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Spuk in der Ruine

Die unheimliche Lutterburg in Bodenwerder

Von Joachim Zieseniss

Geradezu märchenhaft ist der Stoff, der Anfang des vorigen Jahrhunderts am steilen Hang des Hopfenberges südlich von Bodenwerder architektonische Form annahm: Der jenseits des großen Teichs steinreich gewordene deutschamerikanische Industrielle Ernst-Theodor Büttner kommt 1908 nach „Good old Germany“ zurück. Und da, anders als für die Menschen in der rund vier Kilometer entfernten Münchhausenstadt, Geld für ihn keine Rolle spielt, baut er in seinem sagenhaften Reichtum hoch über der Weser ein Traumschloss als Ruhesitz. Deutsche Prominenz geht fortan in der Villa auf dem über 21 Hektar großen, steilen Hanggelände, das der Bauherr hatte terrassieren lassen, ein und aus. Bodenwerderaner haben nur als Personal Zutritt, staunen aus der Ferne und bringen sporadisch Nachrichten über den gesehenen Luxus mit in die Weserstadt.

Das Bau-Ensemble am Osthang des Hopfenberges bestand in seiner Glanzzeit nach 2011 aus zwei feudalen Landhäusern mit Pförtner- und Bedienstetenhaus an der heutigen B83, mit Stallungen und einer eigenen Kapelle nebst Privatfriedhof. Doch das augenscheinliche Glück in der Lutterburg sollte nicht von Dauer sein und tragisch enden: Ernst-Theodor Büttner und seine Frau Dorothea blieben kinderlos. Der Hausherr verstarb nach qualvollem Krebsleiden 1941. Bis zu ihrem Tod 1956 lebte seine Frau noch mit einigen Angestellten in der Lutterburg. Das Besitzerehepaar liegt auf dem eigenen Friedhof unter mittlerweile geschändeten Gräbern bestattet. Eine Nichte verließ als letzte 1977 das Anwesen.

Danach stand die Lutterburg bis heute unbewohnt leer. Mehrfach wechselte sie die Besitzer, gehört derzeit einer Berliner Immobiliengesellschaft. Ein mysteriöses Feuer hat das Haupthaus mittlerweile in eine Ruine verwandelt, der Rest der Architektur verfällt, und der Wald hat sich sein ehemaliges Areal zurückerobert. Mit seiner Entstehungsgeschichte und dem heutigen Zustand des Verfalls alter Pracht gibt die Lutterburg damit eine Steilvorlage für einen Kommunikationsprozess, mit dem schon seit Jahrhunderten Sagen und Märchen entstanden sein dürften. Und enthalten beide Begriffe - Sage wie Märchen - das Element der mündlich- volkstümlichen Tradition, so ergibt sich heute im digitalen Zeitalter eine einmalige Chance: In den sozialen Netzwerken ist das Entstehen der urbanen Legende von der „unheimlichen Lutterburg in Bodenwerder“ dokumentiert. Ein Märchen, das nicht wie damals im abendlichen Gespräch unter Nachbarn am Kaminfeuer entsteht, sondern wie unter Laborbedingungen schrittweise dokumentiert in den Internetforen wie „Spukvilla“ oder „Allmystery“. Schwarz auf weiß kann hier das Werden eines Horrormärchens aus dem Wesertal verfolgt werden.
„Allmystery“- gegründet wurde das Forum 1987 - ist eines der ersten und größeren deutschen Diskussionsforen über grenzwissenschaftliche und mysteriöse Themen. Ursprünglich behandelte es ausschließlich Verschwörungstheorien, wurde später aber auch auf die Bereiche Ufologie, Göttererscheinungen und Spukphänomene erweitert.

Und bei „Allmystery“ ging es genau am 11. August 2009 los mit dem „Spukschloss am Hopfenberg“: Damals eröffnete user „darkrather“ - übrigens selbst aus Bodenwerder stammend - die Diskussion über die verfallende und unheimliche Lutterburg. Mittlerweile haben sich unter „Die unheimliche Lutterburg in Bodenwerder“ auf zahlreichen Seiten ebenso viele Paraphänomen-Fans aus ganz Deutschland gemeldet, die teilweise weit angereist über ihre dort gemachten Erlebnisse berichten - zum Teil pseudowissenschaftlich gestützt mit Fotografien und Videos. Und aus den Überresten einstigen büttnerschen Großmannstums wird eine Horrorstätte der verdammten Seelen: Da wird vom mysteriösen Gebell nicht vorhandener Hunde erzählt. Eine Beobachtung, über die dann anschließend auch andere Zeugen berichten; von mitgebrachten Hunden, denen sich beim Spaziergang über das Lutterberggelände plötzlich furchtsam die Nackenhaare sträuben; von ewig blühenden Blumen auf dem verfallenen Friedhof und Gießkannen, die, weggenommen, am nächsten Morgen wieder vie von Geisterhand an derselben Stelle am Grab stehen.
Auf einem ins Netz gestellten Video werden mysteriöse durchs Bild huschende Schatten entdeckt, die bei der Aufnahme nicht vorhanden waren. Und auf einem Foto von den umgekippten Grabsteinen taucht später eine sonst mit bloßem Auge nicht erkennbare Schrift auf, auf einem weiteren Schnappschuss aus dem Wald entdecken die Geisterjäger sogar eine weiße Gestalt. So erzählt „redmamba94“ auf „Allmystery“: „Als ich eben meine Fotos auf den PC laden wollte, fiel mir etwas auf, was ich mir nicht erklären kann. Auf 2 Bildern sieht man etwas weißes, das mir nicht aufgefallen war, als wir durch den Wald gingen. Und wir waren wirklich sehr aufmerksam. Müll, Folie oder Ähnliches schließe ich aus. Das hätten wir sicherlich schon beim Gehen bemerkt. Na ja, die Fotos sind nicht ganz scharf, es war auch schon recht dämmrig. Aber vielleicht hat jemand eine Idee, was es sein könnte.“ Und „Grant“ antwortet: „Auf den Bilder... Für mich sieht das aus wie ne Frau oder ein Mann mit langen weißen Haaren und einem schwarzen Mantel an... Der mit dem Rücken zu euch stand... Solltet ihr das nich iwie erfunden haben... is das echt verdammt krass und unheimlich...“
 Hier genau zeigt sich beim Entstehen dieser modernen Legende genauso wie schon im klassischen Märchen die Lust am Unerklärlichen, die in der Lutterburg verortet wird; die Lust, auf 21 Hektar verbuschender Ruinenfläche in andere Welten abzutauchen: Die Ruinen werden zu Projektionsfläche von unheimlichen Fantasien, die sich im Kreise der Multiplikatoren letztendlich zur erzählten Realität verdichten. Denn auch in Grimms Märchen sind kannibalische Hexen, blutrünstige Wölfe und mordlüsterne Königinnen schließlich erzählerisch zur Realität geworden.