Kräuter

Von uralten Rezepten

Zwischen Magie und Wissenschaft - Was von der Medizin unserer Vorfahren geblieben ist

„Warze alt. Warze kalt. Warze ab.“ Mit dieser Formel behandelt der Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen Patienten mit Warzen. Zusätzlich gibt Professor Uwe Gieler noch Kochsalzlösung auf die Warzen, die nach dem Verdampfen Salzkristalle hinterlässt.

Von Dorothee Balzereit

Scharlatanerie sagen die einen, Therapie mit Wirkung die anderen. Doch selbst Professoren können die Wirkung einer Suggestivbehandlung nicht ausschließen. Was man heute als solche bezeichnet, wurde im frühen Mittelalter „Besprechen“ genannt. Bis heute gibt es in Dörfern Menschen, denen die Fähigkeit zugesprochen wird, so heilen zu können. Oft werde diese besondere Begabung in der Familie weitergegeben, heißt es. Neben dem Besprechen von Warzen hat das Handauflegen bei Gürtelrose bis heute Konjunktur. Solche magischen Elemente in der Medizin hatten bei unseren Vorfahren einen hohen Stellenwert. Für sie bestand die Welt nicht aus Gleichungen, Beweisen und Naturgesetzen, die Welt war viel mehr ein von Geisterwesen durchdrungenes Mysterium. In vielen Naturerscheinungen wurde das Wirken von Göttern vermutet, sagen Völkerkundler und Kulturanthropologen. Vieles davon schlägt sich in unseren ältesten Märchen und Mythen nieder, auch in der Volksmedizin finden sich deutliche Spuren.

50 bis 60 Prozent der heutigen mitteleuropäischen Heilpflanzen gehen laut Ethnobiologe Bruno Wolters auf die Altsteinzeit zurück. Gesammelt wurden sie meist von Frauen, die eh für das Sammeln von Wurzeln Knollen, und Kräutern verantwortlich waren. Es ist wohl kein Zufall, dass sie den Themen Geburt, Kinder, Heilzauber und Pflanzenwissen gegenüber aufgeschlossener waren. Während der Christianisierung wurden sie für ihr Wissen oftmals als Hexen verbrannt. Einige Pflanzen gibt es, denen ganz besondere Kräfte zugemessen wurden. Dazu gehört der Holunder. Er ist der Baum der paläolithischen Göttin, die wir als Frau Holle kennen und den Urvölkern unter verschiedenen Namen ein Begriff ist. Der Holunder kann giftig oder heilend sein. Die heilende Wirkung ist vielfältig, Holunder galt als des Bauern Apotheke: als Aufguss zur Stärkung der Abwehrkräfte, bei viralen Infekten, aber auch als Salbe gegen Prellungen. Auch Erbrechen kann der Busch herbeiführen, auf diese Weise vertrieb man Krankheitsdämonen. Am besten, wenn man den unter der Außenrinde befindlichen Bast eines jungen Triebes schabte, aufkochte und trank. Die Kelten schworen darauf den Sud bei Neumond, nüchtern in der Morgendämmerung auf der Türschwelle stehend und nach Osten schauend zu trinken – im magischen Zwischenbereich quasi.
Holunder war auch Begleiter bei Totenritualen und ihm wurde nachgesagt, dass man Krankheiten auf ihn übertragen könne: Wie ein Magnet ziehe der Busch alle Krankheiten und Übel an, hieß es.
Als ganz besondere Pflanze galt auch der gemeine Wacholder, plattdeutsch „Machandelboom“. Die duftende, reinigende Wirkung wurde insbesondere beim Ausräuchern von Sterbehäusern genutzt. Man glaubte, der Wacholderrauch biete der Seele Schutz, während sie sich aus dem sterbenden Körper flieht.

Der Weißdorn und seine Variante, der Rotdorn, waren den indigenen Völkern ebenfalls heilig. Er hat eine enge Beziehung zum Märchen Schneeweißchen und Rosenrot und auch zu Dornröschen. An der Hecke des Hagedorns, wie der Weißdorn auch genannt wird, bleibt die Krankheit hängen, heißt es in alten Überlieferungen.  Deshalb schläft es sich im Schloss so sicher und friedlich hinter der Hecke. Nicht von ungefähr kommt wohl das Wort Hexe, das sich aus dem altdeutschen Wort Hagazusa entwickelte. Es beschreibt alte Frauen, sogenannte Zaunreiterinnen und Hag-Sitzerinnen, die im Heckenbiotop heilende Kräuter sammelten. Dass der Weißdorn Vampiren und Wiedergängern den Garaus machen kann, indem man ihnen Pfähle aus Weißdorn durchs Herz trieb, glaubten die Slawen. Wichtig war bei magischer Medizin, bestimmte Regeln nicht zu brechen. Zum Beispiel durfte derjenige, der Kräuter sammelte, keine Schuhe tragen, heißt es im medizinischen Sammelwerk „Lacnunga“. Rezepturen mussten genau befolgt werden, Rituale waren wichtig, um die bösen Geister vertreiben. Bei den Warzen geht das so: Eine angeschnittene Zwiebel bei Vollmond über die Warzen streichen und dann eingraben.  Die Zwiebel spielt auch in einem anderen Rezept eine wichtige Rolle. Es stammt aus „Bald Leechbook“, einer angelsächsischen Rezeptsammlung. Ein Forscherteam der Universität Nottingham untersuchte eine Augensalbe aus dem 9. Jahrhundert, mit erstaunlichem Ergebnis: Das Rezept könnte gegen Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) wirksam sein. Ob man ein neues Antibiotikum aus Knoblauch, Zwiebeln, Wein und Ochsengalle gefunden hat, muss noch untersucht werden. Auch im Lorscher Arzneibuch aus dem 8. Jahrhundert findet sich eine Wundsalbe aus Honig, Käse und Schafdung, der Forscher antibiotische Wirkung nachsagen. Die Neue Züricher Zeitung titelte im November 2014: „Forscher werden im Pferdemist fündig“.


Neben den genannten beinhaltet die Schatzkiste unserer Ahnen viele weitere Rezepturen. Viele benutzen wir bis heute ganz selbstverständlich, weil schon unsere Mütter es getan haben. Andere erleben in der alternativen Medizin eine Renaissance, wie zum Beispiel das Johanniskraut, das auch heute bei depressiven Verstimmungen eingesetzt wird. Die Wirkung lässt sich heute naturwissenschaftlich erklären. Unerklärliches gibt es allerdings bis heute – wie bei den Warzen. Ärzte bezeichnen es als Suggestion und Glauben. Unsere Vorfahren nannten es Magie.

Kleine Rezeptauswahl:

Hühneraugen: man nehme die innere weiße Haut einer Bohne und reibe sie an den „Likdören“, also den Hühneraugen, dann verschwinden sie.

Sommersprossen, auch „Sommersprudeln genannt: Das Mittel der Wahl ist Muttermilch. Und zwar ehe das Neugeborene getrunken hat, Auch die erste Milch einer Stute, noch besser einer Eselin, ist gut gegen Sommersprossen. Auch das Waschen mit Buttermilch so helfen.

Muttermal: Bei der Berührung mit einer Leiche verschwindet es.

Nasenbluten: Am bekanntesten noch heute ist wohl kaltes Wasser im Nacken, früher wurde für diese Körperstelle auch ein Zwei-Pfennig-Stück oder ein Schlüssel empfohlen, alternativ ein Guss kalten Wassers oder ein Messer an die Stirn. Verbreitet war auch der Glaube, die Blutung zu stoppen, wenn man den kleinen Finger abbindet.

Blutungen: Dagegen hilft nach altem Glauben, wenn man Spinnweben auf die Wunde legt. Auch der Staub eines Bovisten helfe, doch vor dem müsse man sich in acht nehmen: Kommt er in die Augen, droht Erblindung. Kinder sollen deshalb keinen Bowisten in die Hand nehmen.

Schluckauf: Für den Schluckauf haben sich bis heute diverse Tipps erhalten. Einer davon lautet, dreimal zu schlucken, ohne Luft zu holen. Tatsächlich wurde empfohlen, kalk oder kreide zu essen. Ist auch heute noch bekannt und galt früher als sicherstes Mittel. Ein Schluckauf ist nach altem Volksglauben außerdem ein Zeichen dafür, dass derjenige etwas Falsches gegessen hat. Gerne heißt es bis heute: „Er denkt an Dich und küsst eine andere“.

Speichel: Alle Körperflüssigkeiten wurde eine wichtige Funktion zugeschrieben. Bei der Spucke heißt es: Den ersten Speichel am Morgen nicht hinunterschlucken, er ist giftig. Andererseits heißt es bis heute bei Wunden und Mückenstichen “Tu Spucke drauf“.

Bei Entzündungen gebraucht man eine Packung frischen Kuhdung. Der Rückstand aus dem „Siggedok“, dem Tuch des Milchsiebens, ist gut gegen entzündete Augen, auch Urin wird in diesem Fall angewendet.

Um Geschwüre „auszuziehen„ legt man eine Eierhaut, Zwiebel oder Speck darauf. Auch eine Packung Hafergrütze leistet gute Dienste.

Um den Schmerz bei Brandwunden zu lindern, legt man Eiweiß, ein Erlenblatt oder Weizenmehl mit Honig darauf. Eiweiß zieht sehr, ist aber für den Moment sehr schmerzhaft. Hat sich den Finger verbrannt, muss man mit damit schnell das Ohrläppchen anfassen.

Alle Läuse im Hause verschwinden, wenn man einem Toten im Hause drei Läuse mit in den Sarg gibt. Gibt man dem Toten keine Läuse mit, wird man sie nie los, sogenannte „Erbläuse“. In Hagen heißt es aber, es muss stets eine paarige Anzahl sein.

Bei Nervenschmerzen im Arm oder in der Hand soll man nachts eine Kartoffel in die Hand nehmen, sie zieht die Schmerzen heraus.