Alraune 2

Im Reich der Alraune

Von Liebesäpfeln und Wurzelmännern, betörenden Düften und großem Geschrei

Von Peter Weber

Es gibt Pflanzen, die kommen gut ohne ihr übernatürliches Beiwerk aus, das ihnen die Menschheit angedeihen lässt. Bei der Alraune allerdings erscheint das schier unmöglich, sie ist eine „Zauberpflanze“ schlechthin. Kulturen- und zeitenüberdauernd, verkörpert sie ein geheimnisvolles Wesen, dem in der Kürze kaum beizukommen ist.

Ihr Name verheißt bereits Wunderliches, er lässt sich vom althochdeutschen alaruna ableiten, einer Bezeichnung für weibliche Geisterwesen, und auch das Raunen von Heimlichkeiten hängt hiermit zusammen. Dabei sind ihr Lebensraum und ihre äußere Gestalt erst einmal unverdächtig. Die Mandragora officinalis, so ihr offizieller Name, liebt es warm, gedeiht auf steinigen Böden in mediterranen Regionen und sie kann in unseren Breiten nur schwerlich überwintern. Sie ist ein Nachtschattengewächs mit einem flach am Boden aufliegenden, dunkelgrünen, recht groben Blätterkranz und mittigen glockenförmigen Blüten von zartem Violett, aus denen sich später wohlriechende, runde Beerenfrüchte entwickeln, kleinen Tomaten nicht unähnlich. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht ihre tiefe, fleischige Wurzel, die ihren absonderlichen Ruf begründet.

 

Bereits in den alten Kulturen des Vorderen Orients ist sie als Heilpflanze ein Begriff und findet auf Keilschrifttafeln und im Alten Testament Erwähnung. Die Alraune gehört zu den psychotropen Gewächsen. In ihrer Wurzel sind Alkaloide enthalten, die schon im Altertum gegen vielerlei Beschwerden wie Koliken, Schlaflosigkeit, Entzündungen, insbesondere auch als Schmerzmittel und Narkotikum genutzt wurden. Der griechische Arzt Dioskurides weiß im 1. Jahrhundert zu berichten: „Man macht einen Wein aus den Rinden der Wurzeln (...) und gibt (...) denjenigen, die man schneiden oder brennen will zu trinken (...) denn sie fallen dadurch in einen Schlaf, welcher ihnen alle Empfindlichkeit nimmt.“ Dabei kommt es wie bei vielen pflanzlichen Drogen sehr auf die Dosierung an, überdosiert erzeugen diese Stoffe Halluzinationen und Delirien, was bis zum Tod durch Atemlähmung führen kann.

Der besondere Ruf der Alraune liegt denn auch in diesen bewusstseinsverändernden Wirkungen begründet, darauf verweist schon ihr Name Mandragora, der, aus dem Iranischen stammend, „Zauber wirkend“ bedeutet. Hierin eingeschlossen ist etwas, das sie besonders anziehend macht, der Liebeszauber. Duft und Verzehr der runden Früchte sollen aphrodisierend wirken, sie werden denn auch Liebesäpfel genannt und sind der Göttin Aphrodite geweiht. Selbst im berühmten Hohelied der Bibel tauchen sie im kunstvollen Gesang der Liebenden auf: „Die Liebesäpfel verströmen ihren Duft, / vor unserer Tür warten alle köstlichen Früchte, / frische und solche vom Vorjahr. / Für dich, mein Geliebter, bewahrte ich sie auf.“

Doch damit nicht genug. Abgesehen von den Wirkungsweisen ihrer Inhaltsstoffe, macht die Alraune mit der besonderen Form ihrer gespaltenen Wurzel Furore. Aus ihren Verästelungen lässt sich zuweilen eine menschenähnliche Figur herauslesen, was der Fantasie reichlich Nahrung gibt und besondere Energie freisetzt, um in ihren Besitz zu gelangen. Denn das ist alles andere als gärtnerische Arbeit, wehrt sich dieser Balg doch nach Kräften, aus der Erde gezogen zu werden und lässt dabei Schauerliches ertönen, vom kindlichen Wimmern bis zum infernalischen Schreien, das einem im tödlichen Sinne das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Der antike Historiker Flavius Josephus beschreibt diese Prozedur, wie sie die Brüder Grimm in ihre Sagensammlung aufgenommen haben: „Bei der Ausgrabung desselben ist große Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muß. Um ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag vor Sonnen-Aufgang, nachdem man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem ganz schwarzen Hund, der keinen andern Flecken am Leib haben darf, hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit einer Schnur dem Hund an den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davon laufen. Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus, fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald todt hin. Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit ro-them Wein sauber ab, wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie in ein Kästlein, badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein neues weißes Hemdlein.“
Bei diesem obskuren Aufwand, der zudem noch dem heutigen Tierschutzgedanken Hohn spricht, stellt sich natürlich die Frage: Wozu das Ganze?

Da verspricht der Besitz einer Alraunenwurzel so einiges: Dieser natürliche Homunkulus kann sprechen, in die Zukunft sehen, schützt den Besitzer vor Krankheit und Feinden, sorgt für stetigen Wohlstand und für die nötige Nachkommenschaft, kurz, er ist ein Garant irdischen Glücks schlechthin. So hält man ihn sorgsam im Kästchen verwahrt, will man jedoch seinen Zauber aktivieren, so legt man ihn zu sich ins Bett oder trägt ihn als Amulett um den Hals. Stirbt der Besitzer, so muss die Alraune mit ihm begraben werden, sonst findet der Tote keine Ruhe, es sei denn, er hat einen Sohn, an den sie sich vererben lässt, der hat dann dem Vater zum Dank Geld und Brot in den Sarg zu legen.
Bei diesen Verlockungen, dem beschriebenen Aufwand, in den Besitz einer Alraune zu gelangen, und eingedenk der Tatsache, dass die frostempfindliche Pflanze nördlich der Alpen kaum vorzufinden ist, verwundert es nicht, dass das betrügerische Fälschen einer solchen Wurzel gang und gäbe war. Vom Rettich bis zum Enzian war hier verschiedenstes Wurzelwerk im Umlauf, um an leichtgläubiges Volk verhökert zu werden, und das, obwohl bei solchen Betrügereien drakonische Strafen drohten. Doch der Alraunenglaube war nicht nur den Ungebildeten vorbehalten. Ein Papst soll sich ihrer aphrodisierenden Wirkung versichert haben und sogar der Habsburger Kaiser Rudolf II., der ein Exemplar für seine berühmte Kunst- und Wunderkammer auf der Prager Burg erstand, fiel wohl auf eine Fälschung herein. Selbst Goethe war im Besitz einer Alraune und hat sie in seinem „Faust“ und der märchenhaften Erzählung vom „Erdkühlein“ zur Sprache gebracht.

Und solcher Wunderglaube scheint durchaus nicht ausgestorben, so ist zu hören, dass auf den einschlägigen Mittelaltermärkten unserer Tage sich auch heute noch Kundschaft für ein solch ominöses Wurzelmännlein finden lässt. Wie überhaupt das Faszinosum Alraune überdauert hat, folgt man nur der Vielzahl esoterisch angehauchter Internetseiten, die sich mit ihr beschäftigen.
Über die Herkunft der Alraunmännchen ranken sich noch befremdlichere Legenden. So war der Glaube verbreitet, dass die Pflanze in Sonderheit an Galgenplätzen gedeiht – gezeugt aus dem Samenerguss eines gehenkten Mannes. Das verlieh dem Ganzen natürlich noch zusätzlich schauerlichen Reiz und führte dazu, dass man dem Alraun den Beinamen „Galgenmännlein“ verlieh.

So ist es nachvollziehbar, dass die Wurzel insbesondere die Vertreter der Nachtseite menschlichen Treibens an sich zog und in keinem Kräuterschrank und keinem Laboratorium eines Alchemisten, Magiers oder Zaubermeisters fehlen durfte. Und natürlich gab sie dem verbreiteten Hexenglauben reichlich Nahrung. Wurde dann im Hexenkessel eine Flugsalbe zusammengerührt, kam alles hinein, was in der Hexenküche Rang und Namen hatte:
„Man nehme Mandragora / Tollkirsch / Bilsenkraut / Bittersüß und Stechapfel / darf auch Schilling / Giftlattich und Mohn dabei sein / vermenge mit Katzenfett / Hundsfett / Wolfsfett / Eselsfett / Fledermausblut und Kinderfett.“ Diese Salbe aufgetragen, und ab ging der Besenritt, bevorzugt vom Harzer Blocksberg aus.
Dass es in dem unsäglichen Umfeld des Hexenwahns gerade für Frauen sehr gefährlich sein konnte, eine Alraune in den eigenen vier Wänden zu verwahren, versteht sich denn auch von selbst.
Doch zurück zu harmloserem Schauder. Eine Erfolgsautorin unserer Tage, Joanne K. Rowling, hat das Wesen der Alraunmännchen offensichtlich fleißig studiert. In der Welt ihres „Harry Potter“ wachsen sie im Gewächshaus von Professor Sprout heran, um später als Zaubertrank und Gegengift zu dienen. Im Kräuterkundeunterricht müssen sie, besonders im „Babyalter“, von den Eleven sorgsam gehegt und gepflegt werden. Weshalb dabei unbedingt darauf zu achten ist, Ohrenschützer zu tragen, wissen wir nun …