Keltenkreuz

Das Jahresrad der Kelten

Acht magische Zwischenzeiten

Von Dorothee Balzereit

Sagen und Mythen sind ein Spiegel der Kultur. Im Gegensatz zu Märchen, die in einer zauberhaften aber zugleich abstrakten Welt spielen, sind sie stark beeinflusst von der umgebenden Natur. Ihr Werden und Vergehen haben unsere Vorfahren genau beobachtet. Das Jahr wurde mit einem achtspeichigen Rad gleichgesetzt, das sich um die eigene Achse dreht. Alle zwei Monate begann ein neuer Abschnitt und es wurde ein bedeutungsvolles Fest gefeiert – mal der Sonne, mal dem Mond zugeordnet. Der Übergang wurde als magische Zeit empfunden, in denen schöpferisches Chaos herrschte und die Grenzen verwischten: Geister und Götter traten mit den Menschen in Kontakt - Zeit, sich tief zu erinnern und fallen zu lassen. Ein Blick auf diese magischen Zwischenzeiten hilft zu verstehen, von welchen Elementen viele Sagen und Bräuche – in der Folge auch christliche – Riten und Feste beeinflusst sind. Ein Überblick.

Totenfest Samhain, Allerheiligen: Für die Kelten begann das Jahr im November, wenn das Licht ins Dunkel übergeht, die Zeit der Geister. In ihrer Vorstellung feierte dann der schwarze Gott Samain den Antritt seiner Herrschaft und die Vegetationsgöttin folgt ihm in sein unterirdisches Reich. Als Totengöttin hütet sie dort die Seelen Verstorbener, die schlafenden Pflanzen und Tiere. Ihre Gestalt, die eine helle und eine dunkle Seite hat, findet in vielen Sagen und Märchen ihren Platz, das bekannteste ist „Frau Holle“ von den Brüdern Grimm. Im Zuge der Christianisierung wurde aus dem keltischen Totenfest der christliche Totengedenktag „Allerheiligen“. Immer mehr erfreut sich Halloween, das auf die Samhain-Nacht zurückgeht, großer Beliebtheit: Kinder verkleiden sich als Totengeister und betteln um milde Gaben. Auch der Martinsumzug hat seinen Ursprung in dem altheidnischen Fest.

Yule, Wintersonnenwende, Weihnachten: Der Sieg über die Dunkelheit, das Sonnenkind wird unterm Weltenbaum geboren. Die wilden „Raunächte“ und die Adventsbräuche haben hier ihre tiefsten Wurzeln. Zwölf Nächte lang steht nach der längsten Nacht des Jahres das Tor zur Anderswelt auf. Das Rad der Zeit steht still – auch alle Mühl-, Wagen-, Spinn- und andere Räder mussten innehalten. Es ist die Zeit, um mit Ahnen zu kommunizieren, sogar mithilfe des bewusstseinserweiternden Fliegenpilzes. Kleine Fliegenpilze aus Marzipan sind noch heute Teil der Winterfestlichkeit, ebenso wie das Glücksschwein, Tannenbaum, Weihnachtsmann und der Mistelzweig über der Türschwelle. Die Raunächte galten als beste Zeit zum Orakeln: Man konnte sehen, was die nächsten 12 Monate bringen. Was man in der Zeit träumt, wird wahr, so glaubte man. Weil die Menschen nicht von ihren heidnischen Bräuchen lassen konnten, legte die Kirche Christi Geburt geschickterweise in den Sonnenkult.

Imbolc, Fastnacht, Percht, oder Lichtmess: Das Kreuzviertelfest 40 Tage nach Weihnachten hat viele Namen, aber eines ist ihnen gemein: Sie verkörpern das Wilde, ungebrochen Frische: Die Tage werden länger, der Frühling kündigt sich an, unterm Schnee keimen die ersten Samen, Schneeglöckchen und Hasel blühen. Neue Elementarwesen und Fruchtbarkeitsgeister steigen mit der Göttin Brigid aus der Erde. In manchen Regionen konnte man sie Brigid auf einem weißen Hirsch reiten sehen, wie sie die Samen weckte und die Bäume wachrüttelte. Ihr Gefährte ist der Bär, der in diesen Tagen aus seiner Höhle kommt, er ist kein anderer als der junge Sonnengott und die Mutter keine andere als Frau Holle oder Frau Percht. Im Märchen Schneeweisschen und Rosenrot ist er derjenige, der den Winter am Ofen verbracht hat. Das archaische Fest wurde von der Kirche als Maria Lichtmess beibehalten, das Fest der Reinigung. Im Haus steht jetzt der Frühjahrsputz an. Und noch etwas prägt die Zeit, wenn die Göttin in Gestalt der Berta oder Perchta mit den Geistern über Lande zieht: Durchdrungen von neuer Lebendigkeit und erotischen Gefühlen feiern die Menschen Karneval, Fastnacht und andere Narrenfeste. Hexen, Teufel und Naturgeister schleichen sich in den Geist der Menschen, lassen sie wild närrisch und geil werden. Die Zeit ist von allerlei Bräuchen – besonders in Süddeutschland und Österreich – geprägt (Lichtmessfeuer, Fackelumzüge, etc.). Orakelt wurde auch in dieser Zeit. Zum Beispiel darüber, wie die nächste Ernte ausfällt.

Ostara, Ostern, Frühlingsgleiche: Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt... Doch bevor das Pflügen der Felder im Bauernjahr begann, wurden diese rituell umrundet, zu Fuß, zu Pferd, mit einem Umzug und allerlei Ritualen. Die Göttin legte sich ein weißes Gewand aus Schlehe an, die noch vor den grünen Blättern ausbricht. Der Frühling wird gefeiert und im christlichen Glauben die Auferstehung Jesu. Mit Tod und Auferstehung wurde das Fest jedoch schon vor der Christianisierung in Verbindung gebracht. Im Mithras-Kult steht der gestorbene Gott an Ostern aus einer Felsenhöhle auf. Unser Osterfest ist benannt nach der Göttin Ostara, der Göttin des Lichts, der Morgenröte und der Frühlingssonne. Heidnische Elemente gibt es viele: Das Osterei – Sinnbild der Erneuerung –, Osterbrot, Osterkuchen, Osterfeuer. Das heilende Osterwasser musste stumm vor Sonnenaufgang geschöpft werden. Der Eier bringende Osterhase ist Sinnbild reger Paarungskraft und Fruchtbarkeit.

Beltane, Walpurgis, Maifeiertag: Festrausch steht auch im Wonnemonat Mai an. Das Götterpaar – die Erdmutter und der junge schöne Sonnengott, der das Bärenfell abgeworfen hat – vermählen sich in der Nacht des Maivollmonds. Die Natur feiert in ihrem schönsten Kleid. Ein Brauch, der sich erhalten hat, ist der Maibaum, der in der Dorfmitte aufgestellt wird. Die Pfahlspitze, die einen grünen Kranz mit roten Tüchern durchdringt, symbolisiert die Entjungferung. Auch dieses ekstatische Fest begeistert die Menschen. In der Vorstellung unserer Vorfahren überträgt sich dieses Gefühl auf Wiesen und Felder und bringt Wachstum. Die Kirche machte das Fest zum Tag der heiligen Walburga. Die Walpurgisnacht ist als Nacht Hexen bekannt, die auf ihren Besen zum Brocken (oder anderen abgelegenen Bergen) fliegen und dort mit Naturgeistern ein orgiastisches Fest feiern.



Litha, Sommersonnenwende: Das Fest am längsten Tag des Jahres nannten die Kelten Alban Hevin. Die katholische Kirche machte daraus das Fest zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers. Es war die sorgloseste Zeit des Jahres, alles wuchs und gedieh, alles war im Überschwang. Bei den Kelten wurde die Sommersonnenwende zwölf tage lang gefeiert. Und zwar sehr ausgelassen mit selbst gebrautem Starkbier, das berauschende Kräuter enthielt und Hollerküchle (In Schmalz gebackenen Holunderblütendolden). In ritueller Nacktheit, nur mit einem Gürtel aus Bärlapp und Beifuß bekleidet und einem Kranz aus Gundermann, Eisenkraut, Johanniskraut im Haar, sprangen die feiernden über das Feuer um Krankheitsgeister auszutreiben. Diese ekstatischen Tänze, bei denen die Tänzer bocksprungartig die Glieder von sich warfen, wird Veitstanz genannt. Bis zum heutigen Tag werden in der Johanniszeit die heilkräftigen Johanniskräuter gesammelt, dabei hat das echte Johanniskraut (Hypericum) hat den höchsten Stellenwert. Der wunderbar duftende Beifuß wurde im Feuer verbrannt. Das Fest war auch Scheiterhaufen des unverwundbaren schönen Sonnengottes Balder. Seine Mutter hatte alle Wesen der Welt schwören lassen, ihrem Sohn nichts anzutun, außer der Mistel, die sie für nicht gefährlich hielt. Es wird am Ende von Lokis Mistelpfeil getroffen, der die nächste Verwandlung des Sonnenjünglings ist. Ein anderer zur Sonnenwendfeier getöteter, strahlender Held ist Siegfried aus der Nibelungensage. Er wird durch Hagens Pfeil im Schulterblatt, der einzigen Stelle an der verwundbar ist, getroffen.


Johanniskraut ey


Lammas, Kornernte, Augustfeuer: Dem Wasserfest im Frühjahr gegenüber liegt das Feuerfest im August. Überfluss ist das Stichwort, die erste Ernte des Jahres wird eingefahren. Es ist der Monat der Erfüllung. Symbolisch schneidet der Feuergott Loki der Göttin Sif, Frau des Gewittergottes Thor, die goldene Haarpracht, verkörpert durch das reife Getreidefeld, ab. neben andere getreidegeistern spielten auch die Bilwisse in dieser Zeit eine Rolle.Weiße Gewänder sollen sie getragen haben und Zottelhaare wie Frau Holle. Ihre Aufgabe war es, das Feld zu behüteten. Später hing ihnen dagegen der Ruf als böse Korndämonen an, wieviel die Kirche damit zu tun hat, ist nicht belegt. In den August fällt auch der Brauch der Erntekronen, der Erntewagen und der Erntetänze. Die Zeit des Ernteeinbringens war existenziell, weshalb zur Sicherung mehrere Feste gefeiert wurden, die den August und September durchzogen. Natürlich wurden auch in dieser Zeit Kräuter gesammelt, die Sonne begünstigte die Bildung von ätherischen ölen und anderen Wirkstoffen. Der Kräuterbusch wurde rituell Freya geweiht, von der Kirche wurde der Ritus beibehalten als Maria-Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt am 15. August. Der 1. August wurde zu Petri Kettenfeier erklärt, Ziel war es, den heidnischen Gott der Feuerlohe zu vertreiben. Wer an diesem Datum geboren wird, so hieß es, wird Hexer.

Mabon, Herbstgleiche: Die Scheunen sind randvoll. Erntedankfeste werden gefeiert. Für das Blotfest wurden rituell Tiere, die man den Winter über nicht durchfüttern konnte, geschlachtet. Überträgt man den Jahreskreis auf den Tag, entspricht das Fest dem Sonnenuntergang – in all seinen wunderschönen Farben. Wie im Frühling empfanden sich die Menschen an einer Schwelle, diesmal allerdings auch verbunden mit der Frage: Wie wird man den Winter, die dunkle Zeit, überstehen? Aus Ehrerbietung für die Ahnen zur Besänftigung der Dämonen wurden die besten Früchte deshalb geopfert. Die Kirche weihte diese Zeit dem Erzengel Michael. Als einer der beliebtesten Engel bekämpft er, wie zuvor Wotan mit seinem Heer, den Drachen der Finsternis.

An dieser Stelle beginnt der Kreislauf von vorn. Er ist in der Vorstellung unserer Ahnen übertragbar auf den Monat, den Tag, das Menschenleben, das, wie das gesamte Universum, entsteht und vergeht. Der Jahreskreislauf steht zugleich für den Lauf des Lebens. Jede Phase erscheint dabei wie die Beschreibung bestimmter Lebensphasen, denen in