Zwergengold

Herr Grimsehl und das Zwergengold

Was ist dran an einer längst vergessenen Erzählung aus der Hamelner Bäckerstraße?

Von Ulrich Behmann

Sie wurden daheim erzählt und in Schenken zum Besten gegeben – Sagen und Geschichten aus der Region. Es soll ja etwas Wahres dran sein an dem, was über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurde. Doch: Was ist frei erfunden, was stimmt wirklich – und wo spielen die Geschichten, an die sich selbst Archivare nur noch dunkel erinnern können? In der Hamelner Bäckerstraße sei einst einer Magd, die für einen gewissen Kaufmann Grimsehl gearbeitet haben soll, ein Missgeschick passiert, heißt es. Als Folge davon soll die junge Frau wohlhabend und ihr Dienstherr reich geworden sein. Davon jedenfalls erzählt die Geschichte vom „Zwergengold“, die der verstorbene Autor Georg Kollmann aufgeschrieben und so für die Nachwelt erhalten hat. Grimsehl soll eines Morgens einen Schatz gefunden haben. Von dem habe er sich „jenes schöne Haus, das man in der Bäckerstraße noch heute bewundern kann“, gebaut. Gab es den Kaufmann wirklich? Und wenn ja: Hat er in der Bäckerstraße ein prächtiges Gebäude besessen? Die Dewezet ist der Sache auf den Grund gegangen, wollte wissen: Welche Fakten lassen sich heute noch erhärten?

Im CWN-Buch „Sagen und Erzählungen“ wird die Geschichte nacherzählt: „Vor langer Zeit, als die Zündhölzer noch nicht erfunden waren, hatte man stets seine liebe Not, wenn das Feuer im Herd aus Unachtsamkeit einmal erloschen war, es mit Feuerstein, Stahl und Zunder wieder zu entfachen. Da war es schon einfacher, schnell einmal zum Nachbarn zu laufen und ein paar glühende Kohlen zu erbitten. In eine solche Verlegenheit kam damals auch eine junge Magd, die bei einem Hamelner Kaufmann namens Grimsehl, welcher in der Bäckerstraße wohnte, in Dienst stand. Als das Mädchen noch spät in der Nacht nach der Glut im Herd schaute, bemerkte es, dass das Feuer erloschen war. Sie erschrak deswegen sehr, denn ihr war aufgetragen worden, morgens in aller Frühe für ihren Dienstherrn eine Mehlsuppe zu kochen, da dieser mit seinem Planwagen über Land fahren wollte. Zu ihrem Glück hörte sie aus der Schmiede auf der anderen Straßenseite noch helle Hammerschläge klingen. Sie war froh darüber, dass ihr hier trotz der späten Stunde noch geholfen werden konnte, dass ihr das Absonderliche der mitternächtlichen Tätigkeit in der Schmiede gar nicht in den Sinn kam. Schnell ergriff die Magd eine Schaufel und eilte hinüber, und bereitwillig gaben ihr die Schmiede eine ausreichende Menge Kohlenglut, mit welcher sie zurück in die Küche ging. Doch so sehr sie sich auch mühte – es gelang ihr nicht, das Feuer wieder zu entfachen. So musste sie denn noch einmal zu den Schmiedegesellen gehen und erneut um Glut bitten. Die erhielt sie auch, musste aber einige spöttische Bemerkungen wegen ihrer Ungeschicklichkeit über sich ergehen lassen. Aber auch dieses Mal erloschen die Kohlen, bevor sie ihr Haus erreichte. Es half alles nichts, die junge Magd musste ein drittes Mal den schweren Gang in die dunkle Schmiede antreten. Doch diesmal murrten die schwarzen Gestalten und erlaubten ihr nur scheltend, sich eine dritte Schaufel voll Kohleglut zu nehmen. Aber auch dieses Mal gelang es ihr nicht, Feuer zu machen. Als es hell wurde, war Herr Grimsehl nicht erfreut darüber, dass seine Suppe nicht fertig war, wie er angeordnet hatte. Der Erzählung seiner Magd wollte er schon überhaupt nicht glauben. So machte er sich denn missmutig mit Feuerstein und Stahl daran, das Feuer für seine Suppe selber anzuzünden. Als er aber die Asche zur Seite rakte, leuchtete es plötzlich darunter hell hervor, und zu seiner Überraschung sah er, dass in seinem Herde glänzendes Gold lag. Da war ihm klar, dass seine Magd bei den Zwergen in der Geisterstunde gewesen war, und diese mit dem unschuldigen Mädchen keinen Schabernack getrieben hatten.“

Grimsehl

Familien mit dem Namen Grimsehl hat es in früher Zeit wirklich gegeben in Hameln. Das lässt sich belegen. Auch Kaufleute dürften darunter sein. Hanß Heinrich Grimsehl habe 1687/88 vom Magistrat die Braugerechtigkeit, also das Braurecht, erhalten, erzählt Olaf Piontek vom Stadtarchiv Hameln. Zwei Grimsehls waren sogar Bürgermeister von Hameln. Georg Heinrich Grimsehl (geb. 1738, gest. 1810) war ab 1773 Syndikus und von 1801 bis 1810 Obercommissair (Bürgermeister). „Während der Franzosenzeit habe er sich ,Maire‘ genannt, berichtet Gerhard Pieper im CWN-Buch „Hamelner Straßen“. „Bei der Bildung des Königreichs Westphalen (1807) wurde er versetzt und starb noch im gleichen Jahr.“ Sein ältester Sohn Friedrich Heinrich Grimsehl (geb. 1780) sei nach seinem Vater Bürgermeister. In Hameln erinnert die Grimsehlstraße an die Bürgermeister. Recherchen haben ergeben, dass es sich bei dem in der Erzählung erwähnten Kaufmann um den Blaufärber Hanß Heinrich Grimsehl gehandelt haben dürfte. Er war ein Vetter des Bürgermeisters und hat in der Bäckerstraße gewohnt. „Möglicherweise ist die Sage in das frühe 18. Jahrhundert zu datieren, denn Familie Grimsehl, namentlich Hanß Heinrich Grimsehl ist seit 1684 in Hameln nachweisbar“, sagt Olaf Piontek vom Hamelner Stadtarchiv. Dieser Mann „wurde seinerzeit Mitglied des Krameramtes und besaß das Haus Bäckerstraße 46“, das laut Balkeninschrift im Jahr 1710 gebaut wurde. Piontek: „Die bekannten Fakten zu den Grimsehls stimmen also erstaunlich passend mit der Sage überein.“ Laut Telefon- und Adressbuch lebt heute nur eine Familie mit diesem Namen in Hameln. „Wir sind keine Nachfahren der Hamelner Grimsehls“, sagt Bodo Grimsehl (66). Seit dem 16. Jahrhundert hätten seine Vorfahren auf einem Bauernhof in Almhorst gelebt. „Mein Vater ist 1936 von Almhorst nach Hameln gezogen“, berichtet der ehemalige Lehrer.

Hintergrund

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