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Gold im Fluss

Von Fähren, Zwergen, Gold und dem Ursprung bestimmter Sagen

Von Frank Neitz

Ob Riesen, Zwerge oder Elfen, Wölfe, Hirsche oder Jäger – eines ist Sagenwesen gemeinsam: Sie haben die Geschichte selten für sich allein gepachtet. Die meisten Sagen werden auf diese oder jene Weise an verschiedenen Orten jeweils unterschiedlich erzählt, eben auf die Weise, wie man sie mündlich weitergab. Gemeinsam ist ihnen der Kern der Geschichten und die Motivation, bestimmte Erfahrungen und Vorkommnisse weiterzugeben.

Nicht selten ist es so, dass Sagen mit ähnlichen Inhalten in benachbarten Ortschaften erzählt werden und dabei durchaus Unterschiede aufweisen. Mehrere Dörfer oder Städte beanspruchen dann die "wahre" Geschichten für sich. Wie zum Beispiel bei der Sage vom Fuhlener Fährmann, die auch die Großenwiedener in ihrem Dorf verorten.

Das Gewerbe des Fährmanns war früher sehr mühsam. Es bedurfte einiger Anstrengung, die schwere Fähre sicher zum anderen Ufer der Weser zu bringen, und oft sollen Fährmänner um ihr karges Fährgeld betrogen worden sein. Das hatte zur Folge, dass die Fährleute nur gegen Vorauskasse tätig wurde. Eines Tages hörte ein Fährmann wieder den traditionellen Ruf der Fährgäste „Fährmann, hol über!“ von der Hessisch Oldendorfer Seite. Flugs band er die Fähre los und stakte die Fähre mit seiner langen Fährstange ans gegenüberliegende Ufer. Doch als er sie dort festband, sah er niemanden, der einsteigen wollte. Ärgerlich suchte er das Ufer ab. Da hörte er ein Rascheln und Getrappel und bemerkte, wie sich die Fähre immer tiefer ins Wasser legte. Obwohl er nicht wusste, wer oder was seine Fähre betreten hatte, nahm er all seine kräfte zusammen und setzte über.

Auf der Fuhlener Seite hörte der völlig erschöpfte Mann erneut die Geräusche und dann hob sich die Fähre langsam aus dem Wasser. Plötzlich stand, scheinbar aus dem Nichts gekommen, ein kleiner Mann vor ihm und sprach: „Jetzt willst Du sicher wissen, wen Du gefahren hast: Wir sind Zwerge von der Schaumburg und wurden dort vertrieben. Nun suchen wir uns eine neue Heimat in den Bergen jenseits des Wesertales. Dir aber danken wir für deine Mühe und haben den Lohn für deine Arbeit in der Fähre gelassen.“ Alsbald setzte der kleine Mann eine Tarnkappe auf und war nicht mehr zu sehen.

Des Fährmanns Miene aber wurde ärgerlich, als er sah, was für ein Lohn auf der Fähre lag: Ein großer Haufen Pferdeäpfel. Wütend nahm er seine Schaufel und warf das ganze Zeug über Bord in die Weser, um dann verstimmt und müde ins Bett zu gehen. Als er jedoch am nächsten Morgen mit schmerzenden Gliedern erwachte und zu seiner Fähre ging, meinte er einen gleißenden Schimmer aus der Fähre aufscheinen zu sehen. Schnell sah er nach und fand lauter kleine Goldklumpen, in die sich der Rest des Pferdemistes, den er beim abendlichen Schippen übersehen hatte, verwandelt worden war. Es war nur wenig übrig geblieben, doch reichte es ihm, sich eine bessere Fähre zu kaufen und eine Mühle dazu. So machte er sein Glück und wurde ein reicher Mann. Von den Zwergen hat man jedoch nie wieder etwas gehört. Und der übergroße Teil des Goldes war leider für immer verloren.

 Fuhlen Hügel

Der Hünenbrink an Peters Kampe

„Diese Sage wird so oder mit leichten Abwandlungen an fast allen Fährstationen großer Flüsse erzählt, auch in Großenwieden“, sagt dazu Rudolf Wallbaum, Mitglied im Arbeitskreis Archäologie, Regionalgeschichte und Kulturlandschaft des Heimatbundes Schaumburg. Er wohnt nur wenige Meter entfernt vom möglichen Handlungsort der Sage, in Fuhlen. Er ist sich ganz sicher: Wenn schon in unserer Region, dann muss sich das Geschehen in Fuhlen und nicht in Großenwieden zugetragen haben. „Die Fähre in Großenwieden ist jünger als die bei Hessisch Oldendorf. Es ist anzunehmen, dass die Sage zu Fuhlen gehört. Der Ort lag am alten Heerweg. Eine solche Verbindung hat Großenwieden nie gehabt." Die Sage bilde für unseren Raum den eigentlichen Abschluss von Erzählungen über größere Zwergensiedlungen. "Nach dem Tod der Sagengestalt Tienken-Meume verloren die Zwerge ihre Herrscherin. Nach dem Jahr 1670 kamen Geschichten mit Wichteln nur noch isoliert und auf enge Bereiche begrenzt vor“, so der 56-Jährige.

Viele der im Wesertal handelnden Sagen bekam Rudolf Wallbaum von seiner Mutter Lina erzählt. Leider hat sie die Geschichten, die sie von ihrer Schwiegermutter hörte, nicht aufgeschrieben. „Für uns Kinder waren die Sagen unsere Ermahnungsgeschichten“, sagt Wallbaum. Etwa, wenn seine Mutter von der Roggenmuhme und vom Afkenwief, dem Erbsenweib, erzählte, diesen alten Frauen mit krummen warzigen Nasen und krallenartigen Fingern an knotigen Händen. Mit ihren Krallen sollen sie unartige Kinder mit übermenschlicher Kraft in ihre Höhle tief unter den Feldern gezogen haben, besonders solche Kinder, die durch erntereife Felder liefen. „Diese Märchen hatten einen praktischen und erzieherischen Hintergrund: So hielten die Erwachsenen durch das Erzählen der schrecklichen Vorkommnisse die Kinder davon ab, einfach Erbsen zu naschen oder das Getreide beim Spielen im Feld zu Boden zu treten. Wir hatten wirklich Angst vor Roggenmuhme und Erbsenweib, und das wirkte viel mehr als ein bloßes Verbot der Eltern“, erzählt der Chronist, der sich noch heute an Vollmondnächte in seiner Kindheit erinnert, in denen ihm beim Gedanken an Wölfe im Bett sehr bange wurde.

Im Fuhlener Ortsbild sind mehrere Relikte unübersehbar, die einer Sage nach von den Riesen hinterlassen wurden: Meterhohe Erhebungen in der ansonsten flachen Wiesenlandschaft am nördlichen Rand des Dorfes. In der Sage von der Entstehung des Hünenbrinks in Peters Kampe ist von zwei Riesen die Rede, die in Vorzeiten auf der anderen Seite der Weser gelebt haben sollen. „Der eine wohnte auf dem Paschenberge, der andere auf dem gegenüberliegenden Borberge. Die Erde erbebte, wenn einer von ihnen nieste, und Pfützen so groß wie kleine Teiche entstanden, wenn sie bei Regenwetter ausgingen“, so heißt es. Die beiden Riesen gerieten einmal beim gemeinschaftlichen Backen in Streit, und zwar so sehr, dass der Borbergriese seine Nüstern aufblies, gewaltig schnaufte und seinen Teig wütend dicht vor den Ofen des anderen warf. Aus diesem Teig entstand vor dem Paschenberge der Nesselberg, auf dem heute die Schaumburg thront.

Als der Riese eilig von dannen zog, geriet er mit einem Fuß in das weiche Ufer der Weser, wobei sich sein Schuh mit Weserkies füllte. Er zog den Schuh aus und warf den Kies dicht vor Fuhlen nieder. Daraus entstand der Hünenbrink in Peters Kampe, von dem heute noch ein Rest zu sehen ist. Für den Rudolf Wallbaum hat diese Sage einen handfesten Hintergrund: „Das Kiesvorkommen des Hünenbrink war durch glaziale Vorgänge entstanden und galt als sogenannter 'Kameshügel', war also in der letzten Eiszeit als kleine Endmoräne aufgeschoben worden", sagt er. "Da aber die Altvorderen von diesen Vorgängen nichts wussten, erklärten sie sich das Vorhandensein von Kies mit übernatürlichen Vorgängen, und da Kies nur schwer zu bearbeiten ist, mussten gewaltige Kräfte an seiner Entstehung beteiligt gewesen sein, Kräfte, die natürlich nur Riesen hatten.“

Hintergrund

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