Grabstein Mythenweg quer

Vom verzauberten Arminius

Einer alten Sage nach wohnte der germanische Held auf der Herlingsburg

Von Manfred Willeke

Als einer der mystischsten Orte des Weserberglands gilt die Herlingsburg oberhalb von Lügde. Einst befand sie sich irgendwo auf dem Plateau des Keuperbergs, einem rund 334 Meter hohen Bergkegel. Um 200 vor Christi entstand hier eine germanische Burg, die von ein oder zwei Familien durchgängig bewohnt war. Angeblich soll sogar Arminius beziehungsweise Hermann der Cherusker dort gewohnt haben. Nach einer alten Sage ist er von Zwergen verzaubert worden und wartet im Berg, umgeben von sagenhaften Schätzen und uralten Weinen, auf die glorreiche Zeit, in der er wieder hervortreten kann.

Damit gehört der Keuperberg mit der Herlingsburg in die Reihe berühmter deutscher Berge, wie dem Kyffhäuser im Südharz. Dort soll ebenfalls ein verzauberter Anführer sitzen: Barbarossa, Kaiser des römisch-deutschen Reiches, mit seinem gesamten Hofstaat. Auch er, so heißt es, wird aus dem Berg herauskommen und sein Reich neu errichten, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin schickt er alle einhundert Jahre einen Zwerg, der nachsehen soll, ob die Raben noch immer um den Berg herumfliegen. Ist dies der Fall, ist die Zeit des Erwachens für den Kaiser Barbarossa noch nicht gekommen. Er verfällt für weitere einhundert Jahre in seinen Zauberschlaf.
Die Geschichte vom eingeschlossenen Hermann auf der Herlingsburg ließ auch Ernst von Bandel mit dem Gedanken spielen, dort das Hermannsdenkmal zu errichten. Schließlich entschied er sich aber für Detmold. Nachdem die germanischen Anlagen auf der Herlingsburg verfallen waren, wurden sie im achten Jahrhundert nach Christi Geburt von den Sachsen als Bollwerk gegen die vordringenden Franken wieder instand gesetzt. Der Sage nach lebten damals zwei Brüder auf der Herlingsburg, die sich wegen einer Frau bekämpften und sich erst durch die christliche Botschaft der Nächstenliebe wieder vertrugen. Aus dieser Zeit, als die Sachsen gegen die vordringenden Franken kämpften, wird von einem Ritter berichtet, der seine geliebte Frau auf der Herlingsburg zurücklassen musste und nie wieder zurückkehrte. Sie wartete ihr ganzes Leben lang auf ihn, und auch nach ihrem Tod fand sie keine Ruhe. Noch heute, so heißt es, sei sie in mondhellen Nächten am Tor der Herlingsburg zu sehen und wartet auf ihren geliebten Ritter.
Am Fuß der Herlingsburg, wo sich heute noch Reste einer kleinen Burg aus der Zeit um 900 finden, dem sogenannten Bomhof, lebte einst angeblich der Kanzler der Herren auf der Herlingsburg. Er war ein unnachgiebiger Mann und belegte die Bauern mit immer höheren Steuern und Abgaben. Die Bauern verfluchten ihn und er fand ebenfalls keine Ruhe im Grab. In den vergangenen Jahrhunderten sei er oft unvermittelt vor die Fuhrwerke der Bauern getreten und habe die Pferde erschreckt, heißt es.

Grabstein Mythenweg

Eine andere Sage berichtet, dass dieser Kanzler in einer Burg am Kenzler, der 1930 eingerichteten Wasserversorgungsanlage der Stadt Lügde an der Herlingsburg, gewohnt haben soll. Sein Herz war verstockt, und er soll ein besonders böswilliger Mensch gewesen sein. In wilden Gelagen verprasste er das Geld der armen und gequälten Bauern. Eines Tages fuhr er mit all seinen Trinkgenossen in die Hölle hinab. Nur einmal im Jahr, am 24. Juni, dem Johannis-Tag kehrt er wieder zurück. Dann kann man ihn sehen und wer Glück hat, dem schenkt er einen Taler…
An eben diesem Tag kann man auch in die Herlingsburg hinabsteigen, wenn man den rechten Eingang weiß. Sie öffnet sich um Mitternacht und man kann sich von den sagenhaften Schätzen des Arminius/Hermann des Cheruskers so viel mitnehmen wie man will. Wehe aber, wenn die Uhr eins schlägt, wer dann den Berg nicht verlassen hat, wird in seinen Tiefen eingeschlossen.

Herlingsburg Wallreste

Noch viele weitere Sagen spielen rund um die Herlingsburg, die nach der Wiederbefestigung und der Christianisierung im 8. Jahrhundert ihre ursprüngliche Bedeutung verlor. Sie blieb aber als mystischer Ort in der Überlieferung der Menschen erhalten, was die vielen Sagengestalten erklärt, die um und auf der Herlingsburg herumgeistern.
Seit dem 16. Jahrhundert, als in der Klosterbibliothek von Corvey die Schriften von Tacitus über die Varusschlacht wiederentdeckt wurden, nannten die Menschen die Herlingsburg eine Zeit lang auch „Hermannsburg“ oder „Castrum Arminius“.
Als 1668 die Grafschaft Pyrmont geteilt wurde, behielten die Fürsten zu Waldeck-Pyrmont einen schmalen Gebietsstreifen (Pyrmonter Schlauch) vom Dorf Hagen her als Zugang zur Hochfläche der Herlingsburg. Sie vermuteten dort ihre Ursprünge und hielten die Herlingsburg für einen wichtigen Ort innerhalb der Grafschaft Pyrmont.
Seit dem 18. Jahrhundert zogen junge Leute aus der ganzen Gegend am ersten Pfingsttag jedes Jahres auf die Hochfläche der Herlingsburg, um dort zu tanzen und etwas von der „Kraft zu tanken“, die dieser mystische Berg ausstrahlt. Diesen Brauch gab es noch bis Ende des 19. Jahrhunderts. Heute ist er, wie so viele andere Bräuche, vergessen.
Viele der Sagen und Geschichten um die Herlingsburg, hat der Lügder Heimatdichter Josef Seiler (1823-1877) veröffentlicht, einige aber auch in seiner großen, unveröffentlichten Sammlung hinterlassen.
Heute führt ein eigens vom Lügder Heimat- und Museumsverein angelegter Mythenweg an der Herlingsburg vorbei, der an die ein oder andere Sage erinnert.

Herlingsburg

Fotos: Wolfgang Brümmer/Manfred Willeke