Wolf für Wiebke

Das böseste aller Tiere …

Blutrünstige Bestie? Wie der Wolf zu seinem üblen Ruf kam und vom Jäger zum Gejagten wurde

Von Wiebke Westphal

Im Märchen frisst er kleine Mädchen und Großmütter, in den Nachrichten reißt er Schafe: Der Wolf hat ein „böses“ Image, nicht erst seit den Brüdern Grimm. Doch wie kam das in der Antike verehrte Tier zu seinem schlechten Ruf? Warum wurde der Wolf in Deutschland ausgerottet? Und was ist dran am Bild der blutrünstigen Bestie?

Im Märchen vom „Rotkäppchen“ lenkt er das naive Mädchen ab, frisst erst seine Großmutter und dann das Mädchen selbst. In „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ frisst er Kreide und taucht seine Pfote in Teig und Mehl, um die Zicklein zu täuschen und anschließend sechs von ihnen zu fressen. Egal, in welchem der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm der Wolf auftaucht – seine Rolle ist stets dieselbe: Er ist wild, hinterlistig, bissig, grimmig und vor allem blutrünstig. Jacob und Wilhelm Grimm bezeichneten den Wolf sogar als „das böseste aller Tiere“. So haben die Brüder Grimm mit ihrem „bösen Wolf“ sicher viel zum heutigen Image des Raubtieres beigetragen. Der schlechte Ruf des Wolfes ist allerdings viel älter als die Sagen- und Märchensammlung aus dem 19. Jahrhundert. Dabei war die Ausgangssituation gar keine so schlechte: Der wohl bekannteste Wolf-Mythos findet sich in der Sage von Romulus und Remus, die 753 vor Christus die Stadt Rom gründeten. Als Kleinkinder ausgesetzt, wurden die Geschwister fortan von einer Wölfin aufgezogen. Hier gilt die Wölfin als Symbol der mütterlichen Aufopferung und Fruchtbarkeit – ein Mythos, an den der britische Autors Rudyard Kipling Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem „Dschungelbuch“ anknüpfte. Die Hauptfigur, „Mowgli“, wird darin ebenfalls von Wölfen aufgezogen. Die alten Ägypter verehrten den Wolf als Gott des Totenreiches, für die Römer gehörte er zu den Attributen des Kriegsgottes Mars – und die Verbindung des Wolfs mit Krieg und Tod war dabei nicht abwertend gemeint, sondern bezog sich auf den ruhmvollen Tod eines Kriegers oder Herrschers.

Doch schon in der Bibel warnt Jesus vor falschen Propheten, den "Wölfen im Schafspelz". In der „Edda“, einer Sammlung literarischer Werke aus dem Island des 13. Jahrhunderts, ist der Wolf ein Symbol für dämonische Mächte. Die antiken Inder gaben den Dämonen in ihren Mythen Wolfsnamen. In zahlreichen Natursagen aus Osteuropa, Russland und Skandinavien wird über die Erschaffung des Wolfs durch den Teufel berichtet. Und auch in der vor allem im Mittelalter weit verbreiteten Vorstellung, Menschen könnten sich in Werwölfe (in Überlieferungen tauchen hierfür auch die Namen Huckup, Böxenwolf und Wärwolf auf) verwandeln, hat der Teufel seine Finger im Spiel: Der Glaube an Werwölfe existierte zwar schon in der Antike, doch im Mittelalter nahm er ungeheuerliche Ausmaße an. Vor allem Frauen und Kinder wurden Opfer von Werwölfen – von Männern, die sich unter dem Einfluss von Drogen und Beschwörungsriten wie Wölfe fühlten und aufführten. Diese vom Teufel besessene Kreatur, halb Mensch, halb Tier, trieb sich nachts herum, „trank das noch warme Blut, verschlang die Eingeweide seiner unschuldigen Opfer in Orgien satanischer Grausamkeit“.

Man glaubte, mit Hilfe des „Hexenhammers“ von 1489 neben Hexen auch Werwölfe erkennen zu können, was dazu führte, dass unzählige Männer als vermeintliche Werwölfe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Für die damaligen Zeitgenossen war klar: Zum Werwolf wird man durch bösen Zauber, auch zur Strafe für eine schwere Sünde oder durch Teufelsanbetung.

Der Ruf, der dem Wolf vorauseilt, schlug sich sogar in der Sprache nieder: In den altgermanischen Sprachen bezeichnet das Wort Wolf nicht nur das Tier, sondern bedeutet auch Räuber, Mörder, Würger, verachteter Verbrecher, Verbannter, böser Geist. Vor allem das althochdeutsche Wort „warg“ wurde mit dem Bösen selbst gleichgesetzt. Gesetzlose wurden als „Wölfe“ bezeichnet, und der Rechtsspruch „thou art a warg“ erklärte den Verurteilten offiziell zum Ausgegrenzten, der gezwungen wurde, in der Wildnis zu leben. Angeblich, so berichten es die Brüder Grimm, war es verboten, dem „warg“ Essen oder Schutz zu geben. Selbst die eigene Frau durfte sich nicht mehr um ihn kümmern, ansonsten wurde auch sie zum „warg“.

 Die vorherige Verehrung des Menschen für den Wolf schlug in Feindschaft um, nehmen Wissenschaftler an, als der Mensch, der den Wolf zuvor „nur“ als Beutekonkurrenten wahrgenommen hatte, in der Jungsteinzeit von der aneignenden – Jäger und Sammler – zur produzierenden Wirtschaftsweise – Ackerbau und Viehzucht – umstieg. Das Urbarmachen der Wälder schränkte den Lebensraum der Tiere immer mehr ein. Sie fingen an, ihre Mahlzeiten vermehrt auf den Weiden und in den Ställen der Menschen zu suchen – das dabei gezeigte höchst raffinierte und zugleich gnadenlos grausame Vorgehen konnte nach menschlichem Ermessen nur von bösen Mächten gesteuert sein. Deshalb begann der Mensch, das Raubtier zu jagen, und die Jagd geriet dabei regelrecht zum Vernichtungsfeldzug. „Allen Thieren ist Friede gesetzet außer Wölffen, an dem bricht man keinen Frieden“, heißt es im „Schwabenspiegel“ aus dem 13. Jahrhundert, einem der ältesten deutschsprachigen Rechtsbücher.

Für Schaumburg ist die erste bekannte Massentreibjagd für den 4. August 1600 urkundlich belegt. In den folgenden Jahren trommelten die Grafen ihre „Jegers“ und „Underthanen“ regelmäßig zu Wolfshatzen zusammen. Einsatzschwerpunkte waren Sachsenhagen, Hagenburg, Bokeloh und Mesmerode. Bei späteren Aktionen nahm man sich die Gegenden um Kleinenwieden, Hohenrode, Hessisch Oldendorf und Exten vor.

Als während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) infolge von Seuchen und Waffengewalt viele Dörfer nahezu verwaist waren, erholte sich die Wolfspopulation. Die in großen Rudeln umherstreifenden Raubtiere wurden zu einer kaum noch beherrschbaren Plage: „Nur Wölffe siehet man / Auff freyer Strasse gehen / So daß kein Ochse kann / Und Schaf mehr sicher seyn“, dichtete 1642 der Rintelner Professor Andreas Heinrich Bucholtz in seiner berühmt gewordenen „Schawenburgische(n) TrawerClage“ (Schaumburger Trauerklage). Über die Verhältnisse im Winter 1636/37 ist in einem zeitgenössischen Bericht zu lesen, „daß zur Nachtzeit ganze Rudel hungriger Wölfe den Deister und die übrigen Waldungen verließen, die Ortschaften heulend umkreisten und in die Häuser und Stallungen einzudringen suchten“. Nicht selten seien Menschen, „die in Feld und Wald zu tun hatten, von diesen Raubtieren angefallen und manches Mal auch zerrissen worden“.

 Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurde aus den anfangs noch als Abwehrkämpfe durchgehenden Treibjagden ein schießwütiger Vernichtungsfeldzug. Eine bedeutsame Rolle spielte dabei die Gier der adligen Herrscher nach Edelwild. Bei der Jagd danach war der Wolf ein Störfaktor, und als „Mitesser“ unerwünscht.

Vor etwa 200 Jahren schließlich hatte der Mensch sein „Ziel“ erreicht und den Wolf in Nordeuropa bis auf wenige Restexemplare ausgerottet. Über Jahrtausende hinweg war der Wolf hierzulande das wichtigste Raubtier gewesen. Wenige Jahrzehnte reichten aus, um ihn fast völlig auszulöschen. Den letzten Wolf im damaligen Fürstentum Schaumburg-Lippe brachte ein Förster am 29. Mai 1760 zur Strecke.

Erst im Jahr 2000 wurden in Deutschland erstmals wieder Wolfswelpen in Freiheit geboren.

Seitdem erobern sich die Wölfe ihren alten Lebensraum Stück für Stück zurück. Naturschützer jubeln – doch bei vielen herrschen noch immer die alten Ängste und Vorurteile. Jede Sichtung wird deshalb medial begleitet, hinter jedem toten Schaf wird ein „blutrünstiger“ Wolf vermutet. Jüngst sorgte der Wolf „MT6“ für Aufsehen, der in sozialen Netzwerken als Kurti bekannt geworden war. Kurti wurde Ende April im Heidekreis erschossen. Er soll erstaunlich wenig scheu gewesen, und deshalb zur Gefahr geworden sein, begründete Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel den Abschuss: „Der Wolf war viel näher, als wir das für vertretbar halten.“

Eigentlich, sagt jedenfalls Frank Heyter, Leiter des Wildparks Schorfheide in Barnim, habe der Wolf jedoch eine natürliche Scheu vor Menschen und trage sein schlechtes Image völlig zu unrecht. An einem Wolfs-Bild, wie es die Brüder Grimm zeichnen, sei nichts dran: In Wahrheit fresse das Raubtier weder kleine Mädchen noch Großmütter, sondern entweder sehr junges und oder sehr altes Wild. „Es hat sogar einen positiven Einfluss auf die Wild-Population“, so der Leiter des Wildparks.