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Mit Wilhelm Grimm in Lügde

Erzählungen vom Köterberg, einer unglücklichen Nonne und kämpferischen Riesen

-Städteporträts-
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Mit Wilhelm Grimm in Lügde

Rattenfängerstadt Hameln

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Die Springwurzel

Die Welt der Sagen ist voll wiederkehrender Symbole. So habe ich, Wilhelm Grimm, es immer wieder erlebt.  Auch die Erzählungen rund um die Springwurzel, die als magischer Türöffner gilt, gehören dazu. In Lügde müsste man wohl eher von Bergöffner sprechen. Die Sage gehört zu den eindrücklichsten ihrer Art, deshalb haben Jacob und ich sie in unser Sagenbuch aufgenommen.

Alles begann, als ich nach einer beschwerlichen Reise in Lügde Halt machte. Wie magisch zog mich der Köterberg an, in dessen Nähe der Ort liegt. Es war ein herrlich klarer Tag und ich genoss den stillen Ausblick ins Tal. In der Ferne erhob das Wesergebirge, die Porta Westfalica, und der Teutoburger Wald, in meinem Rücken reichte der Blick bis zur Wilhelmshöhe und bis zum Brocken im Harz. Ein beeindruckender, ob seiner strategischen Lage begehrter Berg,  bei dem ich nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass die Menschen dort ihre Götzen anbeteten. So zumindest wurde erzählten es mir die Menschen der Ackerbürgerstadt Lügde abends bei einem guten Glas am Feuer. Während ich noch meinen Gedanken nachhing, trat ein Schäfer auf mich zu. Er musste mich schon eine Weile beobachtet haben und schien meine Gedanken zu lesen. Warum sonst hat er mir von der Springwurzel erzählt? Eine bemerkenswerte Geschichte, die mich von Anfang an fesselte und der ich sofort einen Platz in unserem Sagenbuch reservierte.

Mit Hilfe der Wurzel hatte der Schäfer selbst einen geheimen Zugang zu Gold- und Silberschätzen im Köterberg gefunden, ihn aber wieder verloren, weil er etwas Wesentliches vergaß. Aber von Anfang an.

LügdeSpringwurzel

Es begann mit einer schönen Königstochter, die dem Schäfer eine Springwurzel gab und ihn aufforderte, mit zum Köterberg zu kommen. Eigentlich, so erklärte er mir, erhalte man die Wurzel nur, wenn man einen kaum bekannte Trick anwende: Es ist nötig, das Nest einer Elster oder eines Wiedehopfes mit einem Keil verschließen, sodass er es nicht mehr öffnen kann. Dann fliegt der Vogel los und holt die Springwurzel, denn nur er weiß, wo sie zu finden ist. Hält er die Wurzel vor das verschlossene Nest, so springt der Keil heraus. Um selbst an diesen Wunderschlüssel zu kommen, müsse man sich also nur verstecken und Lärm machen, dann lasse der Vogel sie fallen.  Während er erzählte, schweiften unsere Blicke über den Berg, als könnten wir die Öffnung wiederentdecken.

Nachdem der Schäfer nun die Wurzel von der Königstochter bekommen hatte,  führte sie ihn bei einer Höhle in den Berg. Kamen sie zu einer verschlossenen Tür oder einem verschlossenen Gang, brauchten sie nur die Wurzel vorhalten und die Tür sprang auf. In der Mitte des Bergs saßen zwei junge Frauen an Spinnrädern und arbeiteten. Ihnen zu Füßen, an einem Tisch gefesselt, kauerte der Teufel, seiner Macht beraubt. Ringsherum glitzerten Berge von Gold und Edelsteinen. Die Königstochter sagte: „Nimm so viel Du willst.“ Das ließ sich der Schäfer nicht zweimal sagen. Er griff, soviel er tragen konnte. Dann, als er wieder hinaus wollte, sagte die Königstochter: „Vergiss das Beste nicht.“ Der Schäfer glaubte, sie meine die Schätze. Er dachte kurz nach, befand, dass er sich gut eingedeckt habe und ging. Aber sie hatte die Springwurzel gemeint, die er auf dem Tisch zurückgelassen hatte. Kaum war der Schäfer draußen, fiel das Tor krachend hinter ihm zu. So brachte er zwar große Reichtümer nach Hause, aber den Eingang fand er nie wieder.

 

Die Sage von der Schwester Irmgard

Nicht nur oben auf dem Berg, sondern auch rund um die alte Stadt Lügde erzählten mir die Menschen Geschichten, die sie und auch mich nicht losließen. Als ich spätabends einmal von der Herlingsburg kam, musste ich an die Geschichte von Schwester Irmgard denken. Ihre blutig-graue Gestalt, so sagt man, könne man an dem Bache sehen, an dem ich gerade ging. War dort nicht ein Schatten? Ich will euch die Geschichte, auch wenn wir sie nicht in unsere Sagensammlung aufgenommen haben, nicht vorenthalten, denn sie hat mich tief berührt.

Schwester Irmgard lebte in einem reichen Nonnenkloster, von dem in der Schlucht in Richtung Hermannsburg eine Oelmühle mit einer Teichanlage betrieben wurde. Obwohl sie als Nonne ein Gelübde abgelegt hatte, konnte Irmgard einem jungen Müller, der in der Mühle arbeitete, nicht widerstehen. Immer wieder hatte er ihr bewundernde Blicke zugeworfen, die sie nicht vergessen konnte. Es kam, wie es kommen musste. Jede Nacht trafen sich die beiden im Klostergarten und liebten einander. Er versprach Irmgard ein Leben am Rhein anstatt hinter grauen Klostermauern. Doch es sollte bei dem Versprechen bleiben. An einer Heirat war der Hallodri nicht interessiert, erst recht nicht, als er bemerkte, dass Irmgard ein Kind von ihm erwartete. Immer deutlicher sah man die Rundungen ihres Leibes, und als die arme Irmgard nicht abließ mit ihren Bitten, ihrem Flehen und Beschwören, da blieb er ganz aus. Irmgard war am Boden zerstört, doch es sollte noch schlimmer kommen. Als sie trübselig hinab auf den Pfad blickte, den der Müller sonst zu kommen pflegte, hörte sie plötzlich wirres Gemurmel auf den Gängen des Klosters. Bald konnte sie die Stimme der Oberin heraushören: „Wie konntet ihr mir nur solche Schande so lange verhehlen?“, fragte sie die Schwestern. Nicht länger sei die Ehrlose geduldet. „Hinausstoßen wollen wir sie in die falsche Welt, deren trügerische Lockungen sie ihr Ohr lieh; dort möge sie, allem Elend preisgegeben, ihre Tat bereuen!“

LügdeSchwesterIrmgard

Die Nonnen kamen näher, standen sie vor Irmgards Zelle. In dem Moment, als sie eintraten, riss die Gequälte in wilder Verzweiflung das Fenster auf, stürzte sich hinab und zerschellte auf den Zinnen.

Das Kloster ist längst zerfallen und auch die Oelmühle, aber die Sage vom falschen Müllersmann und von der Schwester Irmgard lebt weiter, auch ich habe sie auf meiner Reise vernommen.

 

Die Geschichte von den Riesen vom Schildberg und vom Osterberg

An einem anderen Tag, als ich den Köterberg mit dem Freiherrn von Haxthausen bestieg, hörte ich von der Sage der beiden Riesen: Einer von ihnen wohnte südlich auf einem waldbewachsenen Hügel. Am Fuße des Berges stand die Harzburg, wovon nur noch die Grundmauern zeugen. Darin wohnten Hünen. Gegenüber, auf dem zwei Stunden fernen Zierenberg, stand eine andere Hünenburg. Und der Sage nach warfen sich die Riesen von diesen Burgen von Berg zu Berg Hämmer herüber und hinüber. Die Leute erzählen,  dass man das besonders gut bei Gewittern beobachten kann.

 

Foto: Christian Manthey/hameln-fotografie.de