zwerge Aerzen

Von Zwergen, goldenen Kugeln und Gerüchten

Die Geisterkegelbahn im Aerzener Lüningsberg

Von Sabine Brakhahn

Aus Holz geschnitzte Tafeln weisen an den Ortseingängen von Aerzen auf die sagenhafte Geschichte des Ortes hin. Bittere Armut, große Liebe und heldenhafter Mut sind der Stoff, aus dem vor Jahrhunderten Geschichten entstanden, so wie jene Sage von den Zwergen im Lüningsberg und ihrer Geisterkegelbahn: Vor langer Zeit sollen Zwerge oder Geister – das weiß man heute nicht mehr so genau – nachts im Aerzener Lüningsberg auf einer Waldwiese gekegelt haben – und zwar mit goldenen Kegeln und Kugeln.

Den Erzählungen zufolge trieben sie ihr Spiel lange Zeit, ohne dass sie dabei gestört wurden. Niemand hatte sich nachts in den Wald getraut, um das geheimnisvolle Spiel zu beobachten. Die Angst unter der Bevölkerung war zu groß.

Bis der Webergeselle Heinrich nach langen Wanderjahren in seine Heimat zurückkehrte. Er verliebte sich in die hübsche Müllerstochter Anna. Das Paar wollte heiraten, war aber zu arm, um einen eigenen Hausstand gründen zu können. Da kam dem jungen Mann in der Not ein rettender Gedanke: Er machte sich auf den Weg in den sagenumwobenen Wald, um sich eine goldene Kugel von den Zwergen zu holen. Als er nach einem längeren Fußmarsch eine Waldwiese erreichte, musste er schnell hinter einem Busch in Deckung gehen, um nicht entdeckt zu werden. Sah er doch aus seinem Versteck, wie die Zwerge im hellen Mondschein die goldene Kugel über den Rasen rollen ließen, den glänzenden Kegeln entgegen. Plötzlich katapultierte ein schwungvoller Wurf die goldene Kugel direkt in den Busch, hinter dem sich Heinrich versteckt hatte. Ein Griff – und er hielt den kostbaren Schatz in seinen Händen, und so schnell er konnte, lief aus dem Wald in Richtung Dorf. Die Zwerge verfolgten den jungen Mann. Sie kamen ihm sogar so nahe, dass er ihr Keuchen hören konnte. In seiner Hast verfehlte er den Baumstamm, der als Brücke über die Humme diente und fiel in den Bach. Das rettete ihm das Leben, denn ins Wasser konnten ihm die Zwerge nicht folgen. Angeblich reichte ihre Macht nicht so weit.

Nachdem sich Heinrich vergewissert hatte, dass ihm niemand mehr folgte, eilte er mit seiner Beute zu Anna, und sie fielen sich erleichtert in die Arme. Nun konnten die beiden heiraten. Von dem Erlös der Kugel kauften sie ein altes Haus in der Pöhlenstraße, ließen es abbrechen und bauten ein neues, in dem sie glücklich bis an ihr Ende lebten.

In der Pöhlenstraße gibt es zwei Häuser, denen nachgesagt wird, dass diese einst von Heinrich und Anna bewohnt wurden. Während alte Aerzener das Fachwerkhaus mit der Hausnummer 9 favorisieren, hat die Hannoversche Presse in ihrer Ausgabe vom 10./11. Mai 1958 berichtet, dass es das Nachbarhaus gewesen sein müsse, da der damalige Besitzer, der Postbeamte Hermann Specht, ein direkter Nachfahre jenes Handwerkers gewesen sein soll. Dessen Sohn mit gleichem Namen, heutiger Besitzer des Hauses Pöhlenstraße 11, berichtet hingegen, dass sein Großvater das Haus erst um die Jahrhundertwende erworben habe.

Von den Zwergen im Lüningsberg berichtet die Sage, sie hätten nach dem Diebstahl ihr Kegelspiel aufgegeben und seien aus dem Wald verschwunden. Unweit der beiden möglichen Häuser, in denen Heinrich und Anna gelebt haben sollen, findet man in der Pöhlenstraße einen Hinweis auf die Sage. Das Mosaik am Gebäude der ehemaligen Schule, die heute als Kindergarten genutzt wird, löst sich Stück für Stück von der Wand. Einzig die Kugel in der Hand des Webergesellen und die glänzenden Kegel scheinen dem Zahn der Zeit zu trotzen und auf magische Weise mit der Wand verankert zu sein. Am Brunnen im Goldschlag, der ebenfalls an die Sage vom Lüningsberg erinnert, ist die Kugelseit geraumer Zeit verschwunden.

Neuerdings sieht man wieder suchende Menschen im Lüningsberg. Allerdings sind sie nicht, wie einst Heinrich, mit einer großen Portion Mut ausgestattet, sondern mit einem Navigationsgerät. Es sind Geocacher, die dort ihrem Spiel nachgehen.

 

 

Hintergrund

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