Irrlicht von Kaspuhl quer

Irrlichterspuk in Hemeringen

Tückische Lichter locken vom Weg ab

Von seiner Großmutter bekam ein Hamelner zahlreiche alte Überlieferungen und Spukgeschichten erzählt. Er erinnerte sich: „An der Überlieferung, daß es um Hemeringen Irrlichterspuk gegeben hat, muß wohl schon etwas dran sein. Jedenfalls bin ich bereit, der Erzählung über meinen Urgroßvater Glauben zu schenken, der von solch einem Irrlicht gefoppt worden ist.“

„Es war meine Großmutter, die diese Geschichte erzählte, lächelte verschmitzt bei der Frage, ob es sich nun wirklich um ein Irrlicht gehandelt hätte oder nur um die Folgen einer vielleicht etwas zu ausgiebigen Erfrischung. Sie versicherte, alles habe sich so zugetragen, wie sie berichtete. Schließlich habe sie es doch selbst erlebt und könne sich noch gut an jene Nacht erinnern, als ihr Vater, der Schuhmacher Wilhelm Hothan, endlich in der Tür stand und die Spuren seines Heimweges nicht zu übersehen waren. Irrlichter seien bei Hemeringen übrigens nicht nur am Kaspuhl gesehen worden.“

Das Irrlicht vom Kasphul:

Ein warmer Septembertag neigte sich dem Ende zu. Der Schuhmacher Wilhelm Hothan aus Friedrichshagen hatte Schuhwerk nach Hemeringen gebracht und kehrte, bevor er sich auf den Heimweg machte, noch auf eine Erfrischung ein. Jedoch man traf Bekannte, hatte sich schon länger nicht gesehen, viel zu erzählen, und es wurde sicher auch das eine oder andere Glas geleert. Kurz, die Zeit verging, und ehe man sich so recht versah, war es wohl so an die neun Uhr abends. Für heutige Begriffe keineswegs spät, für damalige aber doch schon eine recht fortgeschrittene Tageszeit, zumal es doch im September auch schon früher dunkelte und man ungern im Finstern imterwegs
war. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, imd in dieser Zeit spielt die Geschichte, wurde auf dem Lande das Licht früh gelöscht, und man ging überhaupt
recht sparsam damit tun. Wilhelm Hothan schulterte also seine Kiepe und machte sich auf den Weg. Bald hatte er die letzten Häuser Hemeringens hinter sich. Als er an den Kreuzweg kam, fiel ihm ein Licht auf, das sich vor ihm herbewegte. „Sieh“, dacht er, „der geht auch nach Friedrichshagen. Geh man hinterher, dann hast du Gesellschaft.“ Er folgte dem Licht eine Weile und merkte dabei gar nicht, daß er langsam immer mehr von dem Feldwege abkam. Ein Stück weiter im Felde verschwand plötzlich das Licht, imd er befand sich in wegeloser Finsternis. Da wurde ihm bewußt, daß er einem Irrlicht gefolgt war, einer Erscheinung, die zuweilen in der dortigen Gegend beobachtet wurde. Es war wohl aus dem Kaspuhl-Sumpf herübergekommen, dem heutigen Forellental. Eine lange Zeit wühlte er im Acker umher, und es vergingen Stunden, bis er endlich wieder am Kreuzweg stand. Erst gegen zwei Uhr nachts traf er bei seiner besorgten Familie ein, und als er berichtete, stand man noch einmal gemeinsame Ängste aus bei dem Gedanken, daß ihn das tückische Irrlicht hätte in den Kaspuhl locken können und er dort auf eine „Beberböxe“ geraten wäre, wie man besonders geföirliche
Stellen im Sumpf bezeichnete. Auf Tötebergs Wiese, dicht vor Hemeringen nahe der Straße nach Hameln gelegen, befand sich in alten Zeiten die Zehntscheune. Die Pächter des Zehnten standen früher in dem gleichen Ruf wie die Zöllner im Evangelium, und der Ort, an dem der Zehnte aufbewahrt wurde, war verrufen. Noch lange Zeit nachdem man hier die Scheune abgerissen und auf Tötebergs Hof verlegt hatte, soll es hier nicht ganz geheuer gewesen sein. Leute, die zu nächtlicher Stunde von Lachem
kamen, wollen in der Wiese Irrlichter gesehen und gelegentlich ein Wimmern und Stöhnen gehört haben. Das waren die Seelen der Zehntpächter, die in ihren Gräbern keine Ruhe fanden und nun als „gläunige Keerls“ umgehen mußten.