Amulett Bernstein

Magischer Schutz

Vom Glauben an die Kraft der Talismane und Amulette

Von Viktor Meissner

Früher glaubten die Menschen, dass die umgebende Natur beseelt sei. Bäume, Pflanzen, Berge, Himmel und Erde hatten in ihrer Vorstellung ein Eigenleben. Im Gefühl ihrer Hilflosigkeit gegenüber Naturgewalten glaubten sie im niederfahrenden Blitz, im Hagel, in Vulkanausbrüchen und im Sturm übermächtige Wesen zu erkennen. Das Bedürfnis nach Schutz war dementsprechend groß. Ebenso der Wunsch, wenigstens ein Stück weit Einfluss nehmen zu können auf das, was immer wieder unvermittelt über ihre Welt hereinbrach. Zu den ältesten Dingen, die dabei helfen sollten, gehören Talismane und Amulette.

Der Mensch sah Früchte wachsen, Samenkörner aufgehen, fühlte die wärmenden Strahlen der Sonne und fand für all das keine Erklärung. Er bemerkte, wie Schädlinge seine Saaten vernichteten, wie seine Tiere von Krankheiten dahingerafft wurden, wie schmerzhaft ein Schlangenbiss war und dass die appetitlich aussehenden Beeren der Tollkirsche tödlich waren. In der Folge erfand er sich gute und böse Wesen, die Segen oder Schaden brachten.
Von dort war der Weg nicht zu den für gut befundenen Hilfsmitteln, die die Menschen und ihren Besitz vor Schaden bewahren sollten. Andererseits gab auch Mittel, mit denen man sich dankbar gegenüber der Natur zeigen wollte. So entstanden mystische Vorstellungen mit Riten und Opfern an die „Gottheiten“ nach dem Motto: “Gib mir das und ich geb‘ dir das“, oder umgekehrt: „Ich geb‘ dir das, lass mich dafür in Ruhe...“
Bis heute tragen Menschen Glücksbringer in Form von Schmuck und wissen manchmal gar nicht, auf welch uralten Brauch dieser zurückgeht. Mal sind es Täfelchen aus Edelmetall mit Sternzeichen, mal Symbole wie Kleeblätter, Herzen oder Anker. Früher war es selbstverständlich, die Gegenstände in Schmuckform mit magischen Kräften aufzuladen, indem man sie „besprach“.

In ihrer ursprünglichen Form waren Amulette Anhänger an einem Halsband, also ein Schmuck mit einer ganz bestimmten Bedeutung für seinen Träger oder seine Trägerin. Schon in der Steinzeit trugen Menschen Schmuck aus Zähnen oder Krallen ihrer erlegten Tiere, um dadurch die Kraft der Tiere in sich aufzunehmen. Auch Steine, wie Bernstein oder Bergkristall, wurden bereits früh als Amulett um den Hals getragen. Im Lateinischen bekam daher später der Begriff Amulett die Bedeutung „Kraftspender“. Edelsteinschmuck und seine Bedeutung für den Menschen wurden somit in einem Begriff zusammengefasst. Die Kraft, die von Amuletten ausgehen sollte, war von unterschiedlicher Wirkung. So halfen sie gegen bösen Zauber, oder sie wurden besprochen und als Liebeszauber mitgegeben. Für jede gewünschte Wirkung gab und gibt es auch heute Talismane und Amulette.
Bei der Herstellung waren bestimmte Riten zu beachten, insbesondere die Sternenkonstellation musste für den zukünftigen Träger günstig sein.

Amulett Bernstein hoch

Der Unterschied zwischen Talisman (arab.: tilsgm = Zauberbild) und Amulett (arab.: hämalet = Anhänger) besteht darin, dass ersterer gute Einflüsse anziehen soll, während das Amulett zur Abwehr böser Einflüsse dienen soll.
Der Gebrauch dieser Schutzmittel hat sich durch die Jahrtausende erhalten und ist auch, wie bereits gesagt, in heutiger Zeit nicht verschwunden. Allerdings kann man den Aufwand bei der Herstellung „echter alter“ Amulette nicht mit dem der heute hergestellten vergleichen. Esoterikläden verkaufen Amulette als Massenware. Zur Handhabung bekommt man eine Anweisung, wie zum Beispiel diese, mitgeliefert: „Alle erworbenen Amulette sollte man zunächst kurze Zeit unter fließendes Wasser halten, damit man fremde Einflüsse entfernt. Danach wird das Amulett sorgfältig abgetrocknet. Das Amulett ist nun bereit für die magische Aufladung. Halten Sie es hierzu für die Dauer von etwa zehn Minuten fest in der Hand, wobei Sie mit eigenen Worten die erhoffte Wirkung aussprechen. Günstig ist es, das Amulett dabei immer wieder anzuhauchen, wodurch es mit Ihren Lebenskräften durchtränkt wird.“ Die beschriebene „Aktivierung“ ist nichts weiter als eine Form der Autosuggestion und das Amulett, beziehungsweise der Talisman, das Hilfsmittel dazu. Allerdings hat das alte Sprichwort „Der Glaube versetzt Berge“, wie bei Placebos, wohl auch hier seine Berechtigung.

Von Chaldäa oder Indien ausgehend, zu den Persern, Arabern und Israeliten über Griechenland, verbreitete sich der Gebrauch über die ganze Welt. In der Antike waren Talismane und Amulette überwiegend im alten babylonischen Reich und Ägypten in großem Variantenreichtum anzutreffen. Man denke nur an die Skarabäen der Ägypter. Zu Hunderten fand man sie in Gräbern. Meist bestanden sie aus Edelsteinen; die Fußplatte trug magische Hieroglyphen.
Interessant für unseren norddeutschen Bereich sind die sogenannten Siegsteine, auch Thor-Hämmer oder Donnerkeile genannt. Die germanischen Völker schrieben ihnen Siegeskräfte im Kampf zu. Früher nahm man an, dass sie während eines Gewitters vom Himmel fallen und mehrere Meter tief in die Erde fahren würden. Jedes Jahr kämen sie ein Stückchen höher herauf bis sie schließlich „...im siebten Jahr von einem Hahn ausgescharrt werden können.“
In Wirklichkeit handelt es sich bei diesen Siegsteinen um prähistorische Steinbeile- oder Äxte, deren Bedeutung und Zweck man nicht erkannte.

Da Gewitter im Allgemeinen mit starken Regengüssen verbunden sind, ist es erklärlich, dass man sie mit Gewitter und damit mit dem Donnergott Thor in Verbindung brachte. Der Gewitterregen wusch wahrscheinlich öfter die dicht unter der Erdoberfläche liegenden Steine frei, so dass sie danach leicht zu finden waren. Ähnliches widerfuhr auch anderen prähistorischen Werkzeugen; Pfeilspitzen aus Feuerstein wurden bisweilen in Gold gefasst an einem Kettchen um den Hals getragen. Andere Fundstücke, deren wahre Natur man ebenfalls nicht erkannte, waren Fossilien aller Art. Auch sie fanden Verwendung als Talisman oder Amulett. Neben dem Gebrauch der aufgezählten Dinge waren es vor allem Gesten, die seit ältester Zeit zur Abwehr böser Einflüsse angewandt wurden. Die Gebärdensprache, namentlich die der Hand oder des Gesichtes, hat sich auch in Amulettform niedergeschlagen, das heißt, aus einer Geste ist ein Gegenstand mit Symbolcharakter geworden.

Neben dem Hörnchen, der ausgestreckten Faust mit vorgestrecktem Zeige- und kleinem Finger zur Abwehr des bösen Blickes, ist die Feige die bekannteste dieser Gebärden und als Amulett außerordentlich weit verbreitet.
Als Feige bezeichnet man jene Geste der Hand, bei der bei geschlossener Faust der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger hochgestreckt wird. Die Geste weist auf den Phalluskult hin; sie ist die primitive Darstellung des Coitus oder der weiblichen Genitale. Die Feige ist wie alle anderen magischen Handgesten und deren Amulettformen eine Geste der Verspottung, des Hohnes und der Demütigung; aggressiv und obszön zugleich gilt sie als wirkungsvoller Schutz gegen böse Geister, den bösen Blick und Verhexung. Vermutlich wurde die Feige, obwohl überall bekannt, aus Spanien übernommen. In einer Straßburger Schrift von 1672 wird sie ausdrücklich als „Spanisches Amulett“ beschrieben.
Auch der Stinkefinger gilt seit jeher als kleine, aber wirkungsvolle Geste. Schon in der griechisch-römischen Antike war er zu finden und schon damals hatte der Mittelfinger einen Phallussymbolik.