Nahtod

Vom Draht nach drüben

Ich sehe tote Menschen“, flüstert der kleine Cole im Film „The Sixth Sense“ seinem Psychologen Bruce Willis zu. Manch einer sieht sie nicht nur, er möchte auch mit den geistigen Wesen kommunizieren. Von Erscheinungen oder Praktiken, die heute als „paranormal“ bezeichnet werden, wird schon in der gesamten Kulturgeschichte berichtet: Geisterbeschwörungen sind eine alte und in vielen Religionen verbreitete Praxis, Ahnen und Orakel werden schon seit Jahrtausenden um Rat gefragt.

Von Nadja Bähr 

Ob bewusst herbeigeführt oder nur vage gespürt – übersinnlichen Erfahrungen gegenüber ist man in Deutschland recht aufgeschlossen, zeigt eine repräsentative Umfrage. So können sich zwischen 50 und 70 Prozent der Befragten vorstellen, dass es paranormale Phänomene tatsächlich gibt und fast drei Viertel hatten nach eigenem Empfinden mindestens ein derartiges Erlebnis (Quelle: IGPP). Der Gedanke, dass die menschliche Seele nach dem Tode weiterexistiert und es möglich ist, mit Verstorbenen zu kommunizieren, ist tröstend, wenn man nahestehende Menschen verloren hat. Und er nimmt die Angst vor einem Ende, das – wer es glaubt – doch nur eine andere Ebene oder Sphäre ist. Allerdings wird diese Sehnsucht auch zum guten Geschäft. Manch einer in der Esoterik-Branche lebt davon, ungedeckte Schecks auf die Ewigkeit auszustellen.

„Die Endgültigkeit des Todes ist so erschreckend, dass viele Menschen sich wünschen, eine Tür möge offenbleiben“, so die Hamelner Diplom-Psychologin Christiane Mathony. „Bei einer besonders starken, innigen Verbindung zwischen zwei Menschen, wie zum Beispiel langjährigen Ehepartnern, kann es zu sinnlichen Erlebnissen kommen, so etwas wie Rückblenden. Eine Frau riecht zum Beispiel das After shave ihres lange verstorbenen Mannes, spürt seine Berührung oder seinen Atem. „Es kann, muss aber nicht immer alles erklärbar sein“, sagt Christiane Mathony.

Gibt man in der Internetsuchmaschine Google „Kontakt zu Toten“ oder „Kontakt zu Geistern“ ein, kommen Millionen von Ergebnissen. Viele Begriffe spuken da herum, im Bereich des Übersinnlichen, wie zum Beispiel Okkultismus und Spiritismus. Diese Bewegungen erlebten im 19. Jahrhundert einen regelrechten Boom – spiritistische Séancen und hellsichtige Medien hatten Hochkonjunktur. Von großer Bedeutung war dabei die Verbindung zu fernöstlichen spirituellen Lehren, wie zum Beispiel dem Reinkarnationsglauben. Grundlegend ist bei allen Richtungen die Überzeugung, dass die menschliche Seele nach dem Tod weiterexistiere und dass es mithilfe eines Mediums möglich sei, mit den Seelen Verstorbener zu kommunizieren. Heute sind es Bereiche der modernen Esoterik, die den Glauben nähren, es sei möglich, Kontakt in die „andere Welt“ herzustellen. „Das Themenfeld Esoterik ist sehr groß und befasst sich auch mit Jenseitskontakten“, erklärt Junior-Chef Stefan Matthias, der unter anderem die Esoterik-Abteilung der Hamelner Buchhandlung Matthias betreut. „Man kann nicht genau sagen, wie viele Buchtitel es gibt, weil dieses Gebiet nicht so genau einzugrenzen ist.“ Etliche hundert Bücher zu Themen wie Parapsychologie, Spiritismus und Reinkarnation seien derzeit lieferbar. „Von einem Boom in puncto übersinnlicher Literatur würde ich nicht sprechen“, sagt Stefan Matthias. „Es macht sich aber jetzt zur dunklen Jahreszeit bemerkbar, dass die Leser sich vermehrt mit Themen beschäftigen, die mit innerer Einkehr und auch der Frage, was nach dem Tod kommt, zu tun haben. Die Literatur bietet ja viele Antworten – auf dem Gebiet der Religion, der Philosophie, der Wissenschaft und auch der Esoterik“, so Stefan Matthias.

Die evangelische Kirche sieht den Wunsch nach Kontakten ins Jenseits eher kritisch. Nicht nur, weil diese nicht mit dem christlichen (und wissenschaftlichen) Weltbild kompatibel sind, sondern auch, weil es dabei zu Problemen kommen kann. „Manche Leute nehmen solche Grenzüberschreitungen auf die leichte Schulter und kommen dann in unsere Beratungsstellen, mit Problemen wie Angst oder Abhängigkeit“, erzählt Pastor Jürgen Schnare, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. „Den Wunsch von Menschen, nahestehende Verstorbene zu kontaktieren, sollte man ernst nehmen, ihnen mit Verständnis begegnen und stattdessen Alternativen anbieten“, so Pastor Schnare. „Ich kann mir vorstellen, dass es aus seelsorgerischer Sicht für manch Trauernden zunächst sinnvoll erscheinen kann, die Nähe von Verstorbenen zu suchen“, sagt die Hamelner Pastorin Friederike Grote. „Doch es besteht die Gefahr, sich darin zu verlieren. Daher würde ich immer zu einer professionellen Trauerbegleitung raten oder die Gemeinschaft einer Trauergruppe suchen, wie wir sie auch bei uns im Haus der Kirche haben“, so Grote.

Das existenzielle Motiv hinter dem Wunsch, die Grenze zu einer „anderen Welt“ zu überschreiten und Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen, ist die große Frage, ob mit dem Tode alles aus ist. „Das ist eine Urfrage der Menschheit und die verschiedenen Religionen geben ihre jeweils eigenen Antworten darauf. Freilich lässt sich dies mit den herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden nicht beantworten, auch nicht von der Parapsychologie“, erklärt Diplom-Psychologe Eberhard Bauer, Mitglied des Vorstandes des IGPP. Das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ in Freiburg ist das weltweit größte Forschungsinstitut auf dem Gebiet außergewöhnlicher Erfahrungen und anomalistischer Phänomene. „Wir versuchen, weltanschaulich neutral, paranormale Phänomene zu verstehen, mit den herkömmlichen Mitteln der Psychologie, der Sozial- und Naturwissenschaften. Solche okkulten Erfahrungen sind für viele Menschen existenziell erschütternd, sie können ein ganzes Weltbild ins Wanken bringen“, erläutert Eberhard Bauer. Dennoch bleibt die Frage, wie Wunsch und Wirklichkeit solcher Erlebnisse einzuordnen sind. Kann und soll man sie überhaupt bewerten oder hält man es mit Shakespeares Hamlet: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt?“

Einigen kann man sich in der seriösen Wissenschaft zumindest auf ein grundlegendes Prinzip der Erkenntnisgewinnung: Die Beweislast für Phänomene, die naturwissenschaftlich angeblich nicht erklärbar sind, liegt bei denjenigen, die sie behaupten.