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Der wundersame Holunder

Vom bemerkenswerten Eigenleben eines unscheinbaren Strauches

Von Peter Weber

Kaum ein heimisches Gewächs hat in den letzten Jahren so an Ansehen gewonnen wie der schwarze Holunder. Haftete ihm doch lange Zeit etwas von den dürftigen Verhältnissen der Nachkriegszeit an, war der Saft seiner Beeren allenfalls als antigrippales Heißgetränk geduldet. Nunmehr ist er mit dem Aufleben der Naturmedizin in seinen vielfältigen Wirkungsweisen wieder allseits geschätzt, füllt mit feinen Rezepturen ganze Kochbücher oder stimmt mit einem „Hugo“ ganze Festgesellschaften auf Kommendes ein.

Dabei war der Holunder, auch Holder, Holler, Ellhorn, in Norddeutschland etwas missverständlich auch Flieder genannt, seit alters her hoch geschätzt. Das verwundert erst einmal, ist dieser doch eher unscheinbare, strauchartige Baum mit seinem schrundigen, immer etwas morsch wirkenden Geäst nicht gerade ein Adonis der Pflanzenwelt. Vielleicht hat aber gerade dieses wenig Majestätische zu seinem hohen Ansehen beigetragen. Zudem ist er entgegen seiner brüchigen Anmutung unverwüstlich und entwickelt namentlich zur Blütezeit eine ganz eigene, stille Schönheit. Immer umgab ihn eine besondere Aura. Die Menschen näherten sich ihm mit Respekt, waren sogar gehalten, vor ihm den Hut zu ziehen und zeigten großen Skrupel, ihn zu fällen. Man suchte seine Nähe, pflanze ihn als Hausbaum neben die Tür, um sich und das Vieh vor Blitzschlag, Krankheit oder bösen Geistern zu schützen. Dazu sollten kleine Gaben, etwa etwas Milch oder Butter, helfen, den Geist des Baumes wohlgesonnen zu stimmen.

Alle Bestandteile des Holunders, von der Rinde bis zur Beere, im rohen Zustand durchaus giftig, fanden im ländlichen Haushalt Verwendung. Der Saft seiner Beeren, reich an Vitamin C, bereicherte den Küchenzettel, er wurde zum Färben von Leder, Stoffen und Haar genutzt, vor allem aber

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war der Holunder die sprichwörtliche „Apotheke des Landmannes“. Seine Bestandteile dienten entsprechend aufbereitet u. a. der Blutreinigung, halfen bei Rheumatismus, Entzündungen und Erkältungskrankheiten. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts beklagt ein Dr. Matthiä in den „Hannoverschen Anzeigen“, dass diese Segnungen bei der Stadtbevölkerung fast vergessen seien und man den Holunder dem „gemeinen Manne und dem Pöbel“ überlassen habe. Was folgt, ist eine beeindruckende Auflistung der unterschiedlichsten Anwendungsweisen aller Bestandteile des Strauches, so als Pulver, Aufguss oder Wickel (gern auch vermischt mit „Ziegenkoth“).
Wie dabei Heilkraft und Magisches zusammenfließen können, lässt der Dichter Hans Christian Andersen in einem seiner Märchen anschaulich werden. Hier fällt ein erkrankter Knabe, nachdem die Mutter ihm heißen Fliedertee verabreicht hat, in einen fiebrigen Traum, er „sah nach der Theekanne hin, der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor, sie schossen große, lange Zweige, verbreiteten sich nach allen Seiten und wurden größer und größer. Es war der herrlichste Fliederbusch, ein ganzer Baum, er ragte in das Bett hinein und schob die Vorhänge zur Seite. Wie das blühte und duftete, und mitten im Baume saß eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide, es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt.“ So nimmt für den Knaben der Traum von „Mutter Holunder“ seinen Anfang. Gerade Kindern ist der Holunderstrauch ein besonderer Ort. Sein tief hängendes Blätterdach lässt sich bestens als Versteck nutzen, man kann in seinem verzweigten Geäst wunderbar klettern und das weiche Mark seiner Zweige zu allerlei Spielzeug aushöhlen.

Auf letztere Eigenschaft ist wohl auch sein Name zurückzuführen. Die althochdeutsche Bezeichnung holuntar kann ganz prosaisch als „hohler Baum“ gelesen werden, doch wem dies nicht genügt, dem erschließt sich der Name als „Baum der Holla“, womit wir tief in germanischer Vorzeit angelangt wären. Der Holunder war bei den Germanen hoch geachtet, galt er doch als Sitz der Göttin Holder oder Holla, Verkörperung der Mutter Erde, Beschützerin des Lebens, der Neugeborenen, der Tiere und der Pflanzen, deutlich verwandt mit einer weiteren Gestalt des germanischen Götterhimmels, der Liebesgöttin Freya. Wie Freya, der man unter der Linde und dem Holunder opferte, wurden Holla unter dem Holunderstrauch Opfergaben dargebracht. So glaubte man, mit ihr in Verbindung treten zu können, suchte mit allerlei Ritualen und Zaubersprüchen, sich von Krankheit zu befreien, vor Unglück zu schützen oder einem Kinderwunsch näher zu kommen.

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Unverkennbar ist diese Göttin die Urgestalt der märchenhaften Frau Holle. In der Welt allgegenwärtig, führt sie über die Jahreszeiten wie über das Wetter Regie. Die Sonne scheint, wenn die „Strahlende“ ihr Haar kämmt, es nebelt, wenn sie kocht und so schneit es denn auch bekanntlich, wenn sie ihre Betten macht. Doch so sehr sie in den Lüften in ihrem Element ist, ihr eigentliches Reich liegt unter der Erde. Und zu diesem Reich öffnet der Holunder die Tür. Im Märchen aber ist es ein Brunnen und in Hessen, am Hohen Meissner, wo sie der Sage nach ihr eigentliches Zuhause hat, ist es der Teich der Frau Holle, der Zugang zu ihrem Obst- und Blumengarten verschafft, den sie am Grunde des Sees hegt und pflegt.
Sehr widersprüchlich erscheint ihr Wesen in den vielen Überlieferungen, die sich um sie ranken. Mal ist sie eine schöne Elfe mit weißem Gewand und leuchtendem Haar, mal ein hässliches Weib mit großen Zähnen und langer Nase. Mal ist sie als die „Huldvolle“ den Menschen wohlwollend zugetan, mal zürnend, wenn Unordnung ihren Unwillen erregt. Mal bringt sie Kindersegen, mal, in den winterlichen Rauhnächten im wilden Heer am Himmel fahrend, Schrecken und Tod. Dann ist sie eine Göttin des Todes. Lange hielt sich dessen eingedenk in Regionen Norddeutschlands die Tradition, dass der Bestatter mit einem Holunderzweig an der Leiche Maß für einen Sarg nahm. Doch wenn im Jahreslauf sich der winterlich kahle Baum wieder mit Blattgrün füllt, wenn die weißen Blütendolden von betörendem Duft sich bis zum Ende des Sommers zu schwarzen Beeren wandeln, dann schließt sich ein Kreis, der solche Widersprüchlichkeiten in sich aufnimmt.

Mit der Christianisierung war es allerdings vorbei mit der einhelligen Huldigung der heidnischen Göttin. Man betonte nun die dunkle Seite ihres Wesens und auch an ihrem Holunder ließ man kaum ein gutes Haar, machte ihn zum unheimlichen Zauberstrauch, wohl wissend, dass sein knarzendes Astgerippe an nebligen Wintertagen den Menschen durchaus nicht geheuer war. Solche Diffamierung gipfelte im Anwurf, das Kreuz Christi sei aus Holunderholz gefertigt gewesen, mehr noch, Judas solle sich in einem Holunder erhängt haben. Allerdings zollte die Kirche dem zäh sich haltenden Volksglauben durchaus Tribut und ließ als versöhnliches Bild die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten unter einem Holunderstrauch von den Strapazen ausruhen.

Dass am Image des Holunders gekratzt wurde, focht insbesondere Liebespaare nicht an. Ihnen galt er als Strauch der Liebenden. Hier fanden sie ein schützendes Dach und ließen sich, betört von seinem Duft, der Welt entrücken. Die Literatur hat solches konserviert, Theodor Fontanes Grete Minde trifft sich mit Valentin am Holderstrauch, Heinrich von Kleists Käthchen verrät unter seinen Zweigen versunken im somnambulen Traum dem Grafen Wetter ihre Liebe und ETA Hoffmanns armer Student Anselmus verfällt in der Erzählung vom Goldenen Topf unterm Holunder den verhängnisvollen Reizen der Schlange Serpentina.

Uralt sind diese Bezüge, in denen sich Liebespaare der mythischen Kräfte des Baums versichern. Bräute werfen ihren Kranz in den Holunder und man gelobt sich unter seinen Zweigen Treue, wie es ein Bildteppich, um 1430 in Straßburg gefertigt, zeigt. Ein junges Paar hat seine Hände mit einem Treuebändchen umschlungen und die Braut pfropft zum Zeichen einen grünenden Zweig in den Stamm des Strauches, von einem Schriftband mit den Worten “ich inpfe hie in holder truwe„ kommentiert. Und selbst noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts tröstet sich der Schlagerstern Lolita mit dem Lied vom weißen Holunder über die Untreue ihres Verflossenen hinweg.

Längst vergangene Zeiten. Hat der Holunder auch in medizinischer und kulinarischer Hinsicht wieder gewonnen, so führt er in Wald und Flur ein weithin bescheidenes Dasein. Brachflächen und Feldraine, auf denen er gedeihen kann, sind in der modernen Landwirtschaft Mangelware, und mit dem Verlust der dörflichen Kultur ist er aus den Hausgärten weitgehend verschwunden. Schade eigentlich.

Je nach Standort blüht der Schwarze Holunder von Ende Mai bis Anfang Juli. Die weißen Blütendolden duften stark nach Muskatwein und Honig und werden traditionell zu Sirup oder Gelee verarbeitet, für Holunderblütentee getrocknet oder in Pfannkuchenteig ausgebacken.