Ostereier

Die Wurzeln des Osterfests

Zeit der Hoffnung

Von Wilhelm Gerntrup

Kaum ein anderes Fest ist so mit Symbolen befrachtet wie Ostern. Von den Christen als Auferstehung Jesu gefeiert, reicht die kulthafte Bedeutung des neben Pfingsten ältesten und wichtigsten christlichen Festes bis in die frühe Menschheitsgeschichte zurück. Ostern markiert den Zeitpunkt des Lichtwerdens, des Erwachens und der Wiederauferstehung der Natur und des Lebens. Dieser Hoffnung spendende und Neuanfang verheißende Moment wird seit Menschengedenken weltweit gefeiert. Das Gemisch zwischen christlichen und heidnischen Ursprüngen kommt bis heute im Brauchtum zum Ausdruck. Die Einzelrituale sind von Region zu Region und von Ort zu Ort verschieden.

In der Region waren vor allem Osterfeuer, Osterwasser, Eiersuchen, Osterspielen und Osteressen bekannt. Das bekannteste Symbol dürfte wohl das bunt gefärbte Osterei ein. Kultstatus hierzulande erlangte in diesem Zusammenhang allerdings nur das Hühnerei. Jedenfalls ist von einem österlichen Gebrauch anderer Gelege wie Enten-, Gänse- Schnepfen- und/oder Kiebitzeiern in heimischen Überlieferungen keine Rede. Und auch mit den von Fröschen, Schlangen und anderen Reptilien oder auch Insekten oft in riesigen Mengen produzierten Eiern vermochten unsere Altvorderen offenbar keinerlei Frühlingsgefühle zu verbinden.
Zudem hat die enge Beziehung des (Hühner-) Eis zu Ostern noch einen ganz praktischen Hintergrund. Das zur häuslichen Grundausstattung gehörende Federvieh zeigte sich, genauso wie seine Besitzer, nach dem Ende der Wintertristesse wie neu geboren und ging sofort und „aus dem Stand heraus“ zu erhöhter (Lege-) Aktivität über. Allerdings durften die bäuerlichen Untertanen nicht alle Eier für sich behalten. Nach dem im Mittelalter über Jahrhunderte hinweg herrschenden Rechtssystem musste ein Teil des gesamten landwirtschaftlichen Naturalertrags (Korn, Früchte, Lämmer, Geflügel und Eier) an die sogenannten „Grundherrschaften“ abgeliefert werden. Dazu zählten in erster Linie Adel, Bistümer, Klöster und Kirchspiele.

Osterbaum

Im Gegenzug pflegten die Vertreter der Geistlichkeit den Gelege-Bestand der „Eigenbehörigen“ insgesamt einzusegnen. Die als „Benedictio ovorum“ bezeichnete Prozedur brachte im Laufe der Zeit zahlreiche wundersame Rituale hervor. Wer geweihte Eier zwischen der Saat vergrub, dessen Korn gedieh besser. Versteckte man sie in Haus und Scheune, schützte das vor Blitz und Hochwasser. Und wenn ein gesegnetes Ei in die erste, während der Ernte gebundene Korngarbe eingeflochten wurde, blieb das Vieh im Stall gesund. Darüber hinaus versprach man sich auch eine positive Wirkung bei menschlichem Eigenverzehr. Ostereier standen im Ruf, die Manneskraft zu erhöhen. Kein Wunder, dass in der damals noch viagralosen Zeit wesentlich mehr Exemplare vertilgt wurden als heute. Nach glaubwürdiger Überlieferung brachten es männliche Osterfrühstücks-Teilnehmer auf mehr als zehn Stück. Das soll nicht zuletzt zu verstärkter Bläh-Darm-Tätigkeit geführt haben, was vor allem während des Gottesdienstes unangenehm aufgefallen sei.
Von ähnlich vielen und aus heutiger Sicht oft skurril anmutenden Legenden und Geschichten ist auch der Brauch des Eierfärbens umgeben. Angeblich gab es derartige Rituale mancherorts schon zu vorchristlicher Zeit. Wann, wo und wie es mit dem Färben in der hiesigen Region losging, weiß man nicht. Sicher ist, dass dabei bis in die jüngste Vergangenheit hinein einfache, über Generationen hinweg überlieferte Hausrezepte zur Anwendung kamen: Zwiebelschalen sorgten für braun und gelb, Brennnesseln für grün, Stockrosen für zartes Türkis, und mit Rote Beete bekam man die Eier rot. Da machte es auch nichts, wenn anschließend nicht nur die Schale, sondern auch das Gelbe im Ei anders aussah.

Neben den Eiern gehört zum Brauchtum des Osterfestes der Osterbaum. Während die meisten sich heute wohl ein paar Zweige (und damit den Frühling) ins Haus holen und sie mit bunten Eiern behänge, wurden früher Osterbäume gepflanzt. Mit Vorliebe neben dem Osterfeuer: Erhellt vom Schein des Feuers, tanzte man bei Nacht um den Baum herum. Genommen wurde dafür eine Linde, die der weiblichen Gottheit zugeordnet war (die Eiche der männlichen). In vielen deutschen Liebesliedern grünt die Linde mit ihren duftigen Blüten und herzförmigen Blättern. Auch in den Dörfern des Landkreises sieht man Osterbäume – oder zumindest etwas Osterbaumähnliches: In Rumbeck beispielsweise, oder in Welsede bei Hessisch Oldendorf: Dort steht die fünfbeinige Kreation (Foto) am Ortseingang. Die Dorfgemeinschaft hat den Brauch in den 1980er Jahren wiederbelebt. Allerdings hat man die selbstausgepusteten und bemalten Eier inzwischen durch stabilere aus Kunststoff ersetzt. Die Dorfgemeinschaft hat sogar eine Tafel gestiftet, die erklärt, dass der Brauch der Nordischen Mythologie entstamme. Sie erzählt vom Urbaum Ygdrasil, der von den Schicksalgötinnen gepflegt wird. Ein Brauch, der sich im keltischen Frühlingsfest – genannt Ostara – wiederfinde.

Eine besonders lange Tradition hat hierzulande das Einholen von Osterwasser. Eine ungeschriebene Regel besagte, dass es am frühen Ostermorgen eigenhändig und noch vor Sonnenaufgang aus einem Bach oder einer Quelle geholt werden musste. Wichtig war auch, „lebendiges Wasser“ (gegen die Fließrichtung) zu schöpfen. Das Wasser wurde das ganze Jahr über zu Hause aufbewahrt und war dank seiner besonderen Zauberkraft vielseitig einsetzbar. Es linderte oder beseitigte nahezu jede Art von Krankheit und Siechtum. Die größte Heilkraft soll es bei Augen- und Halsbeschwerden entfaltet haben. Laut Heimatschriftsteller Börner holten gesundheitsbewusste Schaumburgerinnen einen ganzen Kübel in den Keller, um alle Hausbewohner darin baden zu lassen. Dann blieb jeder bis zum nächsten Ostara-Fest gesund. Eine wundersame Wirkung wurde dem Osterwasser auch bei jungen Mädchen nachgesagt. Man glaubte, dass es deren Liebreiz steigern und die Sommersprossen vertreiben würde. Das klappte aber nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Auf dem Rückweg vom Bach durfte den Wasserträgerinnen kein Wort über die Lippen kommen. Das war nicht ganz einfach. Die Burschen des Ortes lauerten den heimkehrenden Dorfschönen auf und versuchten, sie durch allerhand Schabernack aus der Fassung zu bringen.
Bleibt die Frage, was der Begriff Ostern bedeutet und wer ihn „erfunden“ hat. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein wurde das Wort gern und oft mit einer germanischen Göttin namens „Ostara“ in Verbindung gebracht. „Das heilige fest der Christen, dessen tag gewöhnlich in den april oder den schluß des merz fällt, trägt in den frühesten Sprachdenkmälern den namen ostara“, heißt es in der 1835 von Jakob Grimm herausgegebenen „Deutschen Mythologie“. Bei dieser Ostara müsse es sich um „ein höheres wesen des heidenthums“ gehandelt haben. In der Folgezeit habe die Namensgebung „so feste wurzel geschlagen, daß die bekehrer (christliche Missionare) den namen duldeten und auf eins der höchsten christlichen jahresfeste anwandten“.

Die Ostara-Geschichte fiel vor allem bei den Anhängern völkisch-nationaler Denkungsart vor 1945 auf fruchtbaren Boden. Mittlerweile aber mehren sich die Zweifel. Für die Existenz einer heidnischen Himmelsbewohnerin dieses Namens gebe es keinen Beweis, heißt es in dem 2005 erschienenen „Wörterbuch des Aberglaubens“ des Volkskundlers Dieter Harmening. Nach den Erkenntnissen des aus Bückeburg stammenden Professors ist die Wortschöpfung Ostern erst nach der Christianisierung entstanden, habe mit Osten zu tun und bedeute vor dem Hintergrund der Auferstehung Christi „Fest der Morgenröte“.