Johanniskraut ey

Magie der Pflanzen

Die Kraft von Hauswurz, Johanniskraut und Co.

Von Jens Meyer

Eine karge Unterlage, im Grunde nicht mehr als ein Häufchen elendiges Erde-Sand-Geröll-Gemisch, reicht der Hauswurz (Sempervivum) zum Glücklichsein. Ein Asket, wie wahr. Robust bis zu den Wurzeln. Kleine Blütlein entwickelt die Hauswurz, doch ihr wahrer Wert liegt im außergewöhnlich gleichmäßigen Wuchs, Rosette für Rosette. Magisch, dieser Anblick, diese Pflanze, dieses Geschöpf. Das wussten schon die alten Römer, aus derer Mitte sich ein irrwitziger Aberglaube schälte, wonach überall dort, wo eine Hauswurz auf dem Dach wuchs, der Landeplatz für die auf einem Besen angesauste Hexe bereits vergeben war. Die Hauswurz galt als Schutz vor Hexereien und Magie.

Die Zeit der Hexen ist vorbei, aber nicht die von Sempervivum. Es gibt wenige Pflanzen, die so einfach zu ziehen sind, die solch geringfügige Ansprüche an ihren Standort stellen – und in der Tat auch auf einem Dach in Schräglage haften können. Unverzichtbar sind Haus- und Dach- und Spinnwebwurz bei der Gestaltung von grünen Flachdächern zum Beispiel auf Carports. Die Sortenvielfalt ist zwar riesig, spielt aber keine erhebliche Rolle. Ob Quirl- (Dachwurz) oder Rosettenbildung (Hauswurz) – allemal hübsch.

Hexerei ist gut und schön, aber viele Geschichten und Mythen, die sich um Pflanzen ranken, haben einen biblischen Hintergrund. Der Glaube spielt eine ebenso gewichtige Rolle bei der Bewertung wie der Aberglaube. Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) zählt zu den wichtigsten Vertretern aus dieser Reihe. Es ist Johannes dem Täufer geweiht und das „Hexenkraut“ schlechthin. Stets in der Johannisnacht sollten die Blätter geerntet werden. Hier steckt sprichwörtlich der Teufel im Detail, denn hält man die Blätter gegen das Licht, wird man feststellen, dass sie von kleinsten Löchern durchsiebt sind. Die Geschichte besagt, dass der Teufel sie mit Nadeln hineingepiekst haben soll – aus lauter Wut darüber, dass das Johanniskraut gegen ihn und all die bösen Geister so mächtig wirkt. Nur blanker Unsinn?

In der Tat ist sich die Wissenschaft längst einig über die guten Inhaltsstoffe des Johanniskrauts. Es sei bei Angstzuständen und Depressionen anzuwenden. Verschiedene Inhaltsstoffe kommen in Arzneimitteln zum Einsatz, die positive Eigenschaften bei der Behandlung von Depressionen haben. Damit schlägt gewissermaßen die moderne Medizin dem Teufel ein Schnippchen. Mehr noch: Auch bei Wunden, Viren, Magengeschwüren scheint das Kraut des Täufers zu helfen. Es ist aber anzuraten, nicht selber zu schnippeln, aufzubrühen oder Pasten anzurühren, sondern Präparate zu verwenden, die die antiurianisch wirkenden Eigenschaften des Johanniskrauts in sich tragen. Wer’s im Garten stehen hat, darf sich darüber freuen, weil es mit seinen gelben Blüten hübsch anzusehen ist. Doch als Kraut respektive als „Unkraut“ macht es seinem Namen leider auch Ehre. Bisweilen ergreift es mehr Raum als geplant. Dann ist es ratsam, vor der Samenbildung die Pflanzen zu entfernen.

Gelehrte mögen sich Jahrhunderte darüber den Kopf zerbrochen haben, was es mit dem „wilden Kürbis“ auf sich hat, der in der Bibel erwähnt wird. Es sei wohl die Koloquinte (Citrullus colocynthis), heißt es dazu heute ziemlich einvernehmlich. Sie gilt, obgleich oder gerade aufgrund (…) ihrer biblischen Bekanntheit vor allem als „Teufelsapfel“. Die niederliegende Pflanze bringt gelbgrüne Früchte mit einem hohen Anteil an Bitterstoffen hervor. Sie sind ein wirksames Abführmittel, gegen das Montezumas Rache wie ein Kindergeburtstag wirkt. Dann schon lieber den Granatapfel (Punica granatum) essen, dessen mehrfache Erwähnungen sich vor allem auf das Alte Testament verteilen, das 613 Gesetze enthält – und eben 613 Kerne sollen sich in jedem Granatapfel befinden. Dass die Zahl nicht für jedes Exemplar gültig ist, glaubt man gerne; egal wie viele es sind – die ganze Pulerei vor dem Genuss ist ein Grund, dem Granatapfel selbst als guter Christ die Ehrerbietung zu entziehen. Ein normaler Apfel (Malus), eben ein solcher, von dem Adam und Eva schon gekostet haben, tut’s auch.

Immerhin kommt dem biblischen Gewächs Granatapfel ebenso wie Olivenbaum oder Weinrebe und einigen anderen im Buch der Bücher eine wichtige Bedeutung zu: nämlich dass sie ebenso im Koran genannt werden und also Religionen dort verbinden, wo man es am wenigsten erwartet. Granatäpfel gehören zu den ältesten Kulturfrüchten der Menschheit. In Armenien ist die Frucht sogar Nationalsymbol!

Biblisch betrachtet spielt der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) eine große Rolle. Überhaupt hat er, dessen Beeren in rohem Zustand nicht genießbar sind, jedoch nach dem Entsaften oder Einkochen (als Gelee) besonders den Gaumen verwöhnen, etliche Bedeutungen, die mit Göttern zu tun haben, unter anderem mit der Liebesgöttin Freya aus der nordischen Sagenwelt. Und wenn ein auf ein Grab gepflanzter Holunderzweig Wurzeln schlug, dann, so hieß es, hatte der Verstorbene seine letzte Ruhe gefunden. Erst dann. Das alles ist mehr Aberglaube als Glaube. Aber eines ist nicht von der Hand zu weisen: Das Kreuz, an dem Jesus leiden musste, war aus dem Holz des Schwarzen Holunders, das auf diese Weise ganz originär mit Tod und Wiederauferstehung zu tun hat. Unter all den unzähligen Gehölzen sticht Sambucus nigra auf diese Weise besonders hervor. Der Saft aus den dunklen Beeren, der Gelee und die Marmelade, nicht zuletzt die weißen, unter anderem sogar mit Frau Holle in Verbindung gebrachten Blüten, die zur Garnitur des Champagners dienen, bringen aus christlicher Sicht das Blut Jesu nahe. Anstatt Wein zu verwenden, könnte beim nächsten Abendmahl durchaus auch Holundersaft getrunken werden.

Wenn von Jesus die Rede ist, dann darf schließlich die Christrose (Helleborus) bei der Betrachtung biblischer Pflanzen nicht fehlen. Obwohl sie in der Bibel eigentlich gar nicht genannt wird, aber doch viel mit dem Glauben zu tun hat. Der Name ist auch erst später entstanden, und zwar aufgrund der frühen Blütezeit. Zumeist schon vor Weihnachten blüht die Christrose in den Gärten. Es heißt, dass ein sehr armer Hirte zur Geburt von Jesus Christus Tränen der Enttäuschung geweint habe, ihm, dem Erlöser, kein Geschenk dargebracht zu haben. Aus den zu Boden gefallenen Tränen wuchsen Blüten, so schön wie Rosen. Der Hirte pflückte sie und brachte das Sträußlein dem Jesus-Kind.

Glaube, Liebe, Hoffnung – die Pflanzenwelt ist voll davon. Vermutlich spielt die Demut die größte Rolle. Demut gegenüber der Schöpfung, Demut gegenüber der Schönheit. Keine andere Pflanze als die Akelei (Aquilegia) lehrt uns mehr, demütig zu sein. Aufgrund ihrer Blütenform wurde sie schon vor Jahrhunderten in Schottland verehrt. Die gespornten Blätter wurden als Tauben dargestellt und mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht. Im rheinischen Raum galt die Akelei mit ihren nickenden, nicht aufschauenden Blüten als Synonym für die Anbetung, sodass sie dort noch heute auf den Kirchen-Altären zu finden ist. Der Schachblume (Frittilaria), jenem hübschen kleinen Zwiebelblüher, der in Kultur schwierig zu ziehen ist und dessen Antlitz zumeist wildem Wachstum entspringt, obwohl die Zwiebeln im Fachhandel zu kaufen sind, aber viel größere Ansprüche haben als etwa Tulpen oder Osterglocken, erging es anders. Ihre Glöcklein und kelchförmigen Blüten sind keinesfalls Ausdruck größter Demut, sondern nach christlicher Überlieferung die Folge der gebeugten Schande – weil sich die Frittilarien nicht vor dem Kruzifix verneigen wollten.