orakel

Mehr Ding' zwischen Himmel und Erde

Weissagungen und Prophezeiungen: Was wohl die Zukunft so in Petto hat

Von Richard Peter

 „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“ - und folglich: „wir leben nicht mehr lang“. Die vielleicht sympathischste, auch witzigste Prophezeiung überhaupt. Fast schon verspielt genial – auch wenn es nur ein Schlager ist: und der verzichtet wohlweislich auf eine Jahreszahl. „Doch keiner weiß in welchem Jahr“ - und wenn man glaubt, was Experten berechnet haben und sich unsere alte Erde noch rund 500 Millionen Jahre in ihrem jetzigen Zustand durchs All und um die Sonne dreht – die Chancen stehen nicht schlecht fürs Überleben. Für uns wie für die Weissagung mit ihren Treffer-Quoten. „Und das ist wunderbar“ wie es sich aufs nicht genannte „Jahr“ reimt.

So fröhlich entspannt geht es bei den Weissagungen nicht immer zu. Stichwort: „Jüngstes Gericht“. Schon Jesus orakelte: „Von dem Tag aber und von der Stunde weiß niemand – sondern allein der himmlische Vater“ Und später steht sogar, selbst der wüsste nicht, wann sein eingeborener Sohn „auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit“ das „Jüngste Gericht“ abhalten wird, wie es Michelangelo so eindrücklich für die „Sixtina“ malte. Nur vage prophezeit: Jesu Wiederkehr als Weltenrichter, wie es bei Timotheus heißt. Davor werden von ihm „schlimme Zeiten“ vorhergesagt – die Menschen würden „geldgierig, prahlerisch, hochmütig, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, zuchtlos“. Also auch aktuell ziemlich nah am Untergang – und das seit Jahrtausenden.

Erstaunlich nur, dass selbst Gott Vater in seiner Allwissenheit nicht wissen soll, wann es soweit ist, dass „die Sonne sich verfinstert und Sterne vom Himmel fallen“. Ein Katastrophen-Szenario, bei dem Hollywood ziemlich alt und bieder ausschaut. Dabei hat Joel schon prophezeit: „Denn der Tag des Herrn ist nahe“. Aber vielleicht denken Propheten in anderen Zeitabständen. In den Offenbarungen des Johannes heißt es ebenfalls: „Denn es ist gekommen der große Tag des Zornes“. Und Johannes ist nicht zimperlich bei seiner „Apocalypse now“.

Einer der tragischen Fälle, was Weissagungen betrifft: Kassandra, Tochter des Priamos von Troja – ehemals Ilion – und Schwester von Paris, der Helena, die schönste Sterbliche Griechenlands – Pech, dass sie mit Menelaos verheiratet war – nach Troja entführte. Kassandra, angeblich so schön wie Aphrodite, Göttin der Liebe und Schönheit, hatte es Apollon angetan – weiß Gott kein Kostverächter, der mit seinen neun Musen und den hübschen Knaben Narziss und Hyazinth sexuell eigentlich hätte ausgelastet sein müssen. Aber er wollte unbedingt auch die hübsche Irdische für sich gewinnen und verlieh ihr schon mal als eine Art Brautgeschenk, auch ohne Heiratsversprechen, die Gabe des Sehertums. Als die Kleine den großen Phoibos aber schnöde abblitzen ließ, war der stinksauer und rächte sich. Auch wenn er ihr die einmal verliehenen Fähigkeiten nicht absprechen konnte – warum eigentlich nicht? - was er aber konnte: er sorgte dafür, dass Kassandras Unkenrufe von niemandem geglaubt wurden. Ilion – sie warnte eindringlich vor dem Krieg mit den vereinten Festlands-Griechen - ging also unter und Kassandra musste mit dem Heerführer Agamemnon als dessen Sklavin mit nach Mykene. Dort prophezeite sie den Tod des Königs – natürlich hörte, wie immer, niemand auf sie – und Klytaimnestra erstach sie dafür wie ihren Gatten Agamemnon. Der Atriden-Fluch halt – der noch um einen Mutter- und Onkelmord ergänzt wurde. Es kam schon nicht mehr drauf an.

Nur so nebenbei ergänzt, und wie sich der antike Jetset so unbekümmert ausgelebt hat zu Trojas Zeiten: der Held Ajax vergewaltigte Kassandra unbekümmert im Tempel der Athene. Und das alles ganz ohne Regenbogenpresse.

Ein besonderer Fall auch das Orakel der Pythia in Delphi am Hang des Parnass in Phokis-Land – und nichts weniger als der Mittelpunkt der Welt. Im Übrigen standen hier die Schatzhäuser – also der erste Bankenplatz sozusagen. Eine Geschichte, die weit zurückreicht: Gaia, die Erdgöttin, vereinigte sich mit dem Schlamm, der vom „Goldenen Zeitalter“ - das von Perikles war sehr viel später – noch übrig geblieben war und gebar die geflügelte Schlange Python. Von da an lebte die hellseherische Gabe in Delphi. Als Leto, die sagenhafte Königin von Sparte - nicht mit Leda mit dem Schwan zu verwechseln, auch wenn beide ein Techtelmechtel mit Zeus hatten – von Pythia verschlungen werden sollte, gebar sie nach einem spontanen Zeus-Besuch, die beiden Top-Götter Apollon und Artemis.Und Apollon nahm Rache an Python, tötete den Schlangen-Drachen und durch dessen Blut übertrug sich die hellseherische Gabe auf den Ort. Also Fantasie hatten sie, die Griechen. Jedenfalls residiert seitdem Pythia, die auf einem Dreifuß über einem Erdspalt sitzt, dem Dämpfe entströmen, die das Medium in einen Trancezustand versetzen. Die einen tippen dabei auf Ethylen, andere verweisen auf Methan und Kohlendioxid. Der Sauerstoffmangel soll für Halluzinationen verantwortlich sein. Vermutlich ist die Geschichte einfacher. Delphi war eine „Drehscheibe“ und die Priesterschaft war über so ziemlich alles informiert, was sich in der damals bekannten Welt abspielte und konnte Zusammenhänge herstellen und so durchaus realistische Vorhersagen treffen, die sie vorsichtshalber so formulierten, dass sie so oder so auszulegen waren.

Wie beispielsweise die Anfrage von Krösus, diesem stinkreichen letzten König von Lydien, der wissen wollte, was passiert, wenn er den Perserkönig Kyros II. angreift. Die sibyllinische Pythia-Aussage: „Wenn Krösus den Halys – ein Fluss in der Gegend – überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören“. Pech für Krösus, es war sein eigenes.

Berüchtigt auch das Ödipus-Orakel, das König Laios von Theben prophezeite, er würde von seinem Sohn ermordet, der dann seine Frau Iokaste, also die eigene Mutter, heiraten würde. Als der Kleine geboren war, ließ Laios dem Baby die Füße durchstechen und übergab es einem Hirten um es in der Wildnis auszusetzen. Doch der brachte den Knaben zum Königspaar von Korinth. Und Ödipus – schlicht: Schwellfuß – erfährt später, wieder durch ein Orakel, er würde seinen Vater ermorden. In Panik flieht er aus Korinth um das Schlimmste zu vermeiden und trifft prompt an einer Wegkreuzung in der Nähe von Theben auf seinen tatsächlichen Vater, den er tötet. Kommt nach Theben, nachdem er die Stadt noch kurz von der Sphinx befreit – heiratet Mama Iokaste. Als die tragische Geschichte bekannt wird, erhängt sich die Königin und Ödipus blendet sich. Schon erstaunlich wie schicksalsgläubig sich dieses sonst so geniale Volk gibt. Vermutlich das, was einen Schäuble noch heute zur Verzweiflung treibt.

480 v. Christus befragte Themistokles das Orakel, als die Perser gegen Athen anrückten und deutete die prophezeiten „hölzernen Mauern“ richtig als Schiffe und besiegte so die Perser in der Seeschlacht von Salamis. Die Schlachtordnung war ähnlich wie später bei der legendären spanischen Armada, die auch von den kleinen wendigen Schiffen der Engländer auf den Meeregrund geschickt wurden. Wie so oft: David gegen Goliath – und immer derselbe Ausgang.

Orakel, Prophezeiungen gab es schon immer – heute liest man zum Frühstück das aktuelle Horoskop, auch wenn man nicht dran glaubt – zu tief das Bedürfnis auf den Blick in die Zukunft. Die Römer hatten ihre Auguren, Beamte, die jeweils ermittelten ob das, was man vorhatte, den Göttern auch genehm war. So beobachteten sie den Flug und das Geschrei der Vögel, warfen Knöchelchen und bereiteten Opferzeremonien vor. Ihr Zeichen war der Krummstab. Cicero, selbst Augur, hielt allerdings wenig von der ganzen Wahrsagerei und nannte sie schlicht Humbug. Auf derselben Stufe dürfte sich unser Bleigießen zu Silvester befinden. Und auch Kaffeesatzleser, Kristallkugel-Gucker – meist Guckerinnen - oder Eingeweide-Beschauer spielen in derselben Liga.

Einer der ganz Großen der Weissager-Zunft ist der Südfranzose Nostradamus. Im „Faust“ heißt es bewundernd: „von Nostradamus eigener Hand“. Auch wenn jeweils konkrete Zeitangaben fehlen und durch eine metaphorische Sprache immer neue Deutungen möglich werden – es wurden auch Übereinstimmungen behauptet. So beim Napoleon-Anagramm, das bei Nostradamus als PAU NAY LORON verzeichnet ist und als korsisch für Napoleon Roy steht, dem Mann des Feuers und des Krieges. Er wird, heißt es, den Piusen verweigern – und tatsächlich ließ er Pius VI. und Pius VII gefangen nehmen. Hitler kommt als kleines Kind, geboren von armen Leuten vor, der „durch Reden verführt“. Auch die Kennedys gehören dazu, weil Nostradamus orakelt, dass der eine „am Tag von einem Blitzstrahl“ getroffen wird, der andere fällt in der Nacht. Tatsächlich wird John F. Kennedy um zwölf Uhr mittags erschossen, sein Bruder Robert um ein Uhr nachts.

Vorherrschend aber Pleiten, Pech und Pannen – vor allem in der biblischen Prophetenwelt. Die vorhergesagte Zerstörung Ninives fand nicht statt. Bei Jeremias heißt es: „Israeliten, die nach Ägypten ziehen, sollten sterben“. Taten sie nicht, im Gegenteil: in Alexandrien errichteten sie ein kulturelles Zentrum. Die Nachkommen leben immer noch dort. „Siehe“, heißt es bei Jesaja, „Damaskus wird keine Stadt mehr sein, sondern ein gefallener Steinhaufen. Auch wenn es heute in Syrien mehr Steinhaufen als Städte gibt – Damaskus ist eine reale Millionenstadt. Und nochmal Jesaja, der prophezeite, dass „Unbeschnittene und Unreine Jerusalem nicht mehr betreten sollten“. Vermutlich betreten aber mehr Unbeschnittene und Unreine die heilige Stadt. Da blieb der Wunsch der Vater der Prophezeiung. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Dennoch: in Shakespeares „Hamlet“ heißt es „Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als unser Schulweisheit sich träumt“. Ebenfalls im Hamlet: „O, mein prophetisches Gemüt“ - und im „Lear“ heißt es es, „Aus Spöttern werden oft Propheten“. Goethe in seinen Epigrammen: „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten“. Und sprichwörtlich berühmt nach Matthäus: „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland“ - ergänzt um „und in seinem Hause“. Und nochmals Matthäus: „Falsche Propheten“ - und damit liegt er allemal richtig.