Mistel quer

Mythos Mistel

Früher galt die Pflanze als Mischung aus Himmelsgeschenk und Teufelswerk

Von Wilhelm Gerntrup

Den Sommer über sind Mistel-Sträucher oft vom Laub verhüllt – umso auffälliger treten die kugelförmigen Baumwipfel-Bewohner nach dem Herunterfallen der Blätter zu Tage. Das Blühen, Gedeihen und Fortleben des immergrünen Gewächses in luftiger Höhe und die Kombination von Ziergehölz und Schmarotzerpflanze haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Die Überlieferungen gehen bis weit in die vorchristliche Zeit zurück. Nach der von Jakob Grimm 1835 veröffentlichten „Deutschen Mythologie“ galt die Mistel den einst hierzulande lebenden Sachsen als eine Mischung von Himmelsgeschenk und Teufelswerk. Bis heute sind zahllose Mythen und Legenden in Umlauf. In der Medizin wird die Pflanze heute unterstützend im Kampf gegen Krebs eingesetzt. 

Einzelheiten kann man in einem 1777 erschienenen Werk mit dem Titel „Vollständige theoretisch-praktische Geschichte aller in der Arzeney, Haushaltung und ihren verschiedenen Nahrungszweigen nützlich befundenen Pflanzen“ nachlesen. Laut Verfasser Johann Gottlieb Gleditsch (1714–1786) wurde die Mistel bis ins hohe Mittelalter hinein vor allem wegen ihrer vielfältigen Heilkraft geschätzt. Die Palette der erfolgreich behandelbaren Gebrechen und Krankheiten reichte von Seitenstechen, Ruhr und „Viertägigem Fieber“ bis zu „Blutspeyen“ und schwerem Nervenleiden. Je nach Art des Leidens wurden Saft-, Pulver- und/oder Salben-Mixturen verabreicht. „Etliche empfehlen den Gebrauch des Mistels auch bey schweren Geburten, mit oder ohne Wein“, ist in dem mehrbändigen, seinerzeit hoch geschätzten Gleditsch-Report zu lesen.

Mistel Eichen

Doch das war noch nicht alles. So galt das „mit Wein oder Beyfußwasser eingenommene Mistelpulver“ über Jahrhunde hinweg als sicheres Mittel, „die Schwangeren sowohl als die Frucht, und hernach als Kinder, zeitlebens vor der fallenden Sucht (Epilepsie) zu verwahren“. Nahezu hundertprozentige Abhilfe versprach auch eine Mixtur, die in Apotheken als „Zauber- oder Hexensalbe“ („Balsamo magico“) angeboten wurde. „Es heißet, man soll vom Hundefett, 4 Unzen, vom Bärenschmalz, 8 Unzen, vom Capaunennfett, 12 Unzen, nehmen, und mit einem ganz grünen und frischen Mistelstrauche von der Hasel völlig zerstoßen zu einer Salbe, und alles zusammen in einer wohlverwahrten Phiole elf Wochen lang an der Sonne stehen lassen“. Wenn damit „bezauberte Menschen, Tiere und Schäden bestrichen“ würden, sei „unfehlbare Hilfe zu erwarten“. Überhaupt könne „fast alles Böse, was nur irgend einen Schein hat, daß es von der Zauberey bei Menschen und Vieh entstanden seyn könnte, mit Arzneyen aus der Mistel durch Räuchern, Bähen, Waschen oder Schmieren curiret“ werden. Als besonders wirkungsvoll galten auch aus Mistelholz angefertigte Amulette, „welche, in Gold oder Silber gefaßt, den Kindern umgehangen werden“. Sie verhinderten nicht nur Krämpfe, sondern schützten auch vor Schlangenbissen. Als größte Heilsbringer hätten sich dabei die aus Eichen- oder Haselmisteln hergestellten Exemplare erwiesen.
Das „Ernten“ der Pflanze war als „Mistelbrechen“ bekannt. „Um den Mistel zu sammeln, wenn er die besten Arzeneykräfte hat, oder doch sonst den besten Nutzen geben kann, wird die Arbeit jährlich vom December an, bis gegen die Mitte des Merzens, von Jägern, Schäfern, Hirten und Bauern vorgenommen.“ Dabei waren „besondere Behutsamkeitsregeln“ zu beachten. „Es geschehe mit ganz neuen Messern stillschweigend, unter der ernstlichen Vorstellung aller Kräfte, die der Mistel haben sollte.“ Außerdem durfte er (der Mistel) „weder mit bloßen Händen berühret werden, noch selbst die Erde vor seinem Gebrauch berühren“.

Mistel viscum album

Eine der ältesten Berichte über althergebrachtes Mistel-Brauchtum hat um das Jahr 77 n. Chr. der römische Gelehrte Gaius Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) zu Papier gebracht. In seiner bis heute viel zitierten naturkundlichen Enzyklopädie „Naturalis historia“ beschreibt er die kultische Bedeutung der Pflanze für die keltischen und nordischen Völker. Danach brachten die als „Druiden“ bezeichneten geistlichen Führer ihre rituellen Opfer (nur) unter „Mistel-Eichen“ dar. „Sie führen zwei weiße Stiere hinzu, der Priester, mit einem weißen Kleide angezogen, besteigt alsdann den Baum; er schneidet sie (die Misteln) mit einer goldenen Hippe (sichelförmiges Schneidwerkzeug) ab, und man fängt sie in einem weißen Tuch auf.“ Dann opferten sie die Tiere und baten die Gottheit, die dargebrachten Zweige zu segnen. „Sie halten sie auch für eine Arznei gegen alles Gift“.
Heute findet der hierzulande auch als „Hexen- oder Donnerbesen“ bekannte Baumbewohner in den heimischen Breitengraden nicht zuletzt als Adventsschmuck Beachtung. Abgeguckt haben das die Leute den Briten. Auf der Insel wird seit alters her zur Weihnachtszeit ein Mistelzweig über die Wohnungstür gehängt. Er gilt, obwohl alle Pflanzenteile mit Ausnahme der weißen Beeren leicht giftig sind, als Symbol des Lebens. Nach einem angeblich bis heute praktizierten Brauch dürfen englische Männer am Weihnachtstag die Frau küssen, die ihnen unter dem Zweig entgegentritt.

In der Medizin gehören Mistelextrakte zu den am häufigsten eingesetzten Alternativmedikamenten bei einer Krebsbehandlung. Die Mistel soll unter anderem das Immunssystem stärken und so die Lebensqualität verbessern. Ihre Wirkung ist allerdings umstritten. Moderne Forschungen zur Mistel gibt es seit knapp 30 Jahren. „Im Reagenzglas zerstört er Tumoren, im Mäuseversuch weckt er Hoffnung, in der klinischen Anwendung erfüllt er die Erwartungen nicht.“ So lautete 1999 das Resümee einer Bestandsaufnahme zur Wirksamkeit von Mistelextrakt bei Krebserkrankungen, veröf­fentlicht in der Pharmazeutischen Zeitung. Professor Dr. Hans-Joachim Gabius vom Institut für Physiologische Chemie der Universität München verkündete vor zwei Jahren auf einem Kongress: „Bei der Mistel ist bislang nichts klar.“ Den Anstoß zur Behandlung von Krebserkrankungen mit Mistelpräparaten gab der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, im Jahr 1916. Als Mistel-Wirte besonders betroffen sind Pappeln, Weiden, Apfelbäume und Linden. Aber auch auf Robinien und Vogelbeeren machen sich die rundlichen Sträucher hierzulande breit. Die Pflanze klammert sich mit zapfenförmigen Senkwurzeln in luftiger Höhe am Stammholz fest.

Als sogenannter „Halbschmarotzer“ entzieht sie dem Baum Wasser und Mineralstoffe. Zucker und Kohlenstoff kann sie selbst herstellen. Kleinere Kolonien schaden dem unfreiwilligen Gastgeber nicht. Für die Ausbreitung sorgen Vögel wie die „Misteldrossel“. Dabei hat sich die Natur ein raffiniertes Verfahren ausgedacht. Wenn die Vögel die weißen, klebrigen Scheinfrüchte fressen, bleibt ein Teil davon an den Schnäbeln kleben. Die Tiere wetzen ihre Schnäbel andernorts an Zweigen und Ästen ab. Auch über den Kot wird Samen verteilt. Die Keimlinge benötigen keine Erde. Sie dringen mit ihren Saugorganen durch die Rinde vor.

 

Foto: Matthias Waldeck