sag Rattenfaengersage 2 0903

Der Råtzefeer vun Hamlesch

Siedelten die verschwundenen Kinder der Stadt Hameln einst in Transsilvanien? / Spurensuche in Siebenbürgen

Von Ulrich Behmann und Julia Niemeyer

Wohin sind sie entschwunden? Wo sind sie geblieben? Nach den Gebrüdern Grimm sind die Kinder der Stadt Hameln nach Siebenbürgen geführt und dort aus einer Höhle hervorgetreten. Dennoch sind die 130 Frauen, Männer und Kinder bis heute wie vom Erdboden verschluckt. Was ist dran an dieser Version der Rattenfängersage? Was spricht für Siebenbürgen – und was dagegen?

Seit Jahrhunderten beschäftigt die weltberühmte Sage vom Rattenfänger die Wissenschaft. Die Geschichte fasziniert die Menschen im In- und Ausland, sie lockt Jahr für Jahr viele Tausend Touristen an. Die Suche nach dem historischen Kern erhitzt bisweilen die Gemüter. Das seltsame Verschwinden eines seinerzeit beachtlichen Teiles der Hamelner Bevölkerung beschäftigt ganze Hundertschaften von Märchenerzählern, Historikern, Mystikern und Hobbyforschern. Es gibt sicher weit mehr als 25 Hypothesen. Verbrechen, Unglück, Kinderkreuzzug, „priesterlicher Ritualmord“, seltsames Kindersterben, Ostbesiedlung – was spricht dafür, was dagegen? „Zwischen Glauben und Skepsis, Geschehen oder Empfindung spannt sich der weite Bogen der Emotionen, auf der Grundlage Hunderter von Urkunden, Zeugnissen, Berichten und Deutungen. Sie fanden (…) ihren Niederschlag in Habilitationsschriften, in mehreren Dissertationen, in zahlreichen großen wissenschaftlichen Abhandlungen und in über dreißig zum Teil umfangreichen Aufsätzen“, fasst der verstorbene Autor Horst Klusch in der Hermannstädter Zeitung, die im transsilvanischen Sibiu erscheint, zusammen.

Eine Spur führt nach Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Nach den Gebrüdern Grimm sind die Hamelner Kinder seinerzeit dorthin geführt worden. Vermutlich von einem Lokator. Glaubt man Forschern, hat er sogar einen Namen: Graf Nikolaus von Spiegelberg, Sohn einer mächtigen Herrscherfamilie bei Pyrmont, der, historisch verbürgt, „eine wichtige Rolle im Kolonisationsgeschäft“ für die Herrscher in den Ostgebieten gespielt hat. Er selbst könnte der mysteriöse Flötenspieler gewesen sein.

Lokatoren, also Werber, traten damals nicht unbedingt allein auf. Manche sollen in Begleitung eines auffallend bunt gekleideten Narren und eines Spielmannes (Musikant) gewesen sein. Man musste halt auf sich aufmerksam machen, um seine Botschaft unters Volk zu bringen. Womöglich ist aus einer solchen Truppe im Laufe der Jahrhunderte eine Figur, nämlich ein „Piper mit allerley Farve bekledet“, geworden. Man kennt ja Stille Post. Tatsächlich steht in der Bamberger Chronik des Hans Zeitlos (um 1550), dass „ein groser man gesehen sey worden gleich einem spilman, welcher ein rock mit vil farben angehabt“ habe.

Ein weiterer Lokator soll seinerzeit in heimischen Gefilden auf der Suche nach auswanderungswilligen Menschen gewesen sein: Bischof Otto (Odoaker) von Olmütz, Graf von Holstein-Schaumburg. Nach Angaben von Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg war dieser Mann in Mähren tätig. „Nicht weit entfernt also“, meint zu Schaumburg-Lippe. Der Bischof starb jedoch im Jahre 1283, also ein Jahr vor dem überlieferten Kinderauszug. Die Bamberger Chronik nennt 1283 als Jahr des Kinderauszugs. Der Bericht gilt als unverfälschte Wiedergabe der Sage. Führte der Auszug der Stadtkinder von Hameln über Mähren nach Transsilvanien?

Auffällig ist: Immer wieder wird Siebenbürgen als Zielort der Kinder von Hameln genannt. Nach einer Sage, von der Friedrich Müller aus Schäßburg (Sighisoara) in seinem 1857 erschienenen Buch „Siebenbürgische Sagen“ berichtet, sind „die von dem Rattenfänger von Hammeln in Westphalen entführten Kinder hier (in Transsilvanien) aus der Erde hervorgekommen, und von ihnen stammen die Siebenbürger Sachsen ab“. In Siebenbürgen, so Müller, bezeichnet man die Almescher Höhle als den Ort, „wo der Rattenfänger mit den 130 Kindern aus der Erde gekommen und die Sachsen als solche, welche von den Kindern von Hameln abstammten“. Hameln in Westfalen? Vermutlich wurde die früher gebräuchliche Abkürzung i. W. (im Weserbergland) falsch gedeutet.

In Siebenbürgen gibt es das 1309 erstmals urkundlich erwähnte Dorf Hamlesch. Es wurde schon früh mit Hameln in Verbindung gebracht. Der heute 83 Jahre alte gebürtige Hamlescher Georg Willmann erinnert sich, dass er in früheren Zeiten oft verspottet wurde. „Du kommst doch vom Rattenfänger, sagten die Leute.“

Über die angeblichen Nachfahren der Hamelner Kinder gibt es sogar einen Witz, den viele zu kennen scheinen, ihn aber lieber nicht weitererzählen (dazu später mehr).

In der 1989 erschienenen Sammlung siebenbürgischer Sagen von Friedrich Schuster taucht die Kinderschar in Hamlesch auf. Auch ein Gedicht in sächsischer Mundart über den „Råtzefeer vun Hamlesch“ gibt es. Dort heißt es:

 

„Vun Hameln ois Westfalen

kun de Håmlescher glåt ållen

der Råtzefeer huet se bruecht

wï hat sich dåt geduecht“

 

Was hat es damit auf sich? Wir sind nach Transsilvanien gereist, haben in Städten und Dörfern, in Archiven und auf Friedhöfen nach Spuren und Hinweisen gesucht. Was verraten alte Dokumente, was die Inschriften auf Grabsteinen? Welche Überraschungen halten das Siebenbürgen-Institut in Gundelsheim/Neckar mit seiner größten Transylvanica-Sammlung westlich von Budapest und das Teutsch-Haus in Hermannstadt/Rumänien bereit? Auf was sind Namensforscher gestoßen? Gibt es die Almescher Höhle wirklich? Und was hat es mit der Talmescher Höhle in der Nähe von Hermannstadt auf sich? Sie wird ebenfalls als der Ort bezeichnet, aus dem die Kinder herausgekommen sind. Aber auch in Hamlesch gibt es eine mannshohe Höhle, auch wenn darum ein großes Geheimnis gemacht wird und sie uns niemand zeigen konnte oder wollte.

 




Siebenbürgen

Die Talmescher Höhle in der Nähe von Hermannsstadt