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Kamille sei Dank

Von Hausmitteln und alten Heilmethoden – Einblicke in die dörfliche Heilkunde des Weserberglandes

Von Wilhelm Gerntrup
 
Weit mehr als tausend Medikamente stehen kranken und leidenden Zeitgenossen heutzutage zur Verfügung – verschrieben, verkauft und verabreicht von hoch spezialisierten Ärzten, studierten Apothekern und in Hightech-Krankenhäusern. Solche Verhältnisse hätten sich unsere Altvorderen noch nicht einmal im Traum vorstellen können. Bis vor gut einem halben Jahrhundert nahm sich die medizinische Versorgung – gemessen an heutigen Maßstäben – geradezu dürftig aus.
 
 
 
Weitere 50 Jahre zurück, also um 1900, bekamen die meisten der in den ländlichen Regionen Lebenden zeit ihres Lebens nie einen Arzt zu Gesicht. Auch Apotheker gab es, wenn überhaupt, nur in den Städten. Die seit der Erfindung des Buchdrucks in immer größerer Vielfalt und Qualität auf den Markt kommenden Fachbücher brachten den meisten wenig. Das Gros der bäuerlichen Bevölkerung konnte nicht lesen.

Die Folge: Viele Heilmethoden, die andernorts seit Jahrhunderten gang und gäbe waren, kamen hierzulande vergleichsweise spät zum Einsatz. Das galt unter anderem für den Aderlass – eine früher weitverbreitete Anwendung zur (angeblichen) Verbesserung der Blutzirkulation. Auch mit der Geburtenkunde soll es in vielen heimischen Gegenden nicht sonderlich gut bestellt gewesen sein.

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Stattdessen waren „bodenständige“ Heilmethoden und Hausrezepte angesagt. Dabei waren jede Menge Hokuspokus und Aberglaube im Spiel. Besonders heftig ging es offenbar beim „Beuten“ („Besprechen“) zu. Der Erfolg des sprachlich vom althochdeutschen „buozzan“ (Abhilfe, Heilung) abgeleiteten Brauchs hing vor allem von den „richtigen“ Beschwörungszutaten ab. Manchmal wurde lauthals geschrien, leise gemurmelt oder melodisch gesungen. Bei Verstauchungen und anderen körperlichen Verletzungen mussten genau vorgegebene Handgriffe vorgenommen werden. Kein Wunder, dass in größeren Orten bekannte und angesehene „Beuterinnen“ zum Einsatz kamen. In einigen Dörfern entlang der schaumburgisch-westfälischen Landesgrenze soll das Ritual, wenn möglich, im Rahmen einer Beerdigung vorgenommen worden sein. „Hört ihr‘s, wie die Glocken klingen?“, heißt es in einem überlieferten, wenig Mut machenden Begleittext. „Aus den Gräbern ruft’s herfür: Heute mir und morgen dir!“.

Ein äußerst beliebtes Mittel gegen Krankheiten und Beschwerden jeglicher Art war der „Schluck“ (Schnaps). Trotz zahlloser negativer Erfahrungen hielt (und hält sich) hartnäckig die These, dass die beste Voraussetzung für ein langes und rüstiges Leben ein tiefer täglicher Schluck aus der Branntwein-Flasche sei. Möglicherweise hat die wohlwollende Einstellung zum Hochprozentigen mit dessen positiver Wirkung als Betäubungsmittel zu tun. Bis zur Erfindung der Narkose war Alkohol bei den Amputationen auf dem Schlachtfeld und beim Zähneziehen unentbehrlich. Das Bohren und „Bubbern“ im Mund gehörte schon immer zu den verhasstesten menschlichen Heimsuchungen. Man glaubte, dass im Mund böse Würmer ihr Unwesen trieben.

Selbstverständlich gab es auch Mittel gegen die allgegenwärtige „Schluck-Sucht“. An Entziehungskuren, Selbsthilfegruppen und Fachkliniken dachte noch keiner. Die einzige Möglichkeit war, den Alkohol ungenießbar zu machen. In der hiesigen Region sollen verzweifelte Ehefrauen einen Blutegel in der Weinbrand-Flasche des abhängigen Ehemanns aufgelöst haben. In anderen Regionen rückte man dem Problem Überlieferungen zufolge mit „Leichen-Schweiß“ zu Leibe. Von einem Hemd, das ein kurz zuvor Verstorbener auf dem Leibe getragen hatte, wurden, ohne es zu waschen, die Nähte aufgetrennt und der dabei gewonnene „Twern“ (Zwirn) in der Flasche des Trinkers versenkt.

Wichtigstes Küchen-Zubehör waren Kamille, Pfefferminze und Lindenblüten. Sie kamen bei nahezu allen Beschwerden zum Einsatz und galten als wirksamste Mittel bei Erkältungen, Krämpfen, Sehstörungen oder Schlag- und Schnittverletzungen. Man konsumierte sie als Tee, wusch damit offene Wunden und nutzte sie zur Stärkung der Heilkraft des Badewassers. Üblich war es auch, die getrockneten Blüten und Blätter in kleine Stoffsäckchen einzunähen, die bei Bedarf kurz überbrüht und auf die entzündeten Stellen gebunden wurden. Regelmäßiger Konsum von Pfefferminztee hielt gesund bis ins hohe Alter.

Zu den gebräuchlichsten Anwendungsmethoden gehörte auch das Einreiben mit Rüböl. Die in den Dörfern als „Schmeeren“ bekannte Prozedur half nicht nur bei Leib-, Magen-, Muskel- und Gliederschmerzen, sondern versprach auch Linderung bei den allgegenwärtigen Rheuma- und Hexenschuss-Leiden. Noch besser war es, wenn dabei gleichzeitig auch Rücken, Bauch und Schulterblätter durchgeknetet wurden. Nachbarsfrauen, die gut „schmeeren“ konnten, genossen hohes Ansehen. Eine grobe Abart des „Schmeerens“ war das „Trampeln“. Dabei musste sich der Kranke mit ausgebreiteten Armen flach auf den Bauch legen, damit die Steife aus dem Rücken heraustreten konnte. An Massage und/oder Physiotherapie im heutigen Sinne dachte noch keiner.

Trotz aller Erfahrungen und Heilkräuter-Sachkunde hielt sich der Erfolg in Sachen Gesunderhaltung bis weit ins letzte Jahrhundert hinein in Grenzen. Die (Kinder-) Sterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung gering. Ein Grundübel waren die schlimmen hygienischen Verhältnisse. Der Plumps-Lokus im Stall und der Misthaufen vor der Tür waren ideale Brutstätten für Fliegen, Mücken und anderes „Ungeziefer“. Immer wieder kam es zum Ausbruch von Seuchen. Die Kleidung („dat Tüch“) war schwer, steif und klamm.

In der großen Lücke der Unwissenheit gedieh der Aberglaube. Eine ganze Menge der ungewöhnlichen und zum Teil äußerst skurrilen Sinnsprüche und Leitsätze wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts von Heimatforschern zusammengetragen und zu Papier gebracht. Hier eine kleine Auswahl des 1994 verstorbenen Volkskundlers Wilhelm Weiland zum Thema Gesundheitsschutz und Aufklärung.