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Die Schönheit des Verfalls

Lost Places - der morbide Charme verlassener Orte

Von Dorothee Balzereit

Manche der Orte sehen aus, als hätten die Menschen, die dort gelebt oder gearbeitet haben, die Flucht ergriffen. Als hätten sie keine Zeit mehr gehabt den Stuhl einzupacken, die Vorhänge abzuhängen oder das Telefon mitzunehmen. Verschmutzt steht das alte Modell auf Stufen, von denen die Farbe abblättert, ringsherum Laub und Staub. Gestrig, vergessen und mit schwer greifbare Anziehungskraft. Welche Menschen mag es früher verbunden haben?


In der Fantasie erhebt sich Stimmengewirr. Geheimnisse, Anweisungen, Klatsch und Tratsch: Dieses Telefon ist nicht einfach ein Telefon, es erzählt Geschichten aus der Vergangenheit. So, wie das Zimmer, in dem sich die alten Tapeten lösen oder die offene Tür im verlassenen Hausflur.
Die Spuren, die wirken, als hätte man versäumt, sie zu beseitigen, scheinen Wege in geheime Räume zu öffnen. Ein wenig scheint es, als wären die Menschen, die diese verlorenen Plätze, sogenannte „Lost Places“ suchen, Jäger der Erinnerung.

Haus Harz


Die Gemeinschaft der Ruinen-Fotografen wächst seit Jahren. Die Hamelnerin Alexandra Kammerhoff ist eine von ihnen. Auf der Jagd nach Lost Places ist sie schon viel gereist. Objekt der Begierde sind verlassene Häuser, Villen, gerne auch Krankenhäuser oder Psychiatrien. Für Alexandra müssen die Gebäude ein gewisses Alter haben. Krankenhäuser, die erst ein paar Jahre auf dem Buckel haben seit alles stehen und liegen gelassen wurde oder Industriebrachen stehen nicht auf ihrer Liste
Was sie reizt? Neben den ästhetischen Aspekten wie Kontraste von Licht und Schatten, Verwilderung, Rost, Staub, Moos, eindringendem Wasser, porösen Böden und Decken, abplatzendem Putz und herunterhängenden Tapeten ist es immer auch die gedachte Geschichte dahinter.

Haus 2 Harz


Seit zweieinhalb Jahren geht sie auf Lost-Places-Trips. Anfangs allein, inzwischen in Minigrüppchen. Auch, weil es allein zu gefährlich sei. „Die Böden in den alten Gebäuden sind nicht selten morsch“, sagt sie. Den Trips gehe ein lange Recherche im Internet voraus. Am Ende werden zwei, drei Ziele, die an einem Tag zu schaffen sind, ins Auge gefasst, der Rucksack gepackt, und los geht‘s.
Inzwischen hat die 49-Jährige hunderte Bilder bei Instagram (einige auch bei Facebook) unter „alekammer“ gepostet und eine Menge Fans. Um den Bildern den richtigen Kick zu geben, bearbeitet sie die Bilder mal mehr, mal weniger, um Ausdruck oder Stimmung hervorzuheben.
Nicht nur Alexandra lebt Storys hinterher. Wir alle tun es, sagt der Biologe Werner Siefer. Weil Menschen dazu neigen, die Welt lebendig werden zu lassen – und dabei auch vor Unbelebtem nicht Halt machen. Das gehe so weit, dass wir Dingen Absichten unterstellen. Das ist nicht irre, sondern Instinkt. Eine Strategie, so der US-Philosoph Daniel Dennet, die dabei helfen soll, Handlungen oder Bewegungsweisen vorauszusagen. Warum? Verkürzt gesagt, weil es aus evolutionärer Sicht besser ist, Elementen eine Absicht, die sie nicht haben, zu unterstellen, als die Intentionalität belebter Elemente zu übersehen, obwohl sie eine haben.
Falls der Philosoph irren sollte gilt: Es ist schöner, die Ästhetik eines Ortes in den letzten Zügen einzufangen, als es nicht zu tun.


https://www.instagram.com /alekammer/