Jungbrunnen

Quelle der ewigen Jugend

Menschheitstraum Jungbrunnen: Auch Bad Pyrmont soll einen gehabt haben …

Von Richard Peter

Nichts weniger als ein ewiger Menschheitstraum – vor allem aber: Traum der Frauen. Fast schon traumatisch. Exemplarisch in die Welt gesetzt und gemalt von Lukas Cranach dem Jüngeren – auch wenn die Experten den älteren Cranach zusätzlich ins Spiel bringen. „Der Jungbrunnen“ ist allemal ein Highlight von 1546, das in der Gemäldegalerie Berlin hängt

Zu sehen ist eine Art Luxus-Pool zentral ins große Gemälde gesetzt, in eine Fantasielandschaft mit Silberwölkchen. Ein fürstliches Badebecken. Das wunderverheißende Wasser sprudelt aus einer Marmorsäule mit Venus und dem kleinen Amor. Am linken Bildrand: alte, verbrauchte Frauen, die mühselig herangeschafft werden – auf Schubkarren, Tragen oder aufs Pferd geschnallt, Leiterwagen als Sammeltransport und Huckepack getragen. Ein Bademädchen und ein kritisch äugender Schreiber oder Bader nehmen sie in Empfang. Hängebusig und vergilbt – von einem François Villon schon knapp hundert Jahre zuvor so boshaft wie realistisch beschrieben in der

„Klage der schönen Helmschmiedin“:
„Die Brüste hängen schlaff herab, gleich leeren Säcken.
Die Hüften mägerlich und krumm, sind dünn und flach,
die Schenkel schwabbeln und wie eine struppe Bürste,
das süße Gärtchen mittsdarin, wie ist es garstig, ach!
Die Schenkel runzeln sich wie ungekochte Würste“.

Als hätte er die Vorlage für die Cranachs geschaffen. Kaum im Wasser, beginnt allerdings die Metamorphose – jenseits der Mitte werden aus den vergilbten Alten weißhäutige, verführerisch goldhaarige Mädchen. Die Mühsal des Alters hat ein Ende – es wird fröhlich geplanscht und gespielt.Am rechten Beckenrand dirigiert ein Hofmarschall die nackt Verjüngten in ein knallrotes Ankleidezelt, das sie als „Hofdamen“, kostbar gekleidet, verlassen. Neben dem Zelt eine fürstliche Tafel. Die Reichen und Schönen feiern sich mit Tafeln, Tanzen, Tändeln. Für die wie neu geborenen Mädchen ein verlockender Lebensinhalt. Ein Märchen mit gesellschaftlichen Aspekten. Und schon damals: Jugend und Schönheit verhilft zu sozialem Aufstieg. Eben ist wieder eine von ihnen eine „First Lady“ geworden. Und klar doch: sie fallen allemal den Reichen zu. Und von Villon behauptet: „Stets läufig ist das Weib.“

Das ist das Lebensgefühl um 1550, im „Jungbrunnen“ deutlich gemacht. Spielerische Daseinsfreude. Nach Dürers strengen Aposteln und Grünewalds „Isenheimer Altar“ sehnen sich die Menschen nach Lachen und Fröhlichkeit. Die Welt hat sich gründlich gewandelt. Nach den Umbrüchen der Reformation, den Bilderstürmern, ging der Trend zu weltlicher Repräsentation. Von der Kirche kamen kaum noch Aufträge. Es ist der Beginn einer deutschen Hofkunst, die sich an der italienischen Renaissance orientiert. Plötzlich waren weltliche Bilder für die Schlösser gefragt. Auch der Cranach-„Jungbrunnen“ war sicher im fürstlichen Auftrag entstanden – und gab der Malerwerkstatt Gelegenheit, eine Fülle reizvoller Akte darzustellen.

Die vor allem waren gefragt als Paris mit den drei nackten Göttinnen, Aphrodite, Hera und Athene. Beliebt auch der biblische Sündenfall, mit oder ohne Blätter, Loth und seine beiden Töchter, aber auch Venus und Lucretia waren beliebte Motive. Hauptsache nackt, jung und attraktiv mit eher kleinen, hochstehenden Brüsten, wie sie gerade Mode waren. Da erstaunt es nicht, dass sich im Jungbrunnen nur Frauen tummeln – die Männer sind Zuschauer, genießende Statisten.
Die Burg von Manto im Piemont beherbergt als großflächiges Fresko einen Jungbrunnen aus dem 15. Jahrhundert. Von Hans Sachs, dem dichtenden Schuhmachermeister in Nürnberg, ist ein Gedicht „Der Jungbrunnen“ von 1557 überliefert. Es war die Zeit der Badestuben. Die „Quelle der ewigen Jugend“ – eine mythische Vorstellung, die bereits in der vorchristlichen syrischen Kultur nachzuweisen ist, dem Koran immerhin eine Sure wert ist – 1860 bis 64. Bereits 1513 suchte der Konquistador Juan Ponce de Léon in Florida den „Brunnen der Jugend“. Die Popkultur hat sich ebenfalls des Themas angenommen, selbst ein Orson Welles drehte den Film „The Fountain of Youth“. 1989 entstand der Film „Die Jagd nach dem Jungbrunnen“ und das Computerspiel „Indiana Jones and the Fountain of Youth“ strapazierte ebenfalls das Thema.

Selbst die griechischen Götter, unsterblich zwar, mussten bei der ewigen Jugend nachhelfen und hielten sich dafür einen Garten mit den Hesperiden-Äpfeln, zu denen nur sie Zugang hatten. So ein Apfel spielt auch eine Rolle bei der Begegnung der Göttinnen Hera, Aphrodite und Athene mit Prinz Paris aus Troja.
Auch unser Bad Pyrmont hat eine eigene Jungbrunnen-Geschichte. Ein Mann verirrte sich – lang, lang ist’s her – in den „Pyrmonter Bergen“ im Wald, konnte den Heimweg nicht finden, sah aber, als es bereits dunkel geworden war, im Mondschein eine Quelle, von der er, durstig und müdegelaufen, wie er war, trank. Dann fühlte er sich von dem klaren Wasser so erfrischt, dass er sich wieder auf den Weg machte – kam zu einer Stelle, die er kannte und, wie es heißt, „singend und hüpfend“ ging es in seine Heimatstadt. „Du siehst ja so frisch aus wie vor 20 Jahren als wir geheiratet haben“, meinte seine Frau, als sie ihm mit der Öl-Funzel ins Gesicht leuchtete. Da erzählte er ihr sein Erlebnis. Am nächsten Morgen machte sie sich eiligst auf zu der Jugend verheißenden Quelle. Als sie gegen Abend noch immer nicht nach Hause gekommen war, machte sich ihr Mann auf die Suche. Aber an der Quelle sah er niemanden. Nur ein kleines Mädchen hörte er weinen. Als er genauer hinsah, erkannte er seine Frau, wie sie als Kind mit Zöpfen zur Schule gegangen war. Da war ihm klar: Sie hatte zu gierig von dem Wunderwasser getrunken.

Heute weiß niemand mehr, wo sich die so geheimnisvoll wundertätige Quelle befunden hat. Auch wenn Pyrmonts andere berühmte Quellen nicht ganz so direkt wirken wie im Märchen, es hat allemal und ganz real zur berühmten Kurstadt gereicht – und viele haben sich hier verjüngt gefühlt. Ob durch die Wasser oder einen potenten Kurschatten – wer weiß? Auch Bad Harzburg kann auf ein Wunderwasser verweisen. Nach dem Bad, heißt es, „ist plötzlich die Jugend wieder da“. Lüttchen Deubel sorgt für unerwartete Wirkung des Wunderwassers, das es so oder auch in Variationen in fast allen Kulturen gibt. Dabei pochen die Harzburger darauf, dass es auf die Geisteshaltung und nicht auf die Lebensjahre ankomme und drehen den Spieß um, erzählen von der „Lächerlichkeit des Jugendwahns“ – klassische Anti-Werbung.
So gilt denn hier als Credo: „Nichts macht so alt wie der ständige Versuch, jung zu bleiben.“ Jochen Müller aus Quedlinburg hat die Figuren zum Brunnen geschaffen – einen nackten König, einen alten Mann mit Stock, eine junge Nixe, die sich wohlgefällig im Spiegel betrachtet und ein kleines Teufelchen, den „lüttchen Deubel“.

Wer als Kurort am Meer und als Seebad punkten will, sieht natürlich einen Aufenthalt am Strand als wahren Jungbrunnen, der für einen Hermann Löns generell in der Natur zu finden ist. Das Thema ist noch immer virulent – mal ist es eine Jane Fonda, die mit Aerobic für jugendliche Impulse sorgt – und die Kosmetik-Industrie scheffelt Millionen mit Anti-Aging-Präparaten. Noch immer sind es die Frauen, die angesprochen werden. Denn Frauen, heißt es, verblühen, Männer werden im Alter interessant. Aber auch nur, wenn sie rechtzeitig fürs pralle Konto vorgesorgt haben. In Tirol hieß es schon immer: „Aolls was a Mon scheener ist wia a Aff, is Luxus – übersetzt: „Alles, was ein Mann schöner ist als ein Affe, ist Luxus.“ Glückliche Männer.