Tod Manthey

Aus dem Reich des Teufels

Die Kraft, die stets das Böse will

Von Cornelia Kurth

Der Teufel hat so viele unterschiedliche Gesichter wie das Böse. Mal ist er ein hässlicher Kerl mit Gaunertricks, dann wieder erscheint er als mächtiger Dämon. Er macht sich an Menschen in Not ebenso heran wie er mit den Reichen und Herrschenden im Bunde steht. Für die Christen ist er das personifizierte Böse und Ursache für das Böse in der Welt, in Islam und Judentum dagegen dient der Teufel Gott, indem er die Frömmigkeit der Menschen auf die Probe stellt. Für manche umschwebt ihn die heroische Aura eines gefallenen Engels, und andere, wie etwa der Dichter Moliere, machen ihre Scherze: „Der Himmel dürfte aus klimatischer Sicht angenehmer sein als die Hölle“, sagt er. „Allerdings vermute ich, dass die Hölle in gesellschaftlicher Hinsicht weit interessanter ist.“

„Teufel“, das ist Martin Luthers Übersetzung des griechischen „Diabolos“, was wörtlich „Durcheinanderwerfer“ bedeutet, und weiter „Verwirrer, Verleugner, Faktenverdreher“. Im Alten Testament trägt der Teufel den Namen „Satan“, also „Gegner, Widersacher“, und tatsächlich ist er dort auch ein spitzfindiger Gegner, aber nicht Gottes, sondern des Menschen. Seine Aufgabe besteht darin, die Gottestreue des Menschen zu prüfen, indem er ihn leiden lässt oder ihm Untaten einflüstern will. Gott ist es, der Satan erlaubt, den frommen Hiob mit gehäuftem Unglück in die Verzweiflung zu treiben, ebenso, wie der „Mephisto“ aus Goethes Drama den Doktor Faustus mit Gottes Einverständnis in menschliche Abgründe führen darf. In solchen Fällen ist der Teufel ein „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft“.
Aus dem Judentum stammt ein weiterer Teufelsname, Beelzebub, „Der Herr der Fliegen“, eine Verballhornung vom Namen des großen heidnischen Gottes „Baal Zebul“, der eigentlich „Erhabener Herr“ bedeutet.
Wenn es im Sprichwort heißt: „In der Not frisst der Teufel Fliegen“, dann bedeutet das: Ein Teufel frisst auch seine eigenen Untertanen, also die Seelen, die sich ihm verschrieben haben. Aus Angst, dass allein das Aussprechen des Teufelsnamens ihn herbeirufe („den Teufel an die Wand malen“) besitzt der Teufel unzählige Pseudonyme, angefangen beim „Leibhaftigen“ und „Gottseibeiuns“ bis hin zu „Herr Urian“ (ein unerwünschter Gast) oder schlicht dem „Versucher“.
Ebenso wie Gott hat auch der Teufel sein Reich, und dort, in der Hölle, geht es, wenn man der Bibel, der Malerei und Literatur glauben darf, recht ungemütlich zu. Niemand möchte zur Strafe für seine Sünden in der Hölle schmoren. Und doch erliegen die Menschen unausweichlich den Verführungen des Teufels. Wenn sie schon nicht stehlen und morden, so lügen und betrügen sie doch, sind eitel und selbstsüchtig, geben sich sinnlichen Genüssen auf Kosten anderer hin und lieben keineswegs ihren Nächsten so, wie sie es sollten. Diese Unausweichlichkeit der Sünde und die ständige Androhung der Höllenstrafe, sie wohl führte zu dem Galgenhumor, wie er sich in so vielen Märchen und Sagen rund um den Teufel zeigt.
Nicht anders, als der politische Witz den Diktator ins Lächerliche zieht, macht sich die Volksdichtung lustig über den Teufel. Im Märchen besitzt er eine Großmutter, die ihm heimlich drei goldene Haare auszupft, damit ein Jüngling die Prinzessin heiraten kann; immer wieder wird er von armen Bauern überlistet, die Geld und Gold ergattern und doch ihre Seele behalten können; ein verarmter Soldat lockt Teufel in seinen Ranzen und haut sie dann auf dem Amboss platt, und einmal ist es ausgerechnet der Teufel, der einem abgedankten Soldaten zur Hand der Königstochter verhilft. Je nötiger ein Mensch es hat, seine Seele gegen ein besseres irdisches Leben einzutauschen, desto wahrscheinlicher ist es im Märchen und in volkstümlichen Sagen, dass der Teufel übers Ohr gehauen wird.
Auf der anderen Seite werden die wirklich Habgierigen nur all zu oft Opfer einer Teufelslist, und die versprochenen Gaben verwandeln sich nach Abschluss des Vertrages in Dinge wie Kuhmist oder eine Kröte.
Bestenfalls geht es so aus wie in der Legende zur Entstehung der riesigen Externsteine im Teutoburger Wald. Dem heidnischen Sachsenkönig versprach der Teufel, ihm einen unzerstörbaren Tempel zu bauen, um damit den Christianisierungsversuchen durch Kaiser Karl standzuhalten. Dafür sollten Widukind und seine Sachsen für immer den Heiden-Göttern treu bleiben. Tatsächlich schleppte der Teufel die 40 Meter hohen Felsen heran, doch bevor der Bau vollendet war, ließ sich Widukind von der Taufe überzeugen. Rasend vor Wut schleuderte der Teufel die Steine durch die Gegend, und wo sie niederfielen, geben sie noch immer Zeugnis von diesem missglückten Teufelspakt.
Widukind kam einigermaßen ungeschoren davon, anders als all die armen Hexen und Zauberer, die eines Bündnisses mit dem Teufel verdächtigt wurden. Der Teufel, der sie verführte, konnte als wunderschöne Frau oder prächtiger Kerl erscheinen, in Wirklichkeit aber besaß er eine Bocksgestalt, entliehen dem Vorbild des wilden griechischen Gottes Pan. Schwarz behaart, mit Hörnern, Schwanz, Hufen und Spitzbuben-Gesicht, ergab er einen recht unheimlichen Liebhaber und Bündnispartner, der beim Verschwinden großen Gestank hinterließ. Unter der Folter verrieten die verdächtigten Männer und Frauen, dass sie ihre Zauberkräfte durch die Macht des Teufels erhalten hätten, dass es aber kein Vergnügen sei, mit ihm zu verkehren. Vom Feuertod hat so ein Geständnis niemanden errettet, und auch der Teufel dachte nicht daran, hier hilfreich einzugreifen. Dass besonders viele Teufelssagen in der Region rund um den Harz angesiedelt sind, hat nach Ansicht von Historiker mit dem starken Widerstand der dortigen Menschen gegen christliche Missionare zu tun. Was vorher in die heidnische Götter- und Naturglaubenswelt gehörte, galt nun als Teufelswerk. Wer am alten Glauben festhielt, dem drohten ewige Höllenqualen. Der Teufel und die Angst, die er auslöste, erwies sich ganz konkret als der beste Helfershelfer bei der Christianisierung und überhaupt bei der brutalen Verfolgung von Glaubensabweichlern, wie etwa den Katharern, eine Glaubensbewegung, die sich „Die Reine“ nannte, und deren Name doch zum allgemeinen Begriff des „Ketzers“ führte. Wer nicht glaubte, was die Kirche vorgab, stand automatisch im Dienst des Teufels.
Angesichts dessen, dass die Kirche derart radikaler Ketzer-Verfolgungen für nötig hielt, ist es kein Wunder, dass der Teufel im Volk manchmal für mächtiger gehalten wurde als Gott selbst. „Lieber in der Hölle herrschen als im Himmel dienen“, schreibt der Dichter John Milton 1667 in seinem „Paradise Lost“. Er gilt als der Begründer der literarischen Strömung eines Satanismus, der auch sonst Anhänger fand, etwa, indem man Satansmessen zelebrierte, bei denen man vor allem in Frankreich hoffte, den Teufel mit Kinderopfern bestechen zu können. Erst mit der Aufklärung und dem Bewusstsein davon, dass das sogenannte Böse andere Ursachen hat als das Wirken eines Teufels, schwand allmählich die Macht des Satans dahin.
Der Theologe Max Henning berichtet allerdings von einem Prozess, der noch im Jahr 1906 in Salzburg gegen einen Bauern geführt wurde, weil dieser geäußert hatte: „Ich fürchte mich vor keinem Teufel. Wenn es einen gäbe, so hätte er mich schon längst geholt.“ Vielleicht ist das nur eine moderne Legende. Doch Tatsache bleibt, dass die katholische Kirche noch immer nicht auf die wahre Präsenz des Teufels verzichten kann.
Warum sonst hätte Christus für unsere Sünde sterben müssen, statt dass wir selbst die Verantwortung für unsere Taten übernehmen. Oder sollte uns doch immer wieder der Teufel reiten?

Foto: Christian Manthey

Hintergrund

Hexen Magie Tod