Würfel

Kleine Geschichte des Glücksspiels

Von Pharaobank und Würfelglück in Wirtshäusern

Von Wilhelm Gerntrup

Ob beim Karten- oder Würfelspiel, im Casino, beim Pferderennen, per Lottoschein oder beim (Internet-) Poker – der Wunsch, einen unverhofften Glückstreffer zu landen, gehört zu den größten und ältesten Sehnsüchten der Menschheitsgeschichte. Die Erfolgsaussichten sind bekanntlich gering. Mehr noch. Millionen von Männern, Frauen und Familien sind am unbezähmbaren Wunsch nach dem schnellen Geld zugrunde gegangen. Das hat nicht zuletzt mit der Reaktion der Obrigkeit zu tun. Nicht selten wurde versucht, der Sucht mithilfe halbherzig-widersprüchlicher Gesetze und Appelle beizukommen.



Über Anfänge, Entwicklung sowie Art und Umfang der Glücksspielerei im Weserbergland ist wenig bekannt. Bis Ende des Mittelalters dürfte sich die ländlich-bäuerlich geprägte heimische Bevölkerung, wie andernorts auch, mit einfachen Würfel- und Kartenspielen vergnügt haben. Geeignete Treffpunkte waren Wirtsstuben und/oder Marktplätze. Zu Markt- und Kirmestagen pflegten sich, neben Kaufleuten und Händlern, auch Akrobaten, Gaukler, „Planetenleser“ (Wahrsager), Quacksalber und andere Heilsbringer einzufinden. Mit großer Wahrscheinlichkeit mischten auch Glücksspiel-Anbieter mit. Eine Bedrohung für Moral und Existenz der Untertanen sah die Obrigkeit in deren Auftreten offenbar lange Zeit nicht.

Das änderte sich in der Zeit Ende des 17. /Anfang des 18. Jahrhunderts. Auslöser war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Die mit großem Trossgefolge umherziehenden Landsknecht-Horden hatten ein zuvor nie erlebtes Ausmaß an Gewalt, Tod und Chaos hinterlassen. Recht, Gesetz und öffentliche Ordnung lagen am Boden. In großen Teilen des Reichs machten sich Willkür, Verrohung und Sittenverfall breit. Immer mehr Leute vertrieben sich die Zeit mit „Hasard“ (damals „Hazard“). Das ausgeklügelte Glücksspiel mit zwei Würfeln war bald so populär, dass es zum Inbegriff und Markenzeichen für jedwede Form von Abzocke wurde.
Anfang des 18. Jahrhunderts rief das zunehmend von Gewalt und kriminellen Machenschaften begleitete Glücksspiel-Fieber immer mehr Landesherren auf den Plan. Die meisten versuchten – mangels anderer Möglichkeiten – dem Problem mit Verboten und Strafandrohungen beizukommen. Die Weisungen fielen, je nach regionalem Erfordernis, sehr unterschiedlich aus. Eine der ersten und weitreichendsten Regelungen für Bewohner des heutigen Weserberglands unterschrieb vor gut 280 Jahren der kurhessische Landgraf Friedrich I. (1730-1751), zu dessen Untertanen bekanntlich auch die Einwohner aus der Gegend um Rinteln gehörten. Die Karten- und Würfel-Spiele hätten „dergestalt um sich gegriffen und überhand genommen, daß viele, bey denen sie zur leydigen Gewohnheit werden, dadurch nicht nur zu ihrem und derer ihrigen ohnersetzlichen Schaden in Armuth und gänzlichen Ruin gebracht“, sondern daraus auch „vielfältiger Zanck und Streit, wie auch Schlägereyen und Duelle, ja oftermalen gar Mord und Totschlag entstanden“ seien, heißt es in der am 7. Januar 1733 „publicireten“ Verordnung.

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Der in Kassel residierende Landesherr ordnete an, „daß generalement (generell) Hazard-Spiele in keinem Wirths-, Wein-, Caffee-, Bier- und anderm der gattung publiquen Hauß weiter getrieben werden“ dürften. Eine besondere Gefahr gehe unter anderem von Kartenspielen wie „Pharaon“ (auch als „Pharo“, „Faro“ und in abgewandelter Form als „Bassette“ oder „Landsknecht“ bekannt), „Trente et quarante“ („30 und 40“) sowie Würfeln, Roulette und Lotto aus. Bei Verstößen drohten harte Geld- und/oder „Leibes-Straffen“, darunter „Pfal“ (Pranger) und „Gassenlauffen“ (Spießrutenlaufen).

Wie sich bald herausstellte, war es mit der Ernsthaftigkeit und Durchsetzungsfähigkeit der von Friedrich und anderen Feudalherrschern auf den Weg gebrachten Kampfansagen nicht sonderlich weit her. Nur wenig später gingen etliche seiner Kollegen sowie mehrere reichsunmittelbare Städte daran, die im Gefolge der europäischen Freiheitsbestrebungen stark steigende Glücksspiel-Nachfrage für die eigene Kasse zu nutzen.

Während die kleinen Leute ihrer Leidenschaft weiterhin in Kaschemmen und auf Marktplätzen frönen mussten, wurden für die besseren Kreise staatlich konzessionierte und kontrollierte Spielhallen und Spielbanken eingerichtet. Als Standorte boten sich insbesondere die immer mehr in Mode kommenden Heil- und Kurbäder an – hierzulande vor allem Pyrmont, Nenndorf und Eilsen. Angeboten wurden unter anderem die aus Frankreich stammenden Kartenspiele Pharo (auch Pharao oder Faro Bank genant), Rouge et noir („Rot und Schwarz“) und Trente et quarante („30 und 40“).

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Im kleinen Fürstentum Schaumburg-Lippe scheute man sich nicht, die unterschiedliche Behandlung von arm und reich zur Staatsdoktrin zu erklären. Historischer Hintergrund: Mitte der 1790er Jahre war auf Initiative der Fürstin Juliane (Reg. 1787-1799) ein unmittelbar an der preußischen Landesgrenze gelegenes Gasthaus „Kluse“ (heute Hotel „Große Klus“) zu einem Treffpunkt für bessergestellte Kreise ausgebaut worden. Zur Ausstattung des weithin als „Lustschloss“ verrufenen Etablissements gehörte auch eine „Pharaobank“. Das Angebot zielte nicht so sehr auf die kleine und eher betuliche Bückeburger Hofgesellschaft, sondern war einer zeitgenössischen Beschreibung zufolge vor allem auf die „Befriedigung der feineren Bedürfnisse der jungen und älteren Wüstlinge“ aus der nahen preußischen Provinzmetropole Minden ausgerichtet, „wo eine solche Einrichtung ihren Sitz nicht aufschlagen darf“. Wenig später ließ die lebensfrohe Bückeburger Schlossherrin eine weitere „Spielhölle“ im kurz zuvor neu eröffneten Bad Eilsen eröffnen.
Offenbar hatte die Einrichtung von Casinos auch die eigenen Untertanen zu einer zwangloseren Einstellung zum Glücksspiel ermutigt. Jedenfalls sah sich die Schlossherrschaft genötigt, eine härtere Gangart bei Verstößen gegen das seit Langem im Lande geltende Glücksspielverbot einzuschlagen. „Obgleich bereits durch ältere Verordnungen alle Hazardspiele bey nahmhafter Strafe verboten“ seien, habe man „missfälligst vernehmen“ müssen, dass „das verderbliche Spiel in Wirtshäusern und Schenken, zum Nachteil der bürgerlichen Ordnung, täglich mehr überhand“ nehme, heißt es in einem 1801 auf den Weg gebrachten Erlass. Deshalb müssten „dieser schädlichen Unordnung ernstlich und schläunige Grenzen“ gesetzt und „alles Hazartspiel, es habe Namen, wie es wolle, ohne Ausnahme, führohin an keinem Orte“ geduldet werden.
Ihre unterschiedliche Bewertung des Pharaobank- und Wirtshaus-Treibens begründete die Regierung mit „mehrjährigen Erfahrungen“. Dabei habe sich gezeigt, dass das „für Fremde und Curgäste eingerichtete Hazardspiel“ der heimischen Bevölkerung nicht gut tue und „als eine ordnungswidrige und den Unterthanen verderbliche Sache weiterhin nicht geduldet werden kann“.