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Farbenspiele auf nackter Haut

Vom „Signal-Rot“ früher Menschen bis zur bunten Bodypainting-Kunst heutiger Zeit

Von Ernst-Michael Stiegler

 

Von Rund 30 000 Jahre trennen die „Venus von Willendorf“ von einem Modell des Hamelner Bodypainting-Künstlers Jörg Düsterwald. Gemeinsam ist beiden eine farbige „zweite Haut“. Rote Farbreste bei der üppigen Urzeit-Venus könnten ein Indiz dafür sein, dass dem Menschen, der diese kleine Kalksteinstatuette geschaffen hat, Körperbemalung nicht fremd war. Als schnell vergängliche Kunst – nur Fotos halten das Werk fest – findet sie heute wieder Beachtung.


Die rote Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer“, bemerkte der Naturforscher Alexander von Humboldt während seiner Expedition zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Venezuela. Der häufiger verwendete „Onoto“ ist „lebhaft ziegelrot“, wie Humboldt schreibt, der wertvollere „Chica“ besitzt „eine rote, dem Lack ähnliche Farbe“. Erstaunt stellte Humboldt fest, dass die Indianer „mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den Schnitt europäischer Kleidungsstücke nachahmen. Wir sahen in Pararuma welche, die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen.“

Diese Augentäuscher-Kunst auf nackter Haut scheint nicht weit vom modernen Bodypainting entfernt zu sein. Heutzutage werden die Farben allerdings ohne Krokodilfett oder Schildkröteneieröl hergestellt, wie ehedem bei den südamerikanischen Indianern. Der Hamelner Jörg Düsterwald und Rosel Grassmann, die in Darmstadt im 25. Jahr das von ihr entwickelte Wilderness Body Painting betreibt, greifen auf dermatologisch unbedenkliche Farben zurück, die auch beim Film und Theater verwendet werden.
Rote Farbsubstanzen spielen in Mythen, Märchen und Sagen eine bedeutende Rolle. Was heute nur noch wenigen Menschen präsent ist: Laut der Bibel schuf Gott den ersten Menschen, nämlich Adam, aus roter Erde. Zwar gibt es hinsichtlich der Wortbedeutung von „Adam“ keine völlig eindeutige Erklärung. Aber die größte Nähe besteht zu „adamah“, gleich „Erdboden“, und zu „adamatu“, aus der akkadischen Sprache, gleich „dunkle, rote Erde“.

In einem Märchen aus dem westafrikanischen Oberguinea rettet die schnell herbeigeschaffte rote Farbe eine gute, fleißige Mutter vor dem Ertrinken: „Der Vater gab dem Kinde die rote Farbe. Das Kind lief zurück. Es warf die Farbe in den Fluss.“ Der Fluss – vermutlich ist der Niger hier gemeint - ließ daraufhin seine Mutter frei und belohnt diese sogar noch mit „schönen Stoffen“. Märchenforscher haben die erwähnte rote Farbe als die sehr geschätzte Rotholzfarbe identifiziert. Sie diente der Köperbemalung bei zeremoniellen Vorgängen. Das Märchen endet extrem grausig: Eine missgünstige Frau möchte auf die gleiche Weise vom Fluss schöne Stoffe bekommen; sie versucht ihn zu täuschen, aber der Fluss rächt sich bitter. Aus der roten Farbe im Wasser wird im wahrsten Sinne des Wortes ein „Blutbad“.

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Die Kunst der Körperbemalung indigener Völker oder alter Kulturen kennt Jörg Düsterwald. Sie gehe zwar nicht direkt in seine Arbeiten ein, „aber ich verstehe sie, ihre unterschiedlichen Formensprachen und deren Bedeutungen durchaus als Basis meiner künstlerischen Arbeit“, sagt er. Die Ausstellung „Living Colours“ im Rintelner Museum Eulenburg, die noch bis zum 22. Oktober zu sehen ist, zeigt seine eigenständigen Kreationen. Einen „Camouflage-Effekt“ erzielt Düsterwald, indem er seine lebenden Kunstwerke mit der Natur verschmelzen lässt: „Der Mensch ist Teil der Natur, er verliert sich darin. Mir geht es darum, Formen und Farben aus der natürlichen Umgebung aufzunehmen und zu gestalten.“

Rosel Grassmann arbeitet nicht mit Modellen, sondern mit ganz „normalen“ Menschen. Die Bemalung, entweder eine Teil- oder Ganzkörperbemalung, schließt einen Selbsterfahrungs-Prozess ein, der, so Grassmann, mit „Vorbereitungsimpulsen“ in der Natur beginnt: um die Sinne zu stimulieren und eine „kreative innere Anbindung“ zu entwickeln. Die Menschen sollen sich wieder heimisch im eigenen Körper fühlen und eine innere Wandlung spüren. Ähnliches bemerkte Jörg Düsterwald bei einer diesjährigen Veranstaltung in Damp an der Ostsee. Er verwandelte gehandicapte, auf den Rollstuhl angewiesene Frauen mit einem Bodypainting äußerlich. Unter ihrer zweiten, farbigen „Haut“ gewannen sie gleichzeitig an Selbstbewusstsein: „Sie haben zwar körperliche Einschränkungen, können aber trotzdem ein Kunstwerk sein – eine für sie bereichernde Erfahrung, die die Frauen öffentlich und stolz demonstrierten“, sagt Düsterwald.
Sich als ein anderer, veränderter Mensch erleben, lässt den uralten Zauber von Körperbemalung ahnen, wie er in rituellen Handlungen und Festen stattgefunden haben mag. Manche, jedoch nicht alle Indianer malten sich rot an, wenn sie auf den Kriegspfad gingen. Karl May wusste dies, wenn auch nicht aus eigener Anschauung, und ließ im „Schatz im Silbersee“ einen Indianerhäuptling leuchtend gelb bemalt auftreten: „ Er hatte den Kriegsmantel abgeworfen. Sein nackter Oberleib war, ebenso wie Gesicht und Arme, mit dicker, grellgelber Farbe bestrichen. ‚T’ab-wahgare!‘ (Gelbe Sonne) flüsterte Winnetou.“

Dass der unvermutete Anblick eines bemalten Menschen das wissenschaftliche Menschenbild revolutioniert hat, meint der Schriftsteller Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt). Der noch junge Biologe Charles Darwin landete während der Entdeckungsreise mit der „Beagle“ in den Jahren 1832 bis 1836 auch auf Feuerland, am südlichen Zipfel des amerikanischen Kontinents. Dort begegnete er bemalten Ureinwohnern. Für Kehlmann ist dies die Geburts-Schrecksekunde des Gedankens von der Evolution, der „Abstammung“ des Menschen: „Auf Feuerland steht Darwin dem Fremden schlechthin gegenüber: nackten, bemalten Menschen (…). Wären die Feuerländer (…) nicht gewesen, Darwin hätte wohl nie die Schlüsse gezogen, die zur umstürzendsten Theorie geführt haben, seitdem Galilei die Sonne angehalten (…) hatte.“
Was weiß man heute über die Körperbemalung des Menschen der Ur- und Frühgeschichte? Für Dr. Sibylle Wolf von der Uni Tübingen gibt es keinen streng wissenschaftlichen Beweis für Körperbemalung während der letzten Eiszeit: „Nachgewiesen ist das Bestreuen von Verstorbenen mit Rötel bzw. Rotem Ocker. Vor rund 25000 Jahren haben Jäger und Sammler im Bereich des heutigen Tschechien und Österreich intensiv Rötel bei den Bestattungen ihrer Toten eingesetzt. Zu den archäologischen Fundstücken zählen auch Totenschädel mit dicker Ockerlage.“

Rimtautas Dapschauskas, Doktorand an der Uni Heidelberg, verweist auf die mitunter faustgroßen Fundstücke von Rotem Ocker in Afrika. Erst im vergangenen Jahr wurde der Beweis publiziert, dass Ocker bereits vor 500 000 Jahre genutzt wurde, also noch vor dem Homo sapiens. Auch wenn es keine bemalte Mumie oder eine Wandmalerei mit dem Hinweis auf Körperbemalung gibt – das wären empirische, wissenschaftlich haltbare Beweise – „ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß“, erläutert Dapschauskas, „dass es Körperbemalung schon in sehr früher Zeit gegeben hat. Die ältesten, wissenschaftlich nachzuweisenden Schmuckstücke sind zwei bis drei Zentimeter große Schnecken, die durchbohrt und zu Ketten verarbeitet wurden, vor 70 000 bis 120 000 Jahren. An einigen dieser Schnecken haften kleinste Reste von Rotem Ocker bzw. Rötel. Die plausibelste Erklärung: Die Farbe wurde von der Haut der Trägerin oder des Trägers auf die Schnecken abgerieben.“
Rote Lippenstifte, Wangenrouge, fantasievoll geschminkte Kindergesichter, Bodypainting: Reflexe einer fernen, sehr fernen Ur- und Frühzeit des Menschen? Ja, so kann man es durchaus sehen.

 

Fotos: Rosel Grassmann