Schlafmohn

Die Melancholie des Schlafmohns

Mythos und Magie der Pflanzen

In der Bedeutung von Blumen, Blüten und Bäumen, von Wurzelwerk und Pflanzensäften liegen Magie und Mythos dicht beieinander. Vieles ist biblisch, manches teuflisch. Was uns aus früherer Zeit überliefert wurde, hat bisweilen noch heute Bestand.

 

Von Jens Meyer

Ach, es waren schrecklich viele Tränen, Tropfen um Tropfen. Liebesgöttin Aphrodite weinte um Adonis, und aus den magischen Wassern ihrer lieblichen Augen soll der Schlafmohn erwachsen sein. In der griechischen Mythologie besteht daran kein Zweifel, und warum um alles in der Welt sollte man dieser wundersamen wie wundervollen Geschichte um den Mythos einer Pflanze solange auf den Grund gehen, bis er den Boden verliert und sich im Nichts auflöst? Nein, ohne Zweifel kann "Papaver somniferum", wenn schon aus Tränen erwachsen, nur das Werk einer Liebesgöttin sein. Selbst die Rose vermag seine Magie kaum zu übersteigern.

Aus den Tränen der Liebe auferstanden – Goethe oder Shakespeare hätten’s auch nicht besser erfinden können. Die tiefe Melancholie des Schlafmohns gründet in der Verschmelzung von Leben, Liebe und Tod. Eigentlich führen seine Pflanzensäfte in das Reich des Schlafes und sind damit nach althergebrachter griechischer Mythologie das Sinnbild für den Tod. Deshalb findet sich in den Epitaphen zahlreicher Grabsteine bis heute die Mohnkapsel, auch im christlichen Leben, als Symbol wieder, für das verblühte Leben, das die Saat für die Auferstehung in sich trägt. Morpheus, Gott der Träume, wohnte dem Somniferum inne. Das Morphium wird noch heute aus dem Mohn gewonnen, ebenso wie das Opium. Und hier nun kreuzen sich Tod und Leben, denn Opium wirkt berauschend. Allein die Dosis bestimmt, wohin der Weg führt: in die Dunkelheit oder zum Licht. Ein Zauber zwischen Gut und Böse, der nicht – und das ist ja schon mal tröstlich – in Glyphenstreuseln von Mohnbrötchen zu finden ist, sondern allein in den Pflanzensäften.

Aus diesem Grunde die Finger davon zu lassen, wäre vom ziergärtnerischen Standpunkt her eine Verfehlung. Neben dem klassischen, einfachen Schlafmohn, dessen Blütenkelche von vier Blättern in pastellfarbenem Pyjama-Lila gerahmt werden, gibt es puschelartige und zerzauselte Gartenformen, deren teils mächtige Köpfe an Päonien erinnern. Sortentipps: „Scarlet Paeony“, „Flamish Antique“ und „Black Current Fits“.

Der Mohn, ein Mittler zwischen Himmel und Hölle? Vielleicht. Seine Zierde aber ist über jeden Zweifel erhaben. Millionen von Hummeln und Bienen können nicht irren. Wie ein Magnet zieht der Schlafmohn sie an, und nicht nur dieser, Auch der Klatschmohn, dessen Wirkung nicht viel gesünder wäre, wenn man aus ihm einen Salat zubereitete, vermag in seinem federleichten Spiel bei Sommerwind über dem Weizenfeld zu tanzen, und überhaupt überall dort, wo die Sonne scheint. Seine Blütenblätter wurden früher dazu verwendet, rote Tinte herzustellen. Rot wie Blut.

Bereits auf 6000 Jahre alten Papyrusrollen haben Wissenschaftler Hinweise auf eine dem Mohn insofern völlig gegensätzliche Pflanze gefunden, als dass ihre Pflanzenteile ausnahmslos essbar sind: die Wegwarte (Cichorium intybus). Himmelblau sind ihre Blüten. Früh am Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen geweckt und schon von Schwebfliegen umsäuselt, öffnen sie sich und halten diesen Idealzustand kaum fünf Stunden – schon am Nachmittag sind sie verwelkt. Doch dieser Zyklus wiederholt sich ständig, wochenlang schießt die Pflanze, eine wilde Verwandte des Chicoree, neuen Flor nach.

Um die Wegwarte rankt sich die dramatische Geschichte einer bis über beide Ohren verliebten jungen Frau, einer Verzweifelten, die zusammen mit ihren Hofdamen am Wegrand vor dem Stadttor auf die Rückkehr ihres geliebten Ritters wartet, der mit seinem Heer auf einen Kreuzzug ging, natürlich nicht ohne seine Liebe gegenüber der Auserwählten zu bezeugen. Doch die Liebe ist ein seltsames Spiel, und so kehrt der Kerl nicht zurück. Die Entourage des Burgfräuleins gibt den Glauben an seine Rückkehr auf, doch sie selbst, deren Herz ebenso schwer an Enttäuschung wie an Hoffnung trägt, weigert sich, ihren Ritter aufzugeben, der sie entweder verlassen hat oder im Krieg gefallen ist. Wochenlang verharrt die Gruppe am Weg vor dem Stadttor.

In der Überlieferung dieses Märchens heißt es, dass der Himmel ein Einsehen hatte und das Burgfräulein samt Gefolge in Wegwarten verwandelte – die Hofdamen in blaue und die unglückliche Geliebte in eine weiße. Vielleicht aber wollte sich der Himmel das Elend auch nicht länger mit ansehen. Jedenfalls leuchtet die Geschichte genauso hübsch wie die Blüten der Wegwarte. Und tatsächlich findet sich unter all den blauen Blüten gelegentlich eine weiße! Wobei die, gärtnerisch gesehen, weniger von Bedeutung ist, denn eine althergebrachte Wetterregel lautet: „Kannst du in die blauen Augen der Wegwarte schau’n, darfst du auf anhaltend Schönwetter bau’n.“ Von weißen Blüten ist bei den Bauernregeln nie die Rede.

In krassem Gegensatz zu den blauen Blüten der Wegwarte steht die Bedeutung des Duftes vom Waldmeisters (Galium adoratum). Je stärker er sein Odeur entwickelt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Regen gibt. Damit steht der Waldmeister, der sich im halbschattigen Bereich unter allerlei Gehölzen gut als Bodendecker macht, trotzdem nicht als Überbringer schlechter Nachrichten da. Das Gegenteil ist der Fall: ohne Regen kein Wachstum! Außerdem verwendeten die Bauern den Waldmeister dazu, appetitlose Kühe wieder zum Fressen zu bringen. Er ist also sogar ein Heilsbringer, damals wie heute. Hexen soll er auch vertrieben haben. Dieser Umstand macht den Waldmeister zu einem Artverwandten der Hauswurz. Aber das ist eine andere Geschichte.