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Bei Nacht und Nebel

Eulen nach Athen zu tragen hieße, Nebel zu den Germanen zu schicken

Von Peter Weber

Er hat sich seit einigen Jahren rar gemacht in unseren Breiten, der Novembernebel. Nicht dass man ihn als Autofahrer vermissen würde, verheißen doch vom Wetterdienst angekündigte „Sichtweiten unter 50 Meter“ für den morgendlichen Berufspendler nichts Gutes. Und doch ist der Nebel ein ganz eigenes, eindrückliches Phänomen, das in die Sinnenwelt des Menschen markant eingreift. Wer in Nebel gerät, kann seinen Augen nicht mehr trauen, Farben und Konturen verschwimmen auf kurze Distanz, dagegen erwacht das Ohr, registriert Töne, denen es sonst kaum Beachtung schenkt, doch eigentümlich dumpf und richtungslos verbleiben sie

Wer einmal an der Küste von einer überraschend schnell aufziehenden Nebelwand „verschluckt“ wurde, weiß, wie faszinierend und irritierend zugleich dies ist, wie fremd und orientierungslos sich das Befinden plötzlich anfühlt und wie beruhigend es ist, sich nicht allzu weit ins Watt gewagt zu haben.
Diese plötzlich so ganz andere, unvertraute Nebelwelt hat die Menschen immer schon beeindruckt, hat Ängste geschürt, Fantasien geweckt und den Glauben an Übernatürliches sich regen lassen. Das war in den antiken mediterranen Ländern nicht anders als in nordischen Kulturen. Denn selbst der griechische Himmel, Ausbund lichterfüllten Blaus, konnte auch anders, ließ die sturmgepeitschte wintergraue Ägäis zum Schrecken des Seefahrers werden. Der berühmteste, Odysseus, erkannte am Ende seiner Irrfahrt seine Heimat Ithaka nicht mehr, lag diese doch in dichtem Nebel verborgen.
Solche Erfahrungen schlagen sich in den alten Mythen nieder. Der Hades, die griechische Unterwelt, dort wo Tag und Nacht sich begegnen, ist in Nebel und Dämmerlicht gehüllt. Hier wohnt in „kimmrischer Finsternis“ Hypnos, Sohn der Nacht, mit seinen Kindern Morpheus, Phobetor und Phantasos, den Göttern des Traums. Doch nicht nur Nacht und Traum hüllen sich in Nebel, auch göttliches Wirken verbirgt sich in ihm vor dem Alltag der Menschen. Nach Hesiods Götterlehre wirken die ersten Menschen, die eines „goldenen Geschlechts“, nach ihrem Verscheiden als „heilige Diener des Zeus, der sterblichen Menschen Beschützer … dicht in Nebel gehüllt, ringsum durchwandelnd das Erdreich“. Hilfreiche Götter nähern sich den Menschen in Nebelgestalt oder hüllen selbige darin, um sie zu schützen, wie wiederum Odysseus, den Göttin Athene in „heiligen Nebel“ taucht, damit er nicht erkannt werde, wenn er das Land der Phäaken betritt. Allein der lüsterne Zeus bedient sich des Nebels, um ungesehen der schönen Hirtin Io habhaft zu werden, sehr zum Missfallen seiner Gattin Hera allerdings.
Doch belässt man es nicht bei dem Naturphänomen. In weihevolle Dämpfe hüllt sich das Orakel von Delphi, sind kultische Handlungen über Zeit und Raum umgeben von Räucherwerk und Dunst, ihnen besonderen Nimbus verleihend, die Gegenwart Gottes symbolisierend, die Lüfte der Weihestätte reinigend, wie es der Weihrauch bis heute in Kirchen tut.

Eulen nach Athen zu tragen hieße, Nebel zu den Germanen zu schicken, wo er eine feste Größe ist, der Albtraum römischer Kohorten, die sich in den Sümpfen und Wäldern des Nordens ihren Weg bahnen müssen. Der Nebel ist hier allgegenwärtig, selbst das berühmte Volk der Nibelungen trägt ihn in seinem Namen. Fest verwurzelt sind Nebel und Finsternis in den nordischen Weltenschöpfungsmythen. Sie herrschen in der Kälte Nifl(Nebel)heims, eine der Urlandschaften der Edda, Gegenwelt von Muspilheim, dem Flammenmeer, in deren Mitte Midgart liegt, die Welt der Menschen.
Mit weniger elementarer Wucht kommt der Nebel im Volksglauben daher. Er bildet sich, wenn die Himmelskönigin Holla, die altbekannte Frau Holle, Herrin über das Wetter, ihr Essen kocht, märchenhafter noch sind es Zwerge oder Fuchs und Hase, die, wenn sie brauen, kochen oder baden, ihn über das Land wallen lassen. Und da sind natürlich die Hexen. Immer darauf bedacht, den Menschen Schaden zuzufügen, lassen sie es in ihrer Küche brodeln, spinnen sie am Rocken weiße Nebelfäden oder peitschen das Wasser zu Dunst, um sie in die Irre zu führen. Denn dieses Irregehen gehört zu deren Urängsten, es ist Schrecken der Hirten, der reisenden Händler, der Menschen im Moor, wo sich „wie Phantome die Dünste drehn“. Annette von Droste Hülshoffs „Knabe im Moor“ lässt uns noch an solchem Schauder teilhaben.
Und er verbreitet, so glaubt man, den Pesthauch über das Land, sind es doch Zeiten, die üble Lüfte als Ursache von Krankheit und Siechtum ausgemacht haben. Konrad von Megenberg, der im 14. Jahrhundert die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache verfasste, beklagt in seinem „Buch von der Natur“, dass die Menschen neuerdings in nebelanfälligen Niederungen siedeln, denn „der nebel stinkt oft und ist dicke. Daz ist dar umb, daz der dunst, dar aus er wirt, kümt von fauler fäuhten und von unrainem ertreich, und darumb von dem nebel kümt oft grozer siehtum und manigem der tot“. Da versucht man, sich seiner mit Glockenläuten und Hörnerblasen zu entledigen oder ihn aus den Stuben zu räuchern.

Was Wunder, dass in der Zeit der Aufklärung der Nebel bildlich für die Unwissenheit der Menschen steht. Die „Vermehrung des Lichts im Geist verscheucht den Aberglauben und zerstreut die Nebel des Wahns“, so heißt es in einem Traktat.

Das Licht und sein Widerpart begleiten um1800 einen Epochenwandel, beispielhaft personifiziert in Goethes Werther, der die Lektüre des Homer beiseite legt und sich entsprechend der Verdüsterung seines Gemüts in die Gesänge Ossians vertieft, vorgeblich uralten Überlieferungen aus dem schottischen Hochland, in denen die Geister der Lebenden und Toten in Wolken, Nebel und Dunst sich verhüllen. Auch wenn sich herausstellt, dass diese Gesänge statt vom sagenhaften Ossian von einem Zeitgenossen namens James Macpherson erdacht wurden, entfalten sie eine enorme Wirkung, werden Mitauslöser eines Wandels, der dem südlichen Licht und der Klarheit der Klassik das Nächtliche und die Versunkenheit in eine beseelte Natur folgen lässt. Caspar David Friedrichs romantische Nebellandschaften, sein „Mönch am Meer“ und sein „Wanderer über dem Nebelmeer“, sind bildhafte Gestalt dieser neuen Weltsicht.

Mit Ossian festigt Britannien seinen Ruf als Nebelland schlechthin. Die Grauen erregenden Stätten der Shakespearschen Dramen machen erneut Furore und man scheut wie ehedem im Londoner Globe Theatre keine Mühe, um mit allerlei Bühnengeschwele (bis zu den heute so beliebten Nebelmaschinen dauert es noch) den Hexen aus Macbeth einen ihnen gemäßen Auftritt zu verschaffen. Und des Grauens ist ab nun kein Ende. Wen sträubten sich nicht in weniger abgebrühten Zeiten beim Lesen die Haare, wenn Conan Doyles höllischer Hund von Baskerville mit glimmender Schnauze durchs nächtlich verhangene Dartmoor jagte, wen drückte es nicht in den heimischen Sessel, wenn in Edgar Wallaces „Toten Augen von London“ im dortigen Nebel das Verbrechen umging – Sternstunde des Schwarzweißfernsehens?
Mit dem Londoner Nebel, dem Smog, hatte es dabei seine eigene Bewandtnis. Als wahrhaft atemberaubende Mischung aus Smoke und Fog, aus Schlotqualm und Nebel, stellte er ein gewaltiges Umweltproblem dar, dem im Dezember 1952 im „Great Smog“ sage und schreibe 12000 Menschen zum Opfer fielen. Wenn auch die Londoner Luft seitdem deutlich sauberer geworden ist, das Faszinosum Nebel bleibt. Von Mordor bis Avalon breitet er sich, wenn Vorzeit und Schrecken literarisch und filmisch beschworen werden, in unzähligen Varianten.

Weshalb der Nebel im wirklichen Wetter eher selten geworden ist, ist strittig. Vielleicht trägt einmal mehr der um sich greifende Klimawandel hierzu bei. Wenn aber doch einmal ein Schleier auf das Land sich legt, dann ist`s am einsam Wandernden, den Stimmen der Natur zu lauschen: dem düstren Krähenschwarm im Baumgeäst, dem leisen Wispern im Gekraut, dem Klageruf von irgendher und – nunmehr auch – dem Isegrim, dem Wolf, der ihm zur Seite trabt, unhörbar fast, ganz grau in grau in Nebeldunst versunken.