Totentanz quer

Totentanzriten des Mittelalters

Zwischen Lebenslust und Todesangst

Von Viktor Meissner

Lebenslust und Todesangst – diese beiden lagen früher eng beieinander, denn der Tod war allgegenwärtig. Auf besonders faszinierende Weise drückt sich dieses Gefühl in den sogenannten Totentänzen des Mittelalters aus, die einst auf Außenmauern von Friedhöfen und Kirchen gemalt waren. Wann genau der Tod in der Kunst anfing, sich auf diese Weise auszudrücken, ist nicht mehr feststellbar. Das Motiv könnte dem alten Volksglauben, nachts würden die Seelen der Toten auf den Friedhöfen tanzen, entstammen. Auch den mittelalterlichen Pestepidemien wird großer Einfluss auf die gemalte Gratwanderung des Lebens zugeschrieben.

Das, was sich einst auf improvisierten Bühnen in mittelalterlichen Kirchen abspielte, könnte einem Horror-Film entsprungen sein: Als Skelette verkleidete Laiendarsteller griffen sich in festgelegter Reihenfolge Personen des öffentlichen Lebens und führten die Wehklagenden tanzenden Schrittes zum Grab, um sie erbarmungslos hineinzustoßen. „Sagt Ja, sagt Nein, getanzt muess doch sein“, heißt es beim Füssener Totentanz, der ältesten erhaltenen bildlichen Totentanz-Darstellung in Bayern, die heute zu den bedeutenden Monumental-Totentänzen Europas zählt.

Zum Tanze gezwungen, folgt dort die gesamte mittelalterliche Ständegesellschaft dem Tod bis ins Grab – allen voran Papst und Kaiser. Geprägt von Lebenslust und Todesangst zugleich, lautet die Botschaft: Der Tod macht vor niemandem halt, keiner kann sich seiner Allmacht entziehen. Die Vorstellung, dass der Tod die Menschen im Augenblick ihres Sterbens zum Tanzen zwingt, entspringt der Glaubenswelt des europäischen Mittelalters, in der der Tod allgegenwärtig, dominant und unberechenbar war.
Eine besondere Stellung hatte „Der schwarze Tod“, dem von 1347 bis 1352 rund ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fiel. Die Pest, die ganze Landstriche entvölkerte, wird oft als Auslöser für die Totentänze genannt. Als gesichert gilt, dass die Idee des Totentanzes im 14. Jahrhundert von Frankreich nach Deutschland kam. Als das älteste erhaltene Fresko gilt der Totentanz in der Abteikirche St. Robert in La-Chaise-Dieu von 1410.

Unter einem Totentanz verstand man im Mittelalter zunächst ein Laienspiel in Form eines Reigens oder Tanzes von Totengestalten mit lebenden Personen, welche die ständische Gesellschaft repräsentierten. Der Reigen wurde meist von Versen begleitet. Am Anfang oder Ende des Spieles standen häufig Darstellungen der Bußpredigt oder des Sündenfalls. Diese Aufführungen fanden etwa seit dem späten 14. Jahrhundert statt. Der Tod, dargestellt als grinsendes Gerippe, erklärte zunächst seine Weltherrschaft und rief dann den Papst auf, der, sein Schicksal beklagend, mit tanzenden Schritten ans Grab geführt und hineingestoßen wurde. Dem Papst folgten der Reihe nach alle geistlichen und weltlichen Würdenträger, alle Stände und alle Altersklassen. Der Tod tanzte mit jedem in gleicher Weise ins Grab – begleitet von einer einförmigen Melodie. Die aus den Laienspielen entstandenen Totentanzbilder waren oft als monumentale Malereien auf Friedhofsmauern, Kapellen oder Beinhäusern zu sehen. Ausgehend von den Fresken an der Kirchhofmauer des Franziskanerklosters Aux Saints Innocents in Paris von 1424/25 und der Abteikirche La Chaise-Dieu in der Auvergne verbreiteten sich die Totentanzdarstellungen in ganz Europa. Sie erinnerten den Betrachter mahnend daran, dass der Tod jeden, ungeachtet seines Standes, plötzlich aus dem Leben reißen kann. Im 15. und 16. Jahrhundert trugen besonders die Friedhofsmauern der Dominikaner- und Zisterzienserklöster zumeist großformatige Wandgemälde, auf denen Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts vom Tod zum Tanz ins Grab geholt wurden. Die Bilder spiegelten die Angst der Menschen wider, unvorbereitet und ohne Buße den Weg ins Jenseits antreten zu müssen.
Viele der Totentanz-Darstellungen sind nur noch in Bruchstücken oder Kopien erhalten. Zu den bekanntesten gehört der 1463 wohl unter dem Eindruck einer Pestwelle entstandene Totentanz von Bernt Notke (1435-1509) in der Marienkirche zu Lübeck, der 1942 bei einem Bombenangriff komplett zerstört wurde. Vorhandene Bilder sind Kopien.

Der Tanz veranschaulicht, dass vor dem Tod alle gleich sind. Arme wie Reiche, gute wie böse Menschen werden gleichermaßen heimgesucht. In der mittelalterlichen Ständegesellschaft war auch der Hinweis auf Gerechtigkeit im Jenseits von großer Bedeutung. Er implizierte, gottgefällig zu leben, da der Mensch jederzeit abberufen werden könne. Die Beschäftigung mit dem Tod war im Mittelalter von großer Bedeutung. Neben dem Totentanz als Vanitas-Darstellung und Memento mori (Symbole der irdischen Vergänglichkeit) hielten auch Legenden und Sterbeanweisungen den Gläubigen die Vergänglichkeit irdischen Daseins ständig vor Augen: Die Legende der „Drei Lebenden und Drei Toten“ handelt von drei vornehmen jungen Männern, die auf einem Jagdritt auf drei tote Vorfahren in verschiedenen Verwesungsstadien stoßen. Die Begegnung endet mit dem mahnenden Spruch der Verwesten: „Quod fuimus, estis; quod sumus, vos eritis“ („Was wir waren, seid ihr jetzt; was wir jetzt sind, werdet ihr sein“). Zudem erschienen im Spätmittelalter vermehrt kirchliche Anweisungen in Form von Büchern mit Ratschlägen und Regeln zur Vorbereitung auf den christlichen Tod, der die Auferstehung der sündigen Seele garantieren sollte. Erste Illustrationen zu diesen „Ars moriendi“ wurden um 1450/60 in Blockbüchern publiziert. Sie zeigen am Sterbebett hockende Teufel als Versucher und Engel, die auf Ereignisse aus Bibel und Heiligenleben hinweisen. Am Schluss steht die Flucht der Teufel vor dem Kruzifix und die Aufnahme der Seele durch die Engel. Voraussetzung für dieses Sterben war aber das Ablegen der letzten Beichte sowie das Empfangen der Salbung und des Viaticums (letzte heilige Kommunion). Da der plötzliche Tod, hervorgerufen durch Unfall oder Krankheiten wie die Pest, die richtige Sterbevorbereitung gefährden konnte, erinnerten insbesondere die Predigerorden im späten Mittelalter daran, stets ein gottgefälliges Leben zu führen und Buße zu tun, um in diesem Sinne auf den plötzlichen Tod vorbereitet zu sein. Die um 1525 in Basel entstandene und 1538 erstmals herausgebrachte, aus Einzelblättern bestehende Totentanzfolge von Hans Holbein dem Jüngeren (1497-1543) lehnt sich zwar an die spätmittelalterlichen Bilder an, hat aber nichts mehr mit den Darstellungen der früheren eintönigen Schreitzüge gemein. Holbein hat seinem Werk insofern ein anderes künstlerisches Gepräge gegeben, als dass hier der Tod urplötzlich mitten in das Berufsleben und die Lebenslust einbricht und die völlig überraschten und widerstrebenden Opfer gnadenlos mit sich zerrt.

Holbeins Darstellungen beginnen mit der Erschaffung der Welt und der Menschen; seit der Vertreibung aus dem Paradies ist der Tod bereits ständiger Begleiter. Nun werden der Reihe nach die verschiedenen Standesklassen vom Tod teils sehr brutal mitten aus dem Leben gerissen. Die Serie endet mit dem Tag des Jüngsten Gerichts – das letzte Blatt zeigt das „Wappen des Todes“. Ironie des Schicksals: Holbein starb 1543 in London an der Pest. Mit Beginn der Renaissance und der damit verbundenen neuen Weltanschauung verschwanden die mittelalterlichen Totenreigen allmählich – die Verknüpfung mit Seuchen, vor allem mit den immer wieder aufflackernden Pestepidemien, hielt sich allerdings noch bis in das späte 17. Jahrhundert.