Scherben

Vom Aberglauben

Der ewige Wunsch, die Welt berechenbar zu machen

Von Richard Peter

Glaube ist das eine, Aberglaube das andere. Und manchmal verwischen die Begriffe bis zur Unkenntlichkeit. So aufgeklärt wir auch sind – die Nummer 13 als Hotelzimmer ist immer noch weitgehend tabu. Auch wenn sich im Fußball die Nummer längst durchgesetzt hat. Dennoch: man logiert auf 12 a – oder die Zahl wird vorsichtshalber übersprungen. Es gibt sie einfach nicht. Ursprung des so hartnäckig sich behauptenden Mythos: Judas war der 13. am Abendmahlstisch. Und weil Jesus an einem Freitag starb, ist Freitag der 13. ein potenzieller Unglückstag. Vor allem in Italien – samt Empfehlung: „nichts zu tun“. Was ihnen möglicherweise entgegenkommt. Vor allem: kein Violett zu tragen“ – warum auch immer. Dazu kommt, dass an einem Freitag dem 13. der französische König Philipp IV. die Verhaftung der Tempelritter angeordnet hat. Ein Blutbad. Und quasi als i-Tüpfelchen: die 13 gilt als Dutzend des Teufels. Übrigens gibt es in jedem Jahr mindestens einen Freitag den 13. - 2012 wurde mit drei Unglücks-Freitagen deren Höchstzahl pro Jahr erreicht.

Schon Augustinus hat sich in seinem Hauptwerk „De civitate Dei“, also dem Gottestaat, ausführlich mit dem Aberglauben beschäftigt. Allerdings glaubte er noch an Dämonen als gefallene Engel Gottes. Kollege Thomas von Aquin sah den Aberglauben als „sittlichen, intellektuellen und religiösen Verfall“.
Erst mit der Aufklärung fand ein Wandel statt, traten naturwissenschaftliche Prinzipien und die Vernunft in den Vordergrund. Auch wenn sich der Aberglaube und seine unausrottbaren Mythen tapfer am Leben hielten. Gegen alle Logik Volksglaube wurde. Immanuel Kant formulierte – wie immer, bitte zwei Mal zu lesen: „Aberglaube ist der Hang, in das, was als nicht natürliche Weise zugehend vermeint wird, ein größeres Vertrauen zu üben, als was sich nach Naturgesetzen erklären lässt.“ Klar doch.
Die Hoffnung stirbt zuletzt – und schließlich: auch wenn es vielleicht nicht hilft, es schadet auch nicht. Wie bei den Globuli. Wie beim todsicheren System bei Glücksspielen. Auch wenn es da schadet. Pekuniär zumindest. Wenn der Glaube schon Berge versetzt – gilt das auch für den Aberglauben. Und schon Shakespeare behauptete, dass „es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt“. Aberglaube als universelles Phänomen.

Warum sollen Scherben eigentlich Glück bringen? Weil durch ihr schepperndes Klirren angeblich böse Geister vertrieben werden. Noch immer werden bei Schiffstaufen Flaschen am Bug zerdeppert und bei Polterabenden wird viel klirrender Lärm um Nichts gemacht.
Umgekehrt bringen Spiegel-Scherben Unglück, weil ein Spiegel die Seele der Hineinschauenden beherbergt. So zerbricht die Seele – sieben Jahre Pech als Folge. Nicht zu empfehlen – wenn auch nicht mehr ganz so gebräuchlich und präsent – unter einer Leiter durchzugehen. Das Dreieck besitzt seit Urzeiten heilige Bedeutung. Der Raum wird beim Durchschreiten verletzt und zieht Strafe nach sich. So einfach ist das. Immer noch klopfen wir hoffnungsvoll drei Mal auf Holz, wenn wir das Glück beschwören wollen – scherzhaft auch auf den eigenen Kopf – was auf die Glückszahl drei verweist, aber auch ganz reale, nachvollziehbare Vorbilder hat. Seeleute klopften drei Mal an den Mast und Bergleute versicherten sich mit dem Klopfen an die Stützbalken – denn: heller Ton bedeutete trockenes Holz, dumpfer Ton vergammeltes. Schlicht Lebensversicherung.

Und wenn wir Silvester feiern, kommt eine Vielzahl an Symbolen zum Einsatz, um das kommende Jahr für uns günstig zu stimmen. Der Feuerzauber am Mitternachtshimmel vertreibt Dämonen und aktiviert Schutzengel.
Vierblättriger Klee, weil er so selten ist – und Achtung für alle, die dran glauben! – unbedingt zufällig zu finden ist. Gezüchtete, wie sie heute vornehmlich zu finden sind und millionenfach vertrieben werden – bringen sogar Pech. Ein Hufeisen über der Tür – damit es dem Teufel auf den Kopf fällt, wie es früher hieß – muss unbedingt mit der Öffnung nach oben zeigen. Was immer wieder genau umgekehrt praktiziert wird.
Und assoziativ gedacht: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie’s ist. Was das Glücksschwein betrifft – der wilde Eber war schon den Germanen heilig – und Schwein hat man sprichwörtlich, wenn man Schwein hat. Fett, Speck, viel Fleisch und Würste. Wenn das kein Glücksbringer ist.
Das gilt, anders auch für den Schornsteinfeger, der allein durch seine Anwesenheit Glück versprach, weil er die Kamine putzte und damit verheerende Brände vermied. Höhepunkt des Glücks war, einem der schwarzen Männer an einem seiner Silberknöpfe seiner Montur zu drehen. Heute tut es stellvertretend auch das Gefummel am eigenen Exemplar, weil der Schornsteinfeger als solcher nur noch folkloristisch zu Silvester auftaucht.
Apropos „schwarzer Mann“ – wobei schwarz nicht immer für Glück steht. Im Gegenteil. Die berüchtigte „schwarze Katze“ vor allem, wenn sie von links nach rechts die Straße wechselt, erzeugt bei Autofahrern noch immer Schwitzehändchen, auch wenn man natürlich nicht an solchen Blödsinn glaubt. Tierheime können ein Lied davon singen: schwarze Hunde und schwarze Katzen sind schwer vermittelbar. Wer holt sich schon den personifizierten Teufel ins Haus.
Was ebenfalls Unglück provoziert: ein schwarzer Rabe auf dem Dach – da steht eine Krankheit ins Haus. Ein Käuzchen-Ruf verhieß Tod und auch eine stehengebliebene Uhr – auch wenn man nur vergessen hat, sie rechtzeitig aufzuziehen – wies auf einen Todesfall hin. Schlechte Laune war die Folge, wenn man mit dem linken Fuß aufstand, schließlich saß einem der Teufel immer auf der linken Schulter – unverständlich warum die Briten immer noch links fahren können – und das berühmte „Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen“ erhielt sein Negativ-Image durch eine Verwechslung.

Weil das „Spinne“ überhaupt nichts mit dem Achtbeiner gleichen Namens zu tun hat – eher damit, dass die Ärmsten der Armen bereits am Morgen spinnen mussten, während die Wohlhabenden eher als Beschäftigung-Therapie abends zur Spindel griffen.
Wer in Österreich ein Messer oder eine Schere verschenkte, kassierte vorsichtshalber vom Beschenkten einen Groschen, damit das Glück nicht zerschnitten wird. Wer sich zuprostet, hat gefälligst Blickkontakt zu halten, weil sonst sein Liebesleben für sieben Jahre brach liegen könnte. Immer diese böse Sieben. Und was das Daumendrücken betrifft, waren das früher, als überall noch Galgen standen, die Daumen von Gehenkten. Heute drückt man die eigenen. Vermutlich, weil die immer zur Hand sind. Gekreuzte Finger – Zeige- und Mittelfinger – bedeuten Glück – hinter dem Rücken gekreuzt, hat man eine Art Frei-Lüge zur freien Verwendung.
Marienkäfer als Boten der Gottesmutter verhießen natürlich Glück – und was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, der Tritt in einen Hundehaufen bedeutete unseren Vorfahren nichts als Glück, auch wenn uns eine Taube auf die linke Schulter schietete. Dort saß ja der Teufel, dem wir das gönnten.
Zwischen den Zeiten, den sogenannten Rauhnächten, durfte keine Wäsche gewaschen werden. In der sogenannten „stillen Zeit“ waren alle Arbeiten verboten. Vermutlich eine Erfindung überlasteter Hausfrauen, die wenigstens einmal im Jahr ein bisschen Ruhe wollten. Schließlich waren sie zu den Festtagen in der Küche sowieso besonders gefordert. Im Übrigen wurden in den Rauhnächten die Ställe und Wirtschaftsräume ausgeräuchert und diesen Duft wollte man partout nicht in der Wäsche haben. In Österreich wurden in dieser Zeit nächtens auch alle Tore geöffnet, um den wilden Geisterhorden freien Durchgang zu gewähren. Wer wollte schon gerne zertrümmerte Türen.

Je höher die Ungewissheit, desto intensiver das Bedürfnis himmlische und andere Mächte um Beistand zu bitten – zur Hilfe zu verpflichten. Wer immer etwas verloren hatte, erfolglos suchte, hat sich an den heiligen Antonius oder die Hundertschaften an Seligen und Heiligen gewendet, die man um Hilfe anflehen konnte. Man kann sich übrigens auch mit dem Teufel verbinden. Je ausgelieferter, desto höher der Wunsch nach transzendentaler Hilfe. Dass das so ist, beweist auch und vor allem die Bohne mit ihren unendlichen Stolperfallen, Zufällen – dem Ausgesetztsein im Scheinwerferlicht und im Fokus hunderter kritischer Augen.
Sie sind nun mal extrem im Blickpunkt, die Akteure, die sich und ihre Gefühle so ungeschützt ausbreiten. Eine Art seelische Prostitution. Abhängig sind von so vielen Faktoren. Jede Pointe kann gnadenlos gekillt werden. Was Wunder, dass Komiker oft verbitterte Hagestolze sind. Unendlich die Regeln, die Pleiten, Pech und Pannen auf den weltbewegenden Brettern verhindern sollen. Wer immer eine Bühne betritt – Ausnahme: es gehört zu Stück und Rolle oder man war Joseph Beuys oder ist aktuell Udo Lindenberg – darf das nur unbehütet. Und natürlich darf auf der Bühne nicht gepfiffen werden – und wer über die Rampe ins Parkett hüpft, gefährdet zumindest alle Erfolgsaussichten eines Stücks. Eine eigene, eigenwillige Welt, auch wenn die vielen ungeschriebenen Gesetze und Rituale zur Katastrophen-Vermeidung heute kaum noch praktiziert werden. Pfeifen ist längst nicht mehr so tabuisiert, seit bei Rock-Konzerten so pure Begeisterung ausgedrückt wird. Aber noch immer bespucken sich Kollegen vor Premieren – über die linke Schulter, wo der Teufel sitzt – irren Regisseure kurz vor Premieren traumverloren über die Bühne und bespucken den Boden. Drei Mal.

Dem Schicksal ausgeliefert, halten sich seit Jahrtausenden die Rituale und der Aberglaube. Woche für Woche werden Millionen ins Lotto investiert und schon 500 vor Christi befragte Krösus das Orakel von Delphi. Wie prophezeit, hat er ein Weltreich zerstört. Pech – es war sein eigenes. Die Römer kannten den Begriff „Superstitio“, was so viel wie „Überglaube“ bedeutet. Die treibende Kraft: unterschwellige Ängste. Und weil wir nun mal alle so ein bisschen abergläubisch sind, auch wenn wir das gar niemals nicht zugeben würden: Toi, toi, toi und über die linke Schulter gespuckt. Dem Teufel mitten ins Gesicht.