Morgennebel

Bauernweisheiten von gestern

Morgengrau gibt Himmelblau und anderes Wetterwissen

Von Wilhelm Gerntrup

Er wird gern als „Bibel des Aberglaubens“ bezeichnet: der Hundertjährige Kalender. Ein Teil der der Bauernweisheiten im „immerwährenden Kalender“, wie er auch gern genannt wird, habe Hand und Fuß, sagen dagegen Fachleute. Der Grund für die vielen Bauernregeln ist einfach: Für unsere Vorfahren war das Wetter existenziell. Entsprechend wurde versucht, langjährige Erfahrungen in allgemeingültige Deutungen zu verpacken. Viele davon haben sich bis heute gehalten. Die bekannteste dreht sich wohl um den Siebenschläfer: So wie das Wetter am 27. Juni ist, wird es auch in den folgenden sieben Wochen, heißt es. Auch der Glaube dass die sogenannten „Rauhnächte“ eine besondere Bedeutung haben, ist verbreitet. So wie die zwölf Tage zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar, bestimmen das Wetter für die nächsten zwölf Monate des bevorstehenden Jahres, so der Glaube.

Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist“, lautet eine ironische Anspielung auf die ländlich-laienhaften Wettervorhersagen. In der Tat muten etliche der „Bauernweisheiten“ heute kurios und abenteuerlich an. Früher aber waren die von Generation zu Generation weitergegebenen Regeln oft die einzige Orientierungshilfe. Satellitengestützte, von Meteorologen Tag für Tag verkündete Aussichten bezüglich Niederschlagsmenge, Temperaturentwicklung und Sonneneinstrahlung gab es nicht.
Dabei hätte man diese Möglichkeiten früher viel dringender gebraucht als heute. Das Gros der heimischen Bevölkerung lebte von Ackerbau und Viehzucht. Die meisten waren Selbstversorger. Wetter und Wetterunbilden waren ein von Ungewissheit, Sorge und Existenzangst begleitetes Dauerthema. Man wusste nur eins: Das (Über-) Leben klappte nur im Einklang mit der Natur. „Das Wetter ist der Herr des Bauern“ lautete eine verinnerlichte Erkenntnis.

Kein Wunder, dass die Leute von je her versuchten, das unkalkulierbare Wechselspiel von Wärme, Regen, Wind und Eis zu verstehen. Anders gesagt: Wetterkunde und Wetterprognostik gehörten und gehören zu den „Grundwissenschaften“ der Menschheitsgeschichte.
Eine der ältesten und sachkundigsten Veröffentlichungen zu diesem Thema ist aus dem alten Rom überliefert. Im ersten Jahrhundert v. Chr. brachte der bis heute hochgeschätzte Schriftsteller Vergil (70 bis 19 v. Chr.) ein als landwirtschaftliches Lehrbuch angelegtes Werk mit dem Titel „Georgica“ heraus. Darin geht es auch um Verhaltensmaßregeln für vermeintlich bevorstehende Wetterveränderungen, so unter anderem um Vorschläge zum „Schutz gegen herbstliches Unwetter“, „Anzeichen für schlechtes und für gutes Wetter“ und „Wetterzeichen der Sonne und des Mondes“. Viele der von Vergil in bildhaft-prosaischen Versen aufgezeichneten Informationen wurden von späteren Autoren übernommen und abgeschrieben.

Wettermachen

Das gilt auch für die gut 500 Jahre später im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation auf den Markt gekommene Schrift „Von warer erkantnusz des wetters“. Das von einem gewissen Leonhard Reynmann 1505 verfasste „Wetterbüchlein“ wurde zu einem der bekanntesten und auflagenstärksten meteorologischen Fachbücher des ausgehenden Mittelalters. Es (das Buch) sei „auß den Regeln der Hochberümpten Astrologen Gezogen und gegründt und darzu durch tägliche erfarung beweret“, war im Vorspann zu lesen. Es folgte eine Darstellung aller gebräuchlichen Bauernregeln. Behandelt wurde unter anderem die Frage, wie man Wetterveränderungen erkennen kann. Außerdem wurde erläutert, wie das Wetter im auf und Niedergang der Sonne zu erkennen ist, welche Lehren man aus Wolken ziehen kann und was der Regenbogen, Donner und Blitz zu bedeuten haben. Auch der Einfluss von Neu- und Vollmond wurde bereits gedeutet.
Ob die im Weserbergland beheimateten Leute von solchen Erkenntnissen erfuhren, ist nicht überliefert. Lesen konnten nur die wenigsten. Insbesondere die unmittelbar mit Ackerbau und Viehzucht befassten Untertanen wie Kleinbauern, Tagelöhner, Knechte und Hirten dürften sich bis in die Neuzeit hinein an die in ihrer Umgebung gebräuchlichen Regeln gehalten haben. Nach den Erkenntnissen der Volkskundler stammte vieles davon aus vorchristlicher Zeit.

Einzelheiten kann man in der 1835 von Jakob Grimm herausgebrachten „Deutschen Mythologie“ nachlesen. Danach waren für Sturm, Hagel und andere Unbilden des Wetters in vielfältigster Weise in Erscheinung tretende „Bösewichte“ zuständig. Eine ganze Reihe trat als Trolle, Riesen und Zwerge auf. Überdurchschnittlich häufig vertreten waren weibliche (Un-) Wesen. Besonders schlimm sollen es Wetterhexen, (Blitz-) Strahlhexen und Zessenmacherinnen (vom altdeutschen „zessa“ = Sturm) getrieben haben. Milde oder gar Güte konnten die Erdbewohner nur von den „Wolkengüssen“ erwarten. Die mancherorts auch als „valkyrie“ (Walküre) bezeichneten Himmelsbewohnerinnen lösten beim Ritt durch die Wolken „fruchtbaren thau“ aus.

Einige wichtige Elemente des heidnischen Brauchtums wurden später von den christlichen Glaubenslehrern übernommen und im Sinne der Papstkirche umgedeutet. So musste der germanische Hexenkult als Begründung für die Verfolgung und Vernichtung zahlloser Männer und Frauen im Rahmen der mittelalterlich-neuzeitlichen „Hexenverfolgung“ herhalten. In Sachen Wetter und Wetterprognosen machte sich viel abergläubischer Hokuspokus breit. In einem Anfang des 18. Jahrhunderts gedruckten Beitrag „Kleine, doch curieuse und vermehrte, Bauren-Physic“ stellte der Arzt Christian Franz Paullini (1643-1712) besonders verlässliche Wetterzeichen vor. Danach war mit Regen zu rechnen, „wenn die Raben nach dem Futter die Flügel sehr und offt schwencken“, „wenn die Hühner mit den Fittichen auffs Wasser schlagen oder ihre Federn fleissig säubern oder im Staub und Sand sich herum weltzen“, „wenn die Sau allzulang im Schlamm verweilet“, „wenn der Esel Kopff und Ohren lang und viel beweget oder den Rücken auf der Erde reibt“ oder „wenn die Mäuse starck hin und her lauffen, pfeiffen, hüpffen und tantzen“.

Im Laufe der Jahrhunderte nahmen Zahl und Vielfalt der bäuerlichen Wetterregeln immer mehr zu. Um die wichtigsten im Gedächtnis behalten und weitergeben zu können, wurden sie– nach dem Motto „je einfacher, umso besser“ – gestrafft und zu Kurzreimen „geschliffen“. Das Ergebnis konnte man bis in die 1970er Jahre hinein regelmäßig in der Zeitung und auf Kalenderblättern nachlesen. Was lange Zeit als Beispiel überkommener Unterhaltung aus Urgroßmutters Zeiten belächelt wurde, bewerten die meisten Fachleute heute anders. Ein großer Teil der althergebrachten „Bauernweisheiten“ habe sich als durchaus zutreffend erwiesen, ist von Experten zu hören.
Zum Siebenschläfer ist hinzuzufügen: Was am 27. Juni, passiert, spielt keine Rolle, denn die Gregorianische Kalenderreform von 1582 hat den Lostag um zehn Tage verschoben. Richtig ist, dass sich in der ersten Juliwoche der Charakter des mitteleuropäischen Hochsommers oft entscheidet.