Höllenhund quer

Der „Höllenhund aus dem Schecken“

Aus dem Sagenschatz der Ithbörde-Dörfer

Von Fritz Koenig

Wer sich mit dem Sagenschatz der Dörfer in der Ithbörde beschäftigt, ist überrascht von der Fülle der dort ursprünglich mündlich überlieferten Sagen. Von großsprecherischen Riesen, gewitzten Zwergen, vergrabenen Kriegskassen und natürlich vom Teufel und seinen Ränkespielen wird berichtet. Am eindrucksvollsten wirken jedoch die zahlreichen Sagen, in denen die Natur die Menschen des Mittelalters dominierte. Ihrer Magie standen sie vor Furcht zitternd oder in unerklärlicher Faszination gegenüber. Begünstigt wurde dieses Lebensgefühl durch die bizarren Felsformationen des Ithgebirges und durch die erst in der Neuzeit gerodeten tiefen Waldungen. Von den Bergen herabstürzende Wasserläufe bildeten geheimnisvolle Teiche und Moore. So verwundert es nicht, dass gleich mehrere Sagensammlungen hier entstanden. August Teiwes, Ulrich Baum und zuletzt Uwe Schakeit legten reichhaltige Sagenbände aus der Ithbörde vor. Die „Sage vom Höllenhund aus dem Schecken“ zeigt, wie eng die alten Sagen mit einer bestimmten realen Örtlichkeit verbunden sind.

Eine Rückschau:

Ende der 40er Jahre war ich als Schüler frühmorgens zu Fuß bei Bavensen unterwegs, um in Behrensen den Hamelner Frühzug zu erreichen. Es war noch dunkel, Regen peitschte herab. Ab und zu lugte der Mond kurz durch die jagenden Wolken. Plötzlich entdeckte der einsame Fußgänger am nahen, Hochwasser führenden Remtebach merkwürdige Lichterscheinungen, manchmal in der einen Richtung, manchmal in der anderen. Ich war irgendwie froh, als ich die ersten Häuser von Behrensen erreichte und vergaß die Eindrücke schnell. Bis ich viele Jahre später in einem Sagen-Seminar auf Texte von „naturmagischen Sagen“ stieß. Die Sagenerzähler hatten dort oft nächtliche Lichterscheinungen als die Augen streunender wilder Hunde gedeutet. War so der glutäugige „Höllenhund aus dem Schecken“ in der gleichnamigen Sage entstanden? Ebenso wie die Gestalt eines schrecklichen Werwolfs, der einer Bisperoder Sage nach in Mondnächten den Bisperoder Hopfengarten am Reekebach umkreist haben soll? Erst mit der Umwandlung des Hopfengartens zum heutigen Bisperoder Friedhof fand dies „Geschehen“ im Jahre 1840 ein Ende.

Die Dämonisierung des Scheckenweges, der über Behrensen nach Hameln führt, lag durchaus im Interesse der adligen Gutsherren am Ith. So wurde der Kontakt zur Stadt Hameln erschwert, der Fortgang der leibeigenen, zu Frondienst und Abgaben verpflichteten Bevölkerung zu den florierenden städtischen Handwerkerzünften eingeschränkt. Eine andere Seite der Natur lernen wir in der „Sage von den Elfen“ kennen. In dieser Sage geht die Magie der Natur nicht aus von ihrer Furcht und Zittern erzeugenden Wirkung, sondern es ist gerade ihre Faszination, die einen Menschen unwiderstehlich anzieht und ins Verderben zieht. Schon J.W. Goethe hat in der Ballade „Der Fischer“ gezeigt, wie ein Fischer, der sinnend an einem Gestade sitzt, der Verlockung des Wassers erliegt. Die Faszination des nassen Elements mit seiner sanften Bewegung der Wellen betört unser Herz. Goethe kleidet diesen Vorgang in die Begegnung mit einer Meerjungfrau, die den Wellen entsteigt: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin / und ward nicht mehr gesehn.“ Die Bisperoder „Sage von den Elfen“ berichtet vom Tanz zarter Wesen im Abendnebel nahe dem Teufelsbruch: In zauberische Nebelschwaden eingehüllt, ziehen die Elfen den Menschen „ins zitternde Moor, in ihr unterirdisches Reich“. Der arme Bisperoder Schlucker, der das Schauspiel im Abendnebel bewundern wollte, kehrte nie mehr zurück. Ein Hauch von Tragik weht den Leser an: Gerade weil der Mensch der Schönheit tänzerischer Bewegung nahe sein wollte, muss er umkommen.

Den Höhepunkt der Ithsagen bildet die Sage „von der weißen Jungfrau“. Sie spielt an einer sehr abgelegenen Stelle oberhalb von Neuhaus (heute Haus Harderode). Aber hier ist es nicht die Natur, die den Menschen in das Verderben führt, sondern dessen eigene innere Unreife: Im Mittelpunkt steht ein Hütejunge, der auf dem Kirchenland vor dem Ith seine Herde weidet. Sein Herz ist es, das sich entscheiden muss, ob es sich zur eigentlichen Bestimmung des Menschen, zu Hilfsbereitschaft, Güte und Liebe bekennen wird, wie es die „blaue Blume“ einstmals symbolisierte. Es heißt im Sagentext: „Einmal fand der junge Hirt, der seine Herde hütet, die blaue Blume, welche dem Glücklichen, der sie findet, die Augen öffnet.“ Der Junge hob die gar seltene Blume auf. Sogleich öffnete sich der Boden. In einer Höhle findet er einen reichen Goldschatz und eine schöne weiße Jungfrau. Ihm aber ging es nur um das Gold. Um das Wichtigste, das hier in der Höhle verzauberte, verbannte Mädchen, kümmerte er sich nicht. Als er in seinem Goldrausch auch noch die blaue Blume verliert, wurde es finster in dem Verlies. Nur mit Mühe konnte er sich aus der Höhle befreien. Den Höhleneingang fand er nie wieder. Nur einmal erschien noch die weiße Jungfrau und beklagte bitterlich weinend, dass er die blaue Blume verloren hatte, „die doch ihm Glück und ihr die Erlösung hätte bringen können“. Wer war die rätselhafte weiße Frau? Was meinte sie mit „Erlösung“? Als um 800 n.Chr. das Christentum bei den Sachsen eingeführt wurde, mussten auf Befehl des fränkischen Herrschers die bisherigen Naturgötter der Sachsen weichen. Im Volksglauben lebten sie oft in entlegenen Berghöhlen weiter. Verbannt und verachtet. So geschah es auch der germanischen Erdgöttin, der Göttin der Fruchtbarkeit. Ihr Name wechselte. Manchmal heißt sie Frigga (in den Ith-Dorfern auch: Friggö); meistens war ihr Name aber Freya. Der Freitag erinnert bis heute an sie. In der Roten Steinhöhle bei Eschershausen wurden bis in unsere Gegenwart noch Opfergaben gefunden, die darauf schließen lassen, dass hier im Mittelalter der Frigga Opfergaben dargebracht wurden.