Opferbild Götter

Die Götter des Nordens

Noch immer erinnern Wochentage an ihre Herrschaft

Von Cornelia Kurth

Sie kennt das Schicksal aller, doch sie verrät kein Wort. Er will in die Zukunft sehen und opfert dafür sein Auge. Und dann ist da einer, der sich als bester Freund ausgibt, und schließlich alle verrät. Die nordische Götterwelt ist rau, ja brutal. Ihre Gottheiten sind sterblich und müssen untergehen. Und doch spielen sie bis heute in unseren Alltag hinein.

Man nehme nur die Wochentage. So sehr die Christianisierung des Nordens es verhindern wollte, es gelang nicht wirklich, die heidnischen Namen der Wochentage zu verdrängen. Selbst da, wo kein nordischer Gott zum Namensgeber wurde, konnte sich nichts Christliches etablieren. Der „Samstag“ leitet sich vom jüdischen Sabbat ab, und der „Mittwoch“, der in England mit dem Namen „Wednesday“ noch auf den obersten Germanengott „Wotan“ anspielt, er bezeichnet im Deutschen einfach nur den mittleren Tag der Woche. Andererseits: Wer nicht gerade ein Freund von Fantasyspielen oder -filmen ist, weiß meistens wenig über die Götter, denen die Menschen auch im Weserbergland mit Leidenschaft dienten.


Die meisten germanischen Gottheiten stammen aus dem Geschlecht der Asen, dem jüngeren, der beiden Göttergeschlechter. Zu ihnen gehört auch die Himmelskönigin Frigg, die dem Freitag ihren Namen gab (nicht Freya, wie oft angenommen wird). Frigg ist es, die um das Schicksal aller Wesen weiß und die doch niemals darüber spricht. Ihre Weisheit lässt sie schweigen. Was nützt es, die Zukunft zu kennen, wenn man doch keinen Deut daran ändern kann? Frigg selbst, die die Fäden des Schicksals mit ihrer Spindel spinnt, musste das schmerzlich erfahren.
Voraussehend, dass ihr Sohn Baldur sterben wird, nahm die Göttin allen Tieren und Pflanzen den Eid ab, Baldur niemals zu schaden. Das machte ihn praktisch unverwundbar. Nur an der scheinbar unbedeutenden Mistel ging sie vorbei. Das nutze Gott Loki, der Verräter, aus. Bei einem Wettkampfspiel drückte er Baldurs blindem Bruder einen Mistelzweig als Waffe in die Hand. Das ist Baldurs Tod. Frigg kennt auch das Untergangsszenario von Götter- und Menschenwelt, Ragnarök, und hält sich raus. Die Vorbestimmungas nimmt ihren Lauf, so oder so.
Das gilt auch für Wotan (Odin), den Götterkönig. Er ist verantwortungsvoll, wissbegierig und zum Opfer seines Auges bereit, um das Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können, vergebens. Die beiden Raben Hugin („Gedanke“) und Munin („Erinnerung“), die für ihn die Welt ebenso erkunden, wie die Wölfe Geri („Der Gierige“) und Freki („Der Gefräßige“), sie können ihm nur insoweit unterstützen, als die Vorsehung es sowieso erlaubt. Wotan ist sowohl Kriegsgott auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir, als auch ein geheimnisvoller Wanderer, der, ähnlich wie Tolkiens Zauberer Gandalf, unerkannt die Lande durchstreift. Bei der Ragnarök, oft übersetzt als „Götterdämmerung“, wird er vom Fenriswolf verschlungen. Es hatte nichts genützt, dass dieses Ungeheuer zuvor für immer in Fesseln zu liegen schien.


Auch hier hat Gott Loki die Hand im Spiel, der wohl rätselhafteste Gott im Norden. Schön, klug, listig und verschlagen soll er sein, der Sohn eines Riesen, begabt unter anderem mit der Fähigkeit eines Gestaltenwandlers. Er ist der Vater vom Streitross Sleipnir, das er Wotan überlässt, und auch Vater vom Fenriswolf, der Wotans Untergang besiegelt. Eigentlich zum Geschlecht der Asen gehörig und freundschaftlichst mit Wotan und seinem Sohn Thor befreundet, schließt er sich im letzten Kampf mit den Riesen zusammen.
Die Grausamkeit der Erzählungen in der Edda, der Liedersammlung mit den Geschichten rund um die Germanen-Götter, zeigt sich auch an Lokis Schicksal. Zur Strafe für den Mord an Baldur werden zwei seiner Söhne in Wölfe verwandelt. Der eine Bruder zerreißt den anderen, und mit dessen Gedärmen fesselt man Loki an drei Felsen. Über ihm befindet sich eine Giftschlange, aus deren Maul ätzendes Gift auf den Verräter-Gott tropft, der sich vor Schmerzen aufbäumt, so dass die Erde bebt. Erst zu Beginn der Ragnarök kann er sich befreien, fällt aber ebenso wie fast alle anderen Götter im Kampf.


Auch die Sonnengöttin „Sol“, an die der Wochentagsname des Sonntag erinnert, hatte es nicht leicht in ihrem Götterleben, ebensowenig Mani, der Mondgott, nach dem der Montag benannt ist. Sie beide lenken Sonnen- und Mondwagen über die Erde, und beide werden ununterbrochen von ungeheuerlichen Wölfen verfolgt, die sie endlich doch einholen und an Ragnarök verschlingen.
Thor, der „Donnerer“, (welchem Wochentag gibt er wohl den Namen?), Gott des Wetters und der Vegetation und dazu Beschützer von Midgard, der Menschenwelt, ist umgeben von zahllosen Erzählungen, die ihn zu einem der größten Helden der Götterwelt machen. Als Wotans Sohn besitzt er ein eigenes Reich und einen eigenen Palast, den größten, der in der Asgard-Götterwelt je erbaut wurde. Gleichwohl muss er sich als Frau, als Braut gar verkleiden, um seinen gestohlenen Hammer zurück zu erlangen, und sich im Zweikampf einer Frau geschlagen geben. Wer hätte den alten Germanen zugetraut, dass sie ihren großen Kämpfer-Gott, der im Himmelwagen donnernd die Erde umrundet, eine derartige Erniedrigung zumuten würden.
Tyr, der Dienstags-Gott, war einst ein Himmelsvater, dem römischen Zeus nicht unähnlich. Er gilt als Wahrer des Rechts, als Beschützer der Thingversammlungen. Ein großer Krieger ist er außerdem, der sich mit seinem Schwert in jedes Schlachtgetümmel wirft, auch dann noch, als er seine rechte Hand geopfert hat, damit der Fenriswolf gefangen gehalten werden kann. Als Linkshänder tötet er den Höllenhund Garm, muss dabei aber sein eigenes Leben ebenfalls lassen.


Wie wohltuend ist es bei all diesen Schicksalsschlägen, von der Frühlingsgöttin Ostara zu lesen, die der Legende nach nicht nur lieblich und liebreizend war, sondern auch den Hasen erschuf, und zwar aus einem Vogel: Daher, so könnte man meinen, ist es der Hase, der die Ostereier bringt. Gerade, weil in Bezug auf Ostara so gar nicht von Grauen, Leid und Untergang die Rede ist, spricht Einiges dafür, dass es diese Göttin, von der sich die Bezeichnung für „Ostern“ ableiten soll, wohl nie gegeben hat. Die Forschung streitet sich jedenfalls heftig darüber. Die Mehrheit geht davon aus, dass das Wort „Ostern“ sich eher von der Himmelrichtung „Osten“ ableitet, und „Ostara“ nur eine Erfindung ist, die durch Jakob Grimm weitergetragen und durch die Romantiker nur zu gerne aufgenommen wurde.


Ebenfalls von Jakob Grimm ist auch ein Ernte-Spruch aus dem Schaumburger Land überliefert, der sich direkt auf „Wold“, also Wotan bezieht und ihn als einen guten Gott beschwört, der schon dafür sorgen wird, dass es genug zu Essen und zu Trinken geben wird: „Wold, Wold, Wold! Himmelshüne weiß was geschieht, vom Himmel er herunter sieht, volle Krüge und Garben gibt er, im Walde wächst mancherlei: Er ist nicht geboren und wird nicht alt. Wold, Wold, Wold!“
Solche Sprüche wurden vermutlich bei rituellen Opferhandlungen ausgerufen. Auf dem Hohenstein gibt es einen großen Steinblock, der noch heute „Altar“ genannt wird, und von dem man annimmt, dass er ein Opferstein im Rahmen der germanischen Götterverehrung gewesen sein könnte. Auch der Todtenberg bei Groß Berkel war so eine Kultstätte. Mit der Christianisierung wurde sie aufgegeben und, ausgerechnet, zum Richtplatz gemacht, wo so mancher Bürger zur Strafe für seine Untaten das Leben lassen musste.

Hintergrund

Götter Ostara Thor Loki