Teufelsküche 2

Exzess in der Teufelsküche

Verschwanden die Kinder in einem Coppenbrügger Berg?

Von Dorothee Balzereit

Eine weitere Theorie zur Rattenfängersage besagt, dass die Kinder nach einem ausufernden Fest in eine Höhle gelockt und dort verschüttet wurden. Der vermutete Grund: Dem heidnischen Treiben sollte ein Ende gesetzt werden. Wir haben versucht, uns in die Situation heineinzuversetzen.

Seit Tagen freuen sich die Jungen und Mädchen auf das Sonnenwendfest in der „Teufelsküche“ im Ith. Einmal im Jahr. Wochenlang hatten sie Alraunen, Bilsenkraut, Nachtschatten, Stechapfel, Tollkirsche und Tollkraut gesammelt und daraus den einen oder anderen Sud gebraut. Ein bisschen Rausch muss sein. Und wilde Liebe. Auf dem Höhepunkt des Festes würden die Mädchen nur einen Gürtel aus Beifußkraut oder Bärlapp und einen Kranz aus Gundermann in den Haaren tragen. Losgelöst vom Alltag wollen sie ein Feuer entzünden und sich in Extase tanzen oder zuschauen, wie sich am Himmel die Sterne in Tiere verwandelten, um anschließend in einem Feuerwerk der Sinne zu explodieren. Und auch der Bunte würde mitkommen. Der gut Aussehende mit der Flöte, von dem alle sprachen und dessen Magie bei Männlein und Weiblein gleichermaßen wirkt.

Doch es kommt anders. Der ausufernde Exzess gefällt nicht allen, die Sittenwächter sind alarmiert. Das Fest steuert seinem Höhepunkt – diesmal in einer Höhle – entgegen, als sich große Felsbrocken lösen und den Eingang versperren. Todesschreie durchreißen die Nacht. Panik bricht aus. Es gibt kein Entrinnen. Der Täter soll der Graf von Spiegelberg sein, bekannt als Gegner heidnischer Rituale. 130 Tote gehen auf sein Konto.

Auch diese Variante ist nur eine Fantasie. Doch Heimatforscher Gernot Hüsam glaubt, dass es sich so oder ähnlich zugetragen hat. Einen Verweis, dass die Kinder beim Koppen einem Berg in der Nähe von Coppenbrügge verloren gegangen sein könnten, gibt es in der Inschrift in der Bungelosenstraße: „... 130 Kinder verleitet, die in Hameln geboren an Calvarien und den Köppen verloren“, heißt es dort. Koppenberg – das weist eine große semantische Ähnlichkeit auf mit Poppenberg, von dem die Brüder Grimm in ihrer Sage sprechen. „Calvarien“ bedeutete zugleich Hinrichtungsplatz.

Hüsam verweist auf eine Sage im Coppenbrügger Raum, nach der die Grafen von Spiegelberg des Mordes beschuldigt werden, weil sie das heidnische Treiben auf dem Berg ausrotten wollten. Man habe die Sage nur nie mit der Hamelner Sage in Verbindung gebracht. Der Leiter des Museums in Coppebrügge tut es. Um den heidnischen Ausschweifungen auf seinem Hausberg ein Ende zu setzen, soll der Graf den Pfeifer beauftragt haben, die jungen Leute in einer Höhle verschütten zu lassen. Der Rest ist auch bei Hüsam Spekulation: Knochenfunde gibt es jedenfalls nicht.

Plötzlich ausbrechende Veitstanzepidemien, Tanzwut, endemisches Kindersterben, eine Naturkatastrophe, wie ein Bergsturz, eine Wasserflut oder ähnliche Vorfälle, die oft aus dem Mittelalter berichtet werden, sind von Forschern darüber hinaus öfter im Zusammenhang mit dem Verschwinden der Hamelner Kinder genannt worden.