Rattenfänger Manthey 2

Aktenzeichen Rattenfänger – bis heute ungelöst

Bis heute rätseln Forscher über den Verbleib der Hamelner Kinder

Video Rattenfänger
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Von Dorothee Balzereit

Es ist ein Krimi, wie er zunächst in keinem Buche steht: Das Rätsel um 130 verschwundene Kinder in Hameln im Jahre 1284. Über den Täter gibt es nur Vermutungen, unter Verdacht steht ein Rattenfänger. Gut aussehend soll er sein, um die 30 Jahre alt, ein „Piper mit allerley Farve bekledet“ – so sagt es die Inschrift am Rattenfängerhaus. Tatort ist die Innenstadt von Hameln, in der Bungelosenstraße hat eine Augenzeugin die Kinder zuletzt gesehen, auch die Tochter des Bürgermeisters soll dabei gewesen sein. Tatwaffe ist eine Flöte, deren Melodie die Kinder am frühen Morgen des 26. Juni 1284 gebannt folgen. Kindesentführung in 130 Fällen wird dem Rattenfänger seit diesem Tage zur Last gelegt. In der Bungelosenstraße wird bis zum heutigen Tage keine Musik mehr gespielt.

An Popularität ist die Hamelner Rattenfängersage weltweit unübertroffen. Großen Anteil daran haben die Brüder Grimm. Sie mochten die geheimnisvolle Geschichte, nahmen sie 1816 in ihre Sagensammlung auf. „Die Kinder von Hameln“ passten gut ins Zeitalter der Romantik, und über der Stadt Hameln liegt seitdem ein seltsamer Zauber. In der Folge schrieben auch Achim von Arnim, Johann Wolfgang von Goethe, Robert Browning und Berthold Brecht über den Unbekannten. Während die dichterischen Beobachtungen um das Thema Verführung und Verlockung kreisen, wollen Geschichtsforscher beweisen, dass es einen historischen Kern gibt. Doch die Quellen sind rar. Greifbare Indizien reduzieren sich auf Inschriften und eine Augenzeugin. Ein Bildfenster aus der Marktkirche von 1300 ist verschollen.

Rattenfänger Zeichnung


Bis heute rätseln Forscher aller Couleur über den Verbleib der Kinder. Mal wird die Kolonisation von Jungbürgern in Ostgebiete erwogen, mal ein Unglück, sogar von Massenmord ist die Rede. Auch Pest, Kinderkreuzzüge und die Schlacht bei Sedemünder waren zeitweilig im Gespräch. Interessant ist, dass die Rattenbannersage der Sage vom Kinderauszug wahrscheinlich erst Ende des 16. Jahrhunderts vorangestellt wurde. Es gilt als gesichert, dass es sich ursprünglich um zwei Sagen handelt, deren historischer Kern unterschiedlich bewertet wird. Während Historiker für den Kinderauszug bis heute Quellenforschung betreiben, ist die Rattenbannung wohl erfunden.
Dabei ist es nicht unwahrscheinlich, dass es in Hameln im Mittelalter eine Rattenplage gegeben hat, schließlich waren die Kornspeicher der Handelsstadt an der Weser meist gut gefüllt. Die Rattenfängersage an sich gab es aber nicht nur in Hameln. Sie findet sich auch in anderen deutschen Gegenden und europäischen Ländern.

In Hameln hat erst der schwäbische Graf Froben von Zimmern die grauen Plagegeister in seiner Familienchronik von 1565 ins Spiel gebracht. Mit seiner Erzählung vom betrogenen Fremden der sich rächt, liefert er die erste Erklärung für das Unglück. Zum anderen passt die Rattenfängergeschichte in die Moral der Zeit. Geistliche predigen im 16. Jahrhundert das Ende der Welt. Natürlich hat auch der Teufel seine Hände im Spiel. Verbunden mit der Angst vor dem Fremden – historisch gesehen gehörten die Rattenfänger zum fahrenden Volk – kann man die Geschichte als eine Warnung an die Hamelner einordnen: Sie sollen auf ihre Kinder aufpassen.

Eine anderer sagt, der schmerzhafte Verlust der Kinder sei der Grund gewesen, die Sage mit dem Rattenfänger zu verknüpfen. Das vermutet einer, der es wissen muss: Der Rattenfänger in Gestalt von Michael Boyer. Seit 20 Jahren schlüpft er ins Kostüm des Rattenfängers und zieht als älteste deutsche Sagengestalt durch die Gassen, immer auf der Suche nach Ratten, Kindern und Touristen. „Es war eine Erlösung für die Bürger von Hameln, deshalb haben sie die Geschichte angenommen“, erzählt er bei seinen Führungen durch die Stadt. Eine Erklärung, die auch für die Kolonisationsvariante passen würde. Auch er kam übrigens als Fremder, er stammt aus Pennsylvania, USA.

Eines aber scheint gewiss: Ohne die Ratten wäre der große Erfolg ausgeblieben. Auch der kommerzielle, von dem die Stadt Hameln bis heute gut lebt. Die Einnahmen durch den Tourismus (50,4 Millionen Euro) entsprechen rund 2340 Arbeitsplätzen, heißt es von der Hamelner Tourismus und Marketing GmbH. Jedes Jahr kommen knapp vier Millionen Touristen in die Stadt. Seit 2014 steht die Rattenfängersage auf der nationalen Liste des Immateriellen Unesco-Weltkulturerbes.

Die Vermarktung des Rattenfängers läuft bestens. Dreimal täglich lockt das Rattenfängerfigurenspiel am Hochzeitshaus Touristen an, in den Sommermonaten wird jeden Mittag das Rattenfängerspiel mit einer Schar von Kindern aufgeführt. Es gibt das Rattenfänger-Musical, Rattenfängerführungen, Messingratten im Pflaster, Rattenskulpturen, unzählige Andenken – sogar einen Memory-Stick in Rattenform – Rattenlikör und Brotratten im Schaufenster der Bäcker. Und manchmal, wenn der Blick auf die langschwänzigen gebackenen Nager im Schaufenster der Bäcker fällt, lässt sich auch das Grauen erahnen, das mit der Geschichte verbunden sein muss. Dann jagt es den Menschen auch heute einen wohlig-faszinierten Schauer über den Rücken.

 

Foto: Christian Manthey