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Von Blutrinnen und Wolfsmond

Heimatforscher Rudi Wallbaum und seine Lieblingssagen von Wölfen und einer ganz besonderen Tischplatte

Von Dorothee Balzereit

In jeder Region gibt es Menschen, denen die Heimatkunde besonders am Herzen liegt. Die Geschichten sammeln, Sagen und Daten. Die versuchen zusammenzufügen, was droht, in Vergessenheit zu geraten. Sie vergleichen Fakten, recherchieren und mischen sie mit Logik und Vorstellungskraft und leisten damit wertvolle Arbeit für die Nachwelt. Wir wollen diese Menschen vorstellen und zu „Sagenpaten“ machen, die auch die Geschichten unserer Leser sammeln. In diesem Artikel geht es um Rudi Wallbaum, Heimatkundler aus Fuhlen.

 "Wenn Wolfsmond war, haben mein Bruder und ich uns die Nasen an der Fensterscheibe plattgedrückt“, sagt Rudi Wallbaum. Wolfsmond sei, wenn der Vollmond einen weiteren, helleren Ring habe. „Dann kommen die Wölfe, hieß es“, sagt er. In Fuhlen, Lachem und auch Rumbeck gebe es viele alte Geschichten über den Wolf: Die Wolfshagensage, die Rumbecker Wolfsjagd, aber auch eine, in der der Wolf als gerechter Richter auftaucht, indem er den armen Bauer vor der Gier des reichen Bauern rettet: Weil der Arme sich nicht traut, die Grenzsteine, die der Reiche zu seinen Gunsten versetzt, an ihren ursprünglichen Platz zu setzen und so die „bäuerliche Landgewinnung“ zu beenden, übernimmt der Wolf diese Aufgabe. Dem reichen Bauern ergeht es übel, als er den Stein erneut versetzt.

Die Sagen um die Wölfe gehören zu den Lieblingsgeschichten von Rudi Wallbaum. Sie seien tief im Volksglauben verwurzelt und prägten das Bewusstsein der Menschen bis heute – auch wenn es rational nicht erklärbar sei, denn der Wolf sei seiner Natur nach ein Fluchttier und komme dem Menschen eigentlich gar nicht in die Quere.
„In unserer Gegend sind bis zum Jahr 1777 Wolfsjagden belegt. Im Jahre 1706 zahlte nach meiner Kenntnis der Brinksitzer Johann Wulf vom Hof Höfingen Nr. 13 letztmalig Wolfsgeld (Wolfsjagdendienstgeld) mit 12 Groschen“, erzählt Wallbaum. Seine Quelle: das Abgabenbuch des Hofes Höfingen Nr. 13 aus dem Jahr 1706. Es sei die Zeit gewesen, in der der Wolf bis ins Dorf kam, vor allem im Winter, wenn der Schnee so hoch lag, dass er im Wald kein Wild mehr fand. „Nach Einbruch der Dunkelheit ging niemand im Dorf mehr vor die Tür.“

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Früher eine Blutrinne? 

Auch über den „Böxenwolf“ weiß Wallbaum einiges. Um Männer mit Zaubergürteln aus Wolfsfell soll es sich gehandelt haben, die nachts Schabernack mit ihrem Opfer trieben und sie bis zur Erschöpfung quälten. Eine Möglichkeit gab es, sich der ,it finsteren Mächten im Bunde Stehenden zu entledigen: Eine Schürze hinwerfen. In die soll sich der Böxenwolf dann verbissen haben, und wenn man Glück hatte, konnte man ihn am nächsten Tag identifizieren, weil ihm Wollfäden aus dem Mund hingen. Und auch das gab es: dass Menschen im Dorf zu keinem Fest eingeladen wurden, weil sie in dem Ruf standen, ein Böxenwolf zu sein. Allerdings sei ihm in Fuhlen kein konkreter Fall von Böxenwolf-Mobbing bekannt, so Wallbaum.

Aber nicht nur die Wolfsgeschichten faszinieren den 57-Jährigen: Er hat einfach alles zusammengetragen, was er finden konnte über die Zeit seiner Vorfahren in Fuhlen, aber auch Hessisch Oldendorf und Umgebung. Es sind Geschichten, Sitten und Gebräuche, Familienchroniken und geschichtliche Ereignisse. Vieles davon findet sich in den Hessisch Oldendorfer Heimatblättern (Wallbaum ist auch Mitglied im dortigen Heimatbund) und in der Fuhler Dorfchronik wieder, ein 551 Seiten starkes Werk. Weglassen falle ihm schwer, gibt Wallbaum zu. Alles ruft für ihn danach, festgehalten zu werden.

Die Leidenschaft für Geschichte hat den Fuhler („Es heißt Fuhler und nicht Fuhlener“) früh gepackt, sie war auch in der Schule beim Thema Griechen und Römer sofort da. Heimatgeschichte bleibt für ihn dennoch etwas Besonderes: Weil sie eng verknüpft sei mit der Frage „Wer bin ich? Woher komme ich? Wer ist meine Familie?“, sagt Wallbaum. Als Junge habe er den Erzählungen von Mutter und Großmutter gelauscht, zum Beispiel den „Erziehungssagen“ über die Roggenmuhme und das Akenwif (Erbsenfrau). Die Aussicht, die gruseligen Korngeister zu treffen, sollte die Kinder einfach davon abhalten, das Korn auf den Feldern plattzutrampeln. Als er älter war, habe er halbprofessionelle Familien- und Namensforschung betrieben.

Rudi wallbaum

Heimatforscher Rudi Wallbaum

Irgendwann bat man ihn, die Dorfchronik von 1959 zu überarbeiten. So machte sich Wallbaum mit Eifer an die Arbeit  und stieß bei der Recherche auf allerlei Vergessenes. Dazu gehört die Vermutung, das Fuhlen einst den Namen Medofully (Die Mitte von Fuhlen) trug, was darauf verweise, dass dem Dorfzentrum eine gewisse Bedeutung zukam.

Vielleicht sogar so viel Bedeutung, dass unsere heidnischen Vorfahren versuchten, vor und während der Christianisierung, während Karl der Große in der Schlacht am Süntel gegen die Sachsen eine bittere Niederlage einstecken musste und seiner Rache freien Lauf ließ, Artefakte in Sicherheit zu bringen, vermutet Wallbaum. Da ist zum Beispiel eine große Platte mit einer seltsamen Rinne, die in Fuhlen eine lange Geschichte hinter sich hat: Mal diente sie als Tischplatte (1900), dann als Gehwegplatte, bis 1974 dann wieder als Tisch. Heute ist die Platte wieder Teil einer Sitzgruppe mitten im Dorf. Die Rinne befindet sich auf der Unterseite und das ist vielleicht auch gut so, denn in der floss früher Blut, meint Wallbaum, und zwar das von geopferten Tieren, „wenn nicht gar Menschen“. Die Platte stamme möglicherweise vom Hohenstein, sagt Wallbaum, mit spitzen Baumstämmen hätten die Menschen die Rinne geschaffen, in der das Blut der Opfertiere den Hohenstein hinabfloß: Wenn es trocknete, haben die Götter das Opfer angenommen, blieb es nass ...

„Spooky“, findet Wallbaum seine Lieblingssage. Auch wenn er Fuhler mit Leib und Seele ist: Der Hohenstein mit seinem Ostara-Kult nimmt bei ihm einen besonderen Platz ein. Und die Vorstellung, dass die Platte von dort den Weg – wie auch immer – nach Fuhlen gefunden hat, gefällt ihm.
Dass Wallbaum, der als Beamter bei der Wasserbehörde Minden-Lübbecke arbeitet, heimatkundlich interessiert ist, wissen viele Menschen in der Gegend. Schon öfter hätten sie ihm Material für Forschungen und Sammlungen gegeben. Mal ein Tagebuch, mal einrn Aufsatz, mal alte Bilder.

Das liegt auch daran, dass Wallbaum neben seinem eigentlichen Job mit den Sitten und Gebräuchen auf dem Dorf sehr vertraut ist: Bis 1991 war der gelernte Kaufmann selbst Landwirt. „Ich bin mit Einwecken und Hausschlachten groß geworden, bei uns wurde oft nur das Nötigste eingekauft.“ In Minden, wo er für den landwirtschaftlichen Abwasserbereich tätig ist, ist er ebenfalls kein typischer Beamter: „Ich habe in meinem Bereich auf jedem Hof in jeder Küche gesessen.“

Fotos: doro/pr