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Geheimnisvoller Ith

Sagenumwobener Höhenzug voller Kultstätten – Sogar eine Version der Rattenfängersage endet hier

Von Gernot Hüsam

Unter den Bergen des nördlichen Weserberglandes gibt es kaum einen, der so sagenumwoben ist wie der Ith. Ob der altgermanische Kult- und Opferplatz „Wackelstein“, das Felsheiligtum „Fahnenstein“ aus heidnischer Zeit oder der Felskessel und Kultplatz „Teufelsküche“: Die Anziehungskraft des weserbergländischen Höhenzugs ist stark. Sogar eine Version der Rattenfängersage endet hier. Allerdings sind nur noch wenige der Kultstätten zugänglich, da sie im Naturschutzgebiet Oberberg liegen.

Einen bewegte der Höhenzug so sehr, dass er die Geschichten sammelte und in einem Büchlein zusammenfasste. „Ithland Sagenland“ heißt das Buch, das Grundschulrektor Ulrich Baum 1987 herausbrachte. Über 200 Sagen rund um den Ith werden in dem Band vorgestellt. Ulrich Baum stieß bei seinen örtlichen Forschungen immer wieder auf Sagen, die bereits schriftlich überliefert waren, wie etwa bei Daniel Eberhard Baring in seiner Saaletalchronik von 1744 oder in Sammlungen von Heimatforschern des 20. Jahrhunderts wie Wilhelm Barner aus Alfeld oder Friedrich Meissel aus Hameln. Ulrich Baum ging aber auch selbst in die Dörfer rund um den Ith und ließ sich von den älteren Einwohnern die örtlichen Sagen erzählen, in ähnlicher Weise wie wir es von den Brüdern Grimm wissen. In Hinsicht auf die Sprache weist er ausdrücklich darauf hin, dass sämtliche Texte im überlieferten originalen Wortlaut wiedergegeben sind.

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Die Frage, wie es kommt, dass es im Bereich des Iths zu einer solch erstaunlichen Häufung von Sagen kommt, beantwortet Ulrich Baum mit Hinweis auf die zahlreichen Plätze vorgeschichtlicher Heiligtümer im nördlichen Ith. Er nennt unter anderem den Hohenstein, das Hainholz, die Teufelsküche und den Garwindelstein/Wackelstein. Die zwei Jahre später 1989 von ihm gesuchten Gesichter an den Felsen unterhalb des Wackelsteins haben diesen Plätzen weiteres Gewicht verliehen, das sich in der Entstehung von Sagen niedergeschlagen haben dürfte. Er nennt auch die auf germanischen Ursprung hinweisenden Bergnamen Ith, Osterwald, Kanstein und Thüsterberg für die Sagenbildung ursächlich. Die Namen werden der damaligen Götterwelt zugeordnet. Der Ith, so heißt es, gehe auf die den Nornen und Walküren verwandten Idisen zurückgehen, die als Elfen beschrieben werden. Ulrich Baum beschreibt das Charakteristische des Iths so: „Dazu kommt die reich gegliederte und vielgestaltige Ithlandschaft mit ihren Bergen und Wäldern, Felsen und Höhlen, Bachläufen und Teichen, abgeschiedenen Dörfern und vergessenen Wüstungen – dies alles regt zusätzlich die Fantasie an und drängt im Verein mit geschichtlichen Ereignissen förmlich zur Sagenbildung.“

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Die gesammelten Sagen hat er in 15 Rubriken unterteilt und geordnet. In der ersten geht es um Riesen und Zwerge, danach folgt ein Abschnitt über Teufel, Hexen und böse Geister. Es geht weiter mit Gespenstern in Tier- und Menschengestalt. Von Räubern, Dieben und Treulosen handelt der nächste Abschnitt. Und so hören wir von Burgen und Edelhöfen, von Schätzen und Schatzgräbern, von Feen, Jungfrauen und weißen Frauen, von Sümpfen, Quellen und Brunnen, von Felsen und Höhlen, von Dörfern und Fluren und vom Aberglauben.
Bei Erscheinung des Buches war das Interesse so groß, dass die 1000er Auflage bald vergriffen war und auch eine zweite Auflage ist längst nicht mehr zu haben.

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Die Funde weiterer Gesichterfelsen bei Adam und Eva und beim Fahnenstein haben 1990 auf Initiative von Ulrich Baum zur Exkursion einer Gruppe von vorgeschichtlich Interessierten in den Ith geführt. Bei dem damaligen Grillplatz „Friedas Ruh“ ging es dann um den experimentellen Nachvollzug prähistorischer Feuerbohr- und Bronzegusstechniken. Als neue Erkenntnis konnte festgehalten werden, dass sich im Bereich des Fahnensteins 18 Hügelgräber befunden haben, die bisher nicht bekannt waren. Ermittelt hat das Joachim Jünemann aus Dransfeld bei Göttingen mit seiner „Lecher-Antenne“. Oder anders gesagt: mit seiner Wünschelrute. Die Technik der Radiästhesie wird allerdings dort den sogenannten Para- oder Pseudowissenschaften zugeordnet, wo sie wissenschaftlichen Anspruch erhebt.

Mit der Habilitationsschrift der Völkerkundlerin Waltraud Woeller aus Berlin 1957 hat der nördliche Ith dann auch noch die Rattenfängersage von Hameln an sich gezogen, als sie nach einer Örtlichkeit im Osten von Hameln mit dem Namen „Koppen“ suchte und dabei auf Coppenbrügge stieß. Sie befragte den damaligen Bürgermeister Fritz Beckmann und der verwies sie auf die Teufelsküche im Ith. Dass sie den Felstrichter als Sumpf bezeichnete, in dem die Kinder von Hameln versunken seien, haben die Kritiker ihr nicht abgenommen. Erst das neu entfachte Interesse durch die Entdeckung der Felsköpfe, die auch „Wodanskoppen“ genannt wurden, hat auch die Sagendeutung vom Exitus Hamelensis neuen Aufschwung erfahren.

Seit einigen Jahren wurden mit der Einrichtung des Ith-Hils-Wanderweges um den nördlichen Ith Rundwanderwege unter dem Motto „ Sagen und Götter natürlich erleben“ eingerichtet. Auf Hinweistafeln wird der Wanderer mit den Sagen bekannt gemacht. Mit dem Smartphone kann man sich zusätzlich die entsprechenden Podcasts anhören, die über die angegebenen QR-Codes heruntergeladen werden können. Auch am PC sind die Hörstücke im Internet unter www.ith-sagen.de zu finden.

 

Fotos: Hüsam