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Das Antlitz des Hohensteins

Kultische Landschaft

Von Dr. A. Meier-Böke

Es hat einer gesagt, das Antlitz des Hohensteins sei das einer Sphinx, deren weißes Jurahaupt in den Westen blicke, wobei der Süntel das östlich gelagerte massige Hinterteil hergebe. Immer wieder, wenn ich von Hessisch-Oldendorf die Münchhausenallee hinansteige oder am Weserangerbach oder den Grünen Weg von der Schaumburg herkomme und die aufgehobene Felsenstirn über den Schluchttiefen erblicke, will mir scheinen, als liege ein leiser Spott um die versteinerten Züge, eine verhaltene, gleichsam lächelnde Ironie, gegründet im Bewußtsein einer Überlegenheit, die das Zeitlose stets gegenüber dem Zeitbedingten besitzt.

Erst auf dem Hochrücken des Wendkenberges, frei Auge in Auge mit der machtvoll über dem lichten Grund dreistufig sich türmenden Plastik, die nur von hier aus so geschlossen, in sich gegipfelt erscheint, angesichts der ragenden Herkulessäulen der obersten Stufe, wandelt sich Spott in Ernst, Ironie in Hoheit, Verhaltenes in Erhabenheit. Der herausgehobene einsame Gipfel will mir dann immer erscheinen wie ein Fußschemel der Überirdischen oder wie ein Leerthron der Unsichtbaren, in seiner Zerrissenheit dem griechischen Olymp vergleichbar.

Die Alten in den Sünteldörfern sagen, der Wendkenberg habe seinen Namen daher, dass einst die heidnischen Frommen, Fußgänger wie Fuhrwerke, hier, angesichts des Allerheiligsten, umzuwenden hatten. Unten an der Blutbeeke hätten die Melkmädchen dem waltenden Priester Speise und Trank in Steinkrügen bereitgestellt, die ausgeleerten dem Hof wieder zugetragen, an dem jeweils die Reihe gewesen. Die Höfe beiderseits des Gebirges hätten den Priester wechselweise zu köstigen gehabt. Nur einmal im Jahr, in der Mittsommernacht, habe ein Irdischer das Allerheiligste betreten, um das Opferfeuer anzuzünden, von dessen Blut noch die Farbe der Felsnelken herrühre, die zur Zeit der Pfingsten im grauen Geröll aufleuchten. Mit dieser Aufgabe sei immer ein Mädchen betraut worden, das allerschönste rundum, welches der Geweihte des Heiligtums in den Wochen zuvor dazu auserwählt habe.

Die Blutbeeke ist den Alten immer noch Grenze für den nachmaligen „Regenten" am Hohenstein, für Baxmann, den Verbannten, den berüchtigten Kornschieber aus Oldendorf, den man, da er auch nach seinem Tode keine Ruhe gegeben, in den Sumpf verwiesen, in die finstere Mitte zwischen Südweh, Hirschkuppe und Ramsnacken, den er nun ausschöpfen muß mit einem Faß ohne Boden. Nur manchmal darf er sich einer begrenzten Freiheit erfreuen und als zahmes Reh, listiger Fuchs, blökendes Kalb Mädchen und Holzknechte erschrecken, zumeist jedoch, und noch jüngst gesehen, als pechschwarzer Hund mit gläunigen Augen und lang nachschleifender Holzkette. Es wird auch noch erzählt, die Bäume am Hohenstein sprühten Funken unter der Axt, die sie zu Bauholz schlüge, und dass dieses immer wieder, wie von unsichtbaren Geistern gestoßen, vom Wagen falle, was die Pferde maßlos beunruhige. Solches Holz aber brächte Feuergefahr ins Haus. Münchhausen, einer von der Oldendorfer Linie, habe einst da oben ein Schiff für den Strom zimmern lassen. Während all der Zeit konnte er sein Handwerksgerät ruhig auf dem Berg liegen lassen. Niemand nahm es fort.

Heute, Anfang März, sind Vorhänge vor dem Hohenstein hergezogen, die sich aufbauschen, kräuseln, wieder auseinander flattern. Licht aus dem Grenzenlosen rauscht durch goldgeräderte Wolkenluken wie ein silberner Regen, hängt den dunkelvioletten Pfeilern purpurne Mäntel um, setzt der Hirschkuppe, der westlichen Stirn, ein funkelndes Häubchen auf, legt leuchtende Bänder um die Mittelklippen, schenkt dem Grünen Altar, den sie in den Dörfern die „Teufelskanzel" nennen, eine goldene Krone. Dann und wann erglüht der Berg in einem blaugrünen, mystischen Licht, und ich verstehe nun beides, die Sage von der goldenen Krone, die im Hohenstein ruhen soll, und die andere, die da sagt, dass alle sieben Jahre, am Mittsommertag, eine Inschrift erscheine, an der hohen Wand, vierundzwanzig Stunden lang, in der Nacht feuerrot, bei Tage in Blutbuchstaben. Der Berg atmet, er lebt.

Durch schlüsselblumenbunte Wiesen, über den strudelnden Bach hinweg, steige ich in die Landschaft am Hohenstein bei Welsede. Die blaue Stunde wob im Tal, rückte Bäume und Gehöfte zusammen und glich die Farben der Äcker schön aus, sie verstopfte Waldbuchten und Wipfellücken mit blauem Duft und hatte plötzlich einen roten Mond eingefangen, der nun als Kleinod im Blauen glomm. Der alte Bauer, der vor dem Waldsaume geeggt hatte, blieb bei mir stehen. „Prrr Liese!" Die Braunen schnoben in der feuchten Abendluft und stampften den Boden. Wir „knöselten" ein wenig. Das Tal verhängte sich immer blauer, und der Mond erreichte bald den höchsten Glühgrad. Wir wurden still, und unsere Augen hingen an dem schönen Bilde. Da fielen aus der Höhe die Rufe ziehender Kraniche. Sie erregten uns und weckten Sehnsucht nach dem Fernen.

Ich blicke in den roten Knospenwald hinein, blicke den ersten, buttergoldnen Faltern nach, die zwischen den silbergrauen Säulen dahinsegeln, verharre auf moosgepolstertem Sturzblock über dem Klippenweg, inmitten der Trümmerwirrnis, die Augen aufwärts gerichtet in die versteinerte Erhabenheit, die jeden Augenblick bereit scheint, mich, den Störenfried im Heiligtum, stürzend zu begraben. Mein Zeitbewußtsein weitet sich ins Unendliche, erlebt des Jurameeres Brandung an den Korallenriffen, überzählt die Jahrmillionen sich mählich festigender Schichtabsätze, erbebt unter dem Donner der Blockabstürze in frostklirrenden Epochen und, ganz am Ende, versöhnt es die begrünende Gnade wärmerer Zeitalter. Und ich meine, dass auch jene Vordagewesenen, die nichts wussten von all diesen Erkenntnissen der Wissenschaft, diese Landschaft kultisch geweiht haben unter dem Eindruck der erhabenen Natur, die den Menschen zugleich erhebt und niederzwingt.