeitraubender Versuche. Dennoch hält der Fürst bis März 1753 an Glaser fest. Doch langsam aber sicher brauen sich über Glaser dunkle Wolken zusammen. Im November versucht er, seine Habe fortzuschaffen. Von Langen rotiert wie ein Besessener, sucht nach Ersatz. In der Fabrik sind derweil Streitigkeiten unter den Angestellten an der Tagesordnung. Freunde wollen von Langen helfen, einen wichtigen schreibt Brief Johann Wilhelm Bürger aus Frankfurt, später Gastwirt zum Rheinländer in Holzminden. Bürger spricht von einem Mann, der alle Farben selbst herstellen kann und die Geheimnisse der Porzellankomposition und des Brennofens kennt. Man vermutet, dass es sich um den Höchster Fachmann Johann Benckgraff handelte. Man wirbt ihn tatsächlich ab. Ab Januar 1753 folgt Brief auf Brief. Übrigens ein zeitgenössisches Bild, wie man damals einen echten und erfolgssicheren Virtuosen abtrünnig machte. Nach dramatischen Einschüben – Benckgraff wir kurzzeitig im Gefängnis festgesetzt, wahrscheinlich will man das „Arcanum“ erpressen – kommt er dann endlich nach Fürstenberg und bringt auch gleich Maler und Modelleure mit.
Nur einen Monat nach seiner Ankunft stirbt Benckgraff – doch nun hat man in Fürstenberg Glück: Er hat das Arcanum für das Porzellan zuvor aufgeschrieben.

Der Zeitpunkt kann wohl als entscheidende Wende gesehen werden, denn auch wenn die Manufaktur in den folgenden 50 Jahren immer wieder in finanzielle Bedrängnis gerät, es geht voran. An die 1800 Geschirre und Figuren bringt man in Fürstenberg von 1753 an hervor. In der Masse keine großartigen Schöpfungen. Aber die historische handbemalte Figurengruppe von Simon Feilner (1753 bis 1768 in Fürstenberg) mit 15 Commedia dell’Arte-Figuren gehört zu den schönsten Kunstwerken, die in Fürstenberg geschaffen wurden. Ebenso die eleganten Kreationen von Jean Desoche.
Um mit der Konkurrenz mithalten zu können, nimmt man in der Anfangszeit hier und dort künstlerische Anleihen. Bald ist es Höchst, dann Berlin und Fürstenberg, die auf dem Fürstenberg zu Gast sind. Einige Modelle entwickeln sich so gut, dass sie auf Messen erfolgreich sind.

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Die Künstler und Arkanisten, Former und Maler, die ihr Glück im Dienste und Schutz Herzog Carls versuchen, kommen vor allem aus den genannten Manufakturen. Die Liste der Namen ist lang, genannt sei hier unter anderem der beste Früchte- und Blumenmaler Sigmund Wilhelm Braun aus Berlin. Interessant ist auch die Geschichte des Malers Pascha Weitsch. Der Soldat, der sich während seines Militärdienstes weitgehend selbst geschult hatte, war so gut, dass er 1756 in Fürstenberg Porzellanmaler wurde. Ansonsten war das Publikum auf dem Fürstenberg international: Deutsche, Franzosen, Österreicher, Schweizer, und Holländer. Einige blieben nur kurz, die meisten aber 20 Jahre und mehr. Und hier entsteht ein Problem: Inzucht. Meist blieben auch die Kinder der Maler, Dreher, Former, erlernten das Metier und blieben, statt auf Wanderschaft zu gehen. Trotzdem wurden pro Jahr an die 20 000 Porzellane gedreht, geformt, gebrannt und bemalt. Blumen, Früchte, Landschaften und Figuren zieren herrliche Geschirre, zusammen mit der gravierten Rokokoform bildet jedes Dekor einen vornehmen und zeitlosen Zierrat.

Hasen

 

Fotos: Museum Schloss Fürstenberg / doro