Der Tod

Im Angesicht des Todes

Über den Umgang mit einer unerbittlichen Macht

Von Cornelia Kurth

Mit dem Tod lässt sich nicht scherzen. Wer mit ihm verhandeln oder ihn überlisten will, wer einen Flirt versucht oder einen Kampf, wird immer verlieren. Anders als der vielgestaltige Teufel ist der Tod auch in unseren Märchen und Sagen eine eher anonyme und dabei unerbittliche Macht. Dass er oft als ein „Schnitter“ daherkommt, als „Sensenmann“, ändert daran wenig. So, wie ein Bauer ungerührt sämtliche Blumen und Gräser auf der Wiese, sämtliche Ähren auf einem Kornfeld abmäht, so mäht der Schnitter Tod unterschiedslos alle Menschen um.

Dabei bleibt der Tod fast immer kühl und nüchtern, allen gruseligen Darstellungen als grinsendes Gerippe oder in einen dunklen Kapuzenmantel gehüllte Männergestalt zum Trotz. „Hat Gewalt vom höchsten Gott“, heißt es in einem Lied aus dem 17. Jahrhundert. Auch wenn er sein Messer wetzt, um dreinzuschneiden, tut er das nicht aus persönlicher Grausamkeit. Er ist eine Art Söldner, der konsequent die ihm aufgetragene Arbeit erledigt, ohne dabei eigene Gefühle zu zeigen. Wo der Teufel bösartig oder listig, tölpelhaft oder rachsüchtig und also sehr menschenähnlich auftritt, erscheint der Tod so gut wie immer als unbeirrbar, unbestechlich, unangreifbar.
Unter den Grimm’schen Märchen gibt es unzählige, in denen der Teufel leibhaftig eine Rolle spielt, aber nur ganz wenige, wo der Tod als Person auftritt. Eines der berühmtesten Märchen ist die Geschichte vom „Gevatter Tod“. Da sucht ein armer Bauer für sein dreizehntes Kind einen Paten. Gott und Teufel lehnt er ab, weil sie Armut und Reichtum so ungerecht verteilen, den Tod aber nimmt er an, denn der macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Das Patenkind wird ein berühmter Arzt, der immer weiß, ob er jemanden retten kann oder nicht. Als er aber gegen des Todes Anweisung trickreich den König und seine Tochter weiterleben lässt, tritt der Tod, ohne sich erweichen zu lassen, das Lebenslicht des eigenen Patenkindes aus.

Ein zweites Märchen ist ein rechtes Lehrstück über die nüchterne Persönlichkeit des Todes. Einem Mann, der ihm einmal helfen konnte, verspricht er, ihn nicht überraschend zu holen, sondern ihn durch seine Boten vorzuwarnen. Du hast dein Versprechen nicht gehalten, empört sich der Mann, als der Tod überraschend an seiner Tür klopft. „Schweig!“, erwidert der Tod und zählt seine bereits gesendeten Boten auf: das Fieber, den Schwindel, die Gicht, die schlaflosen Nächte.
Tatsächlich scheint es nur ein einziges bekannteres Märchen zu geben, in dem der Tod schließlich unverrichteter Dinge abziehen muss, ein Märchen aus Ungarn, in dem „Frau Elend“ den Tod überlistet und also unsterblich ist.

So ist es nicht verwunderlich, dass der „Ackermann aus Böhmen“, die Hauptfigur im Werk des Dichters Johannes von Tepl, entstanden um 1400, den Tod mit allen nur denkbaren Flüchen belegt, weil der ihm seine geliebte Frau genommen hat. „Grimmiger Tilger aller Leut, schädlicher Ächter aller Welt, furchtbarer Mörder aller Menschen, Tod, seid verflucht!“, spricht er, doch all seine Sprachgewalt und seine herzzerreißende Klage lassen den Tod kalt und ändern nichts an des Menschen Schicksal.
Um dieser Unausweichlichkeit etwas entgegenzusetzen, hat der Volksmund nicht wenige Redensarten entwickelt, ganz im Sinne von Wilhelm Buschs „Vogel auf dem Leim“, der tiriliert, auch wenn die Katze ihn gleich erwischen wird. „Nach dem Tod braucht man nicht zu schicken: Er kommt selber“, ist einer dieser Sprüche, „Umsonst ist nur der Tod (und selbst der kostet das Leben)“ ein anderer. Das Sprichwort „Den Geizhals und ein fettes Schwein, sieht man im Tod erst nützlich sein“, versucht es mit Humor.
Die meisten Redewendungen aber entkommen nicht dem Fatalismus, der mit dem Tod untrennbar verbunden ist. „Dem Tod ist niemand zu stark“; „Der Tod macht allen Feierabend“; „Es ist ein bitter Kraut um den Tod“, oder: „Was geboren ist, ist vom Tod geworben“ können als Beispiele dafür stehen.

Wo es darum geht, Tod und Sterben nicht direkt zu benennen, sondern durch Sarkasmus in den Griff zu bekommen, entwickelten sich Redewendungen rund um das Sterben wie „Ins Gras beißen“; „hopsgehen“; „In die Kiste hüpfen“ oder „Den Schirm zumachen“. Im Massensterben des Ersten Weltkrieges entstand: „Sich die Radieschen von unten ansehen.“
Manche solcher Umschreibungen kann man erst mit einer zusätzlichen Erklärung wirklich verstehen. „Den Löffel abgeben“ spielt darauf an, dass im Mittelalter jeder meist nur einen einzigen Löffel besaß, den man im Tod dann vererbte. „Abkratzen“ ironisiert die höfische Sitte, sich mit einem „Kratzfuß“, also mit einer Verbeugung aus einer Begegnung, zu verabschieden. „Das Zeitliche segnen“ bezieht sich auf die Vorstellung, dass der letzte Segen eines Sterbenden besondere Wirkung habe und er damit noch mal etwas Gutes für die im „Zeitlichen“ Hinterbliebenen tut. „Über die Wupper gehen“ erinnert daran, dass einst in Wuppertal der Friedhof auf der anderen Seite der Wupper lag und die Toten dorthin übergesetzt wurden. Auch die Gerichtsinsel befand sich dort, wo Gefangene hingerichtet wurden.
Da es nicht leicht ist, sich den Tod als eine handelnde Person und nicht als einen Zustand vorzustellen, begegnet man in vielen Kulturen nicht dem Tod persönlich, sondern seinen Boten, beziehungsweise den Überbringern des Todes. Da ist der griechische Thanatos, finster und mit „eisernem Sinn“, der den Sterbenden bei ihrem Übergang ins Totenreich eine Locke abschneidet; oder die römische Todesgöttin Morta, die mit ihrer Schere den Lebensfaden der Menschen durchtrennt. Die alten Ägypter wurden vom hundegestaltigen Anubis ins Reich des Todes geführt.

Die Bibel aber lässt ihn, den Tod, in der „Offenbarung“ auf einem „fahlen Pferd“ daherreiten, damit er, gefolgt von Schreckenswesen aus der Unterwelt, das ewige Gericht ankündige. Der biblische Prophet Jeremia war es, der den Tod erstmals als „Schnitter“ auftreten ließ, kalt, grausam, mitleidslos, wie er so oft charakterisiert ist: „Er rafft das Kind von der Straße weg, von den Plätzen die jungen Männer. Die Leichen der Leute liegen wie Dünger auf dem Feld, wie Garben hinter dem Schnitter.“ Die norddeutsche Sage „Der schnelle Reiter Tod“ greift das „Offenbarungsmotiv“ des Todes auf dem fahlen Pferd wieder auf. Eine Braut, die ihren verstorbenen Bräutigam vermisst, hebt er zu sich auf den Sattel. „Der Mond, der scheint so hell, der Tod, der reitet so schnell, mein Liebchen, graut dir nicht?“
Wie vertraulich geradezu wirkt da die Anrede des Todes als „Freund Hein“. Der Dichter brachte diesen Namen unter die Leute. „Hein“ steht als Abkürzung für den sehr gebräuchlichen Vornamen „Heinrich“, für den Nachbarn sozusagen, der beiläufig mal eben vorbeischaut und den man harmlos einlässt, auch wenn er es einem nicht dankt.
Philosoph Epikur sieht die Sache mit dem Tod ganz anders. „Warum sollte man Angst vor dem Tode haben“, fragt er. „Solange wir leben, ist der Tod nicht da und sobald er da ist, sind wir nicht mehr da.“

 

Foto: Julia Niemeyer