Walnuss

Zauber und Wahrheit

Vom Walnussbaum und anderen magischen Pflanzen

Von Jens Meyer

Geht es um die magische Wirkung von Pflanzen, wurden aus der Mitte verschiedener Gesellschaften und in unterschiedlichen Epochen wahrhaft hübsche Geschichten geboren, die nicht immer, aber oft mit Göttern zu tun hatten; die Sagen rund um die Walnuss machen da keine Ausnahme. Wohl dem, der einen Walnussbaum in seinem Garten stehen hat, denn der bis 30 Meter hoch wachsende Riese hält nach naturwissenschaftlichem Ermessen nicht nur Ungeziefer auf Abstand, sondern steht insgesamt für die naturgegebene Weisheit.

Die alten Griechen jedenfalls waren davon überzeugt, dass der Walnussbaum eine verwandelte Titanin namens Karya verkörpert, einstmals Geliebte von Dionysos. Den Gott des Weines, der Freude, der Fruchtbarkeit und Ekstase mit der Weisheit in Verbindung zu bringen, mutet wenigstens skurril an. In diesem Fall stünden aber viel zu wenige Walnussbäume in heimischen Gärten; ein Tupfer mehr Weisheit würde vielen Menschen gut zu Gesicht.

Vor allem auf kleiner Scholle mag es jedoch weise genug sein, keinen Walnussbaum zu pflanzen, denn mit bis zu 30 Meter Höhe und einer breiten, ausladenden Krone sprengt die "Juglans regia" die Grenzen vieler Gärten und würde in großen Teilen für eine ungewollte Verschattung sorgen. Nicht sofort, aber in einigen Jahren. Wer weise handelt, blickt voraus und überlegt sich sehr genau, ob ein solches Exemplar in seinen Garten passt. Passt er nicht, würden auch die in vielen Märchen erwähnten Zaubernüsse kaum etwas daran ändern können.

Mitunter war es auch gar nicht die orakelhafte Bedeutung, die bestimmte Pflanzen besonders beachtenswert machten, sondern der praktische Nutzen. Beifuß (Artemisia vulgaris), heute als Nutz- wie Zierpflanze kaum noch von Bedeutung, nahm in früheren Jahrhunderten eine Sonderstellung ein. Die alten Römer schätzten das Kraut als Muntermacher bei müden Füßen, woher sich der deutsche Name wohl auch herleitet. Sie legten sich Beifußblätter in die Sandalen und schworen auf die belebende Wirkung. Der griechische Arzt Diskurides wandte Beifuß im ersten Jahrhundert nach Christus bereits gegen allerlei körperliche Gebrechen an, sowohl als Auflage gegen müde Knochen als auch in Form von Tee zur Gesundheit von Magen und Darm.

Beim Beifuß lohnt auch ein Blick auf die andere Seite der Welt: Indianer rauchten das Kraut, um gute Geister zu beschwören und böse zu vertreiben. Heute wissen nur noch wenige Menschen die Wirkung von Artemisia vulgaris zu schätzen, etwa als probates Mittel gegen Flugangst und Müdigkeit beim Autofahren. Anders gesagt: Beifuß macht(e) mobil.

Achtung, jetzt wird’s richtig magisch: Es geht um die Alraunwurzel! Spätestens seit der Märchenreanimation durch den Zauberlehrling Harry Potter wissen auch viele junge Menschen, was eine Alraune ist. Oder besser: Sie geben vor, es zu wissen. Jedoch mit Wehklagen festzustellen ist, dass die aus dem Boden gezogene Wurzel der Alraune (Mandragor) keinen Schrei ausstößt und auch keine Todesflüche verbreitet. Hildegard von Bingen (*1098), erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters und Botanikerin, war der Auffassung, dass die Alraune vom Teufel besessen sei und nur durch ein Weihbad gereinigt werden könne. So könnten die toxischen Substanzen ins Positive umgekehrt und möglicherweise genutzt werden.

Vielleicht ist die Alraune die magischste aller Pflanzen, doch angebaut wird sie kaum. Die hohe Dosis der Alkaloide schreckt viele Menschen davor ab, sie zu kultivieren. Außerdem – und das ist nicht gerade ganz ohne Bedeutung – braucht sie sehr warmes Klima und ist sehr frostempfindlich, was sie hierzulande keinen Winter überstehen lässt. Der Anbau ist schwierig. Die alten Griechen verwendeten ihre Wurzeln als Anästhetikum. Chirurgen flößten ihren Patienten Aufgüsse daraus ein, damit diese keine Schmerzen während der Operation verspürten. Manche verspürten mit Sicherheit keine, denn es kam vor, dass die Dosis zu hoch bemessen war und die Patienten noch vor dem ersten Schnitt die Löffel abgegeben hatten. Schauderhaft. Im Mittelalter wurden Zaubertränke damit „garniert“. Man glaubte gar, die Alraunwurzeln würden aus den Körpersäften von Gehängten erwachsen, was ihnen den Beinamen „Galgenmännlein“ verschaffte. Hinzu kommt die seltsam gegabelte Form, die gar an den Körper eines Menschen erinnert.

Gar merkwürdige Geschichten rund um die Alraune…

Dass bei all diesen merkwürdigen Geschichten, die um die Alraune ranken, auch noch jene zu finden ist, da die Wurzel angeblich Glück und Reichtum bringen soll und sie vor lebensbedrohlichen Verzauberungen schützen würde, ist so widersprüchlich wie das Gewächs an sich. Über keinen Zweifel erhaben ist demgegenüber die Echte Engelwurz (Angelica). Bis zwei Meter hoch wird diese Staude, bildet im Kräutergarten oder Staudenbeet einen besonderen optischen Reiz und ist gesund. Die jungen Stängel wurden früher als Gemüse vertilgt; mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass sie in kandierter Form ein süßer Happen sind. Ob sie auch dann vor Zahnschmerzen, Blähungen und Wahnvorstellungen schützen, ist nicht weiter belegt, aber früher nahm man das an. Ihre heilenden Inhaltsstoffe sind aber ohne Zweifel vorhanden.

Ihr Name kommt nicht von ungefähr. Ein Engel soll die Pflanze in grauer Vorzeit als Heilmittel zur Erde gesandt haben. Ein Mönch fand das Gewächs und setzte es gegen die Pest ein. Ursprünglich in Nordeuropa beheimatet, kam es im 10. Jahrhundert mit den Wikingern nach Mitteleuropa. Dort sicherte sich die Engelwurz den Platz in klösterlichen Gärten, ließ sich von den Mauern aber nicht aufhalten und verwilderte. Die Echte Engelwurz, ein Doldenblütler wie Fenchel oder Sellerie, bildet erst im zweiten Standjahr Blüten. Die imposanten Dolden erscheinen etwa ab Juni. Obwohl diese Pflanze so imposant aussieht, trägt sie doch eine fragile Seele in sich. Spätestens nach der zweiten Blüte im darauf folgenden Jahr stirbt sie ab. Angelica ist also keine ausdauernde Staude, sondern gehört zu den zweijährigen Pflanzen (wie zum Beispiel auch der Fingerhut). Aber sie bildet viele Samen und erscheint deshalb in jedem Jahr wieder neu. Insofern ist sie auch relativ komplikationslos im eigenen Garten anzubauen.

Mit der Weißbeerigen Mistel (Viscum alba) verhält sich dies völlig anders. Sie ist wohl die berühmteste der keltischen und germanischen Heilpflanzen und galt als Allheilmittel. Nach einer Sage streuten die Götter Mistelsamen auf die Bäume, sodass diese auf ihnen in luftiger Höhe wuchsen. Misteln waren somit in ihren Augen ein Geschenk der Götter. Tatsächlich werden sie auch heutzutage als Mittel zum Blutdrucksenken, bei Herzschwäche und Arteriosklerose verwendet. Aber ein gewollter, gelenkter Anbau ist kaum möglich.

Alles soll mit einer verbotenen Frucht angefangen haben. Adam und Eva waren eben auch nur Menschen. In der Bedeutung von Blumen, Blüten und Bäumen, von Wurzelwerk und Pflanzensäften liegen Magie und Mythos dicht beieinander. Vieles ist biblisch, manches teuflisch. Was uns aus früherer Zeit überliefert wurde, hat bisweilen noch heute Bestand.

Der Walnussbaum hält angeblich Ungeziefer auf Abstand. Ganz mückenlos macht aber auch er einen Garten nicht, zumal der Garten schon groß genug sein sollte, denn der Waldnussbaum wird bis 30 Meter hoch. Kleiner sind die magischen Pflanzen auf den kleinen Bildern: Die Magie der Alraunwurzel ist vielschichtig und mit Vorsicht zu genießen… Beifuß (r.) hingegen sollte in keinem Garten fehlen – er fehlt aber leider oft, weil er in Vergessenheit geraten ist.