Grimoire quer

Die Welt der Zauberbücher

Aus einer Zeit, als es gegen Liebeskummer und Dämonenbeschwörung noch Rezepte gab

Von Viktor Meissner

Grimoires – gibt es diese Zauberbücher wirklich? Um die Frage vorwegzunehmen: Ja, es gibt sie wirklich. Grimoires sind Bücher mit „magischem Wissen“. Sie enthalten beispielsweise astrologische Regeln, Listen von Engeln und Dämonen, Zaubersprüche und Anleitungen zum Herbeirufen magischer Wesen wie Dämonen und Teufeln, aber auch Anleitungen zum Herstellen von Talismanen, Zaubertränken und Schadenszauber. Die Blütezeit dieser in den meisten europäischen Sprachen verfassten Bücher lag zwischen Spätmittelalter und dem 18. Jahrhundert.

Die Werke lassen sich unterschiedlichen Gruppen zuordnen: Da gibt es die schwarzmagischen Grimoires, die Anweisungen für Schadenszauber, Dämonen- und Totenbeschwörung sowie für die Anrufung und Dienstbarmachung von Teufeln enthalten. Es gibt Grimoires, die sich mit okkulten Wissenschaften wie Alchemie und Astrologie auseinandersetzen und „Magische Gebetbücher“, die Anrufungen von Heiligen, magische Gebete und Schutzzauber enthalten. In volkstümlichen Zauberbüchern wird Aberglauben mit christlichen Elementen vermischt. Häufig beinhalten sie Dämonenbeschwörungen sowie Gebete für Reichtum, Vernichtung von Feinden und Gesunderhaltung, aber auch Schadenzauber. Magische Rezeptbücher enthalten seltsam anmutende Rezepte gegen Krankheiten aller Art von Mensch und Tier, Schutz vor Feinden, Erlangung von Reichtum, Liebeszauber und anderem. Mit Hilfe der in den Büchern enthaltenen Anleitungen wollte man Regen herbeizaubern, sollten Katastrophen abgewendet, Krankheiten geheilt und Geister gnädig gestimmt werden. Sie enthielten Rezepte für Flugsalben und Liebestränke. Mithilfe von manchen glaubte man, die Zukunft vorhersagen zu können. Für jeden Wunsch, jede Bedrohung gab es Zauberrezepte. Auffällig ist, dass in den meisten Werken kein Autor angegeben ist. Der Grund liegt darin, dass die Schreiber mit ihrem Leben spielten – die Inquisition war überall und der nächste Scheiterhaufen nicht fern. Der Besitz von sogenannten Zauberschriften war verboten. Angeklagte wurden von weltlichen Gerichten, später auch von Inquisitionsgerichten der Hexerei und Häresie bezichtigt. Die Grimoires wurden beschlagnahmt oder neben anderen verbotenen Schriften öffentlich verbrannt.

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Fast alle Zauberbücher folgten bei den Anleitungen einer bestimmten Gliederung: Zunächst musste sich der Magier vorbereiten (Fasten, Beten, Räucherungen, Waschungen), dann folgte die Herstellung der magischen Instrumente (Zauberstab, Gewand, Messer). Dann musste der Ausführende sich um den magischen Schutzkreis und die Liste der anzurufenden Geister kümmern. Auch die Rangordnung der Dämonen, deren Siegel, Beschwörungen und Entlassungen spielten eine wichtige Rolle. Und nicht zu vergessen die Rezepte gegen Krankheiten, für Liebeszauber, Schatzzauber und anderes.

Eines der ältesten Grimoirs ist das ägyptische Totenbuch, eine Sammlung von Zaubersprüchen, Beschwörungsformeln und rituellen Anweisungen. Der Ägyptologe Karl Richard Lepsius (1810-1884) brachte 1842 eine Zusammenstellung unter der Bezeichnung „Totenbuch der alten Ägypter“ privatim heraus, die der Schweizer Ägyptologe Édouard Naville (1844-1926) beibehielt, als er 1883 eine Sammlung dieser Bücher aus dem neuen Reich (ca. 1550–1070 v. Chr.) veröffentlichte. Aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammt ein Papyrus mit dem Titel „Das achte und zehnte Buch Moses“ mit Unterweisungen durch einen Erzengel, einem Gebet an die Mondgöttin Selene nebst einem Hinweis auf einen Schlüssel des Mose, in dem sich weitere Riten und Geheimnamen befinden.

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Immer dann, wenn im Laufe der Geschichte Unheil über die Menschen hereinbrach, sei es durch Krankheiten wie die Pestpandemie von 1347 bis 1352, durch Kriege oder Hungersnöte, denen die Kirche machtlos gegenüberstand, griff die Bevölkerung zu den Grimoires. Deshalb nimmt ab dem 13. Jahrhundert die Zauberliteratur beträchtlich zu. In dieser Zeit entstanden die sogenannten „Magischen Rezeptbücher“, in denen angebliche Zauberkünste Moses am Hofe des Pharaos beschrieben wurden.
Das „Grimoire Armadel“ entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts und beinhaltet „Rituelle Magie“, das heißt Dämonenbeschwörungen. Im 18. Jahrhundert erscheinen die „Ägyptischen Geheimnisse“ des Albertus Magnus, das „Schwarze Hühnchen“ und andere. 1797 kommt das „6. et 7. Liber (Buch) Mosis“ heraus, dessen Inhalt die Basis für das auch heute noch bekannte „6. und 7. Buch Mosis“ bildete, das 1849 beim Verlag Scheible in Stuttgart erschien und 1851 sowie 1853 mit Zusätzen neu gedruckt wurde. Seitdem erlebt es bis heute immer wieder neue Auflagen. Das Buch, meist schwarz eingebunden, enthält eine Mischung aus volkstümlichem Aberglauben und zum Teil fragwürdigen Rezepten gegen alles mögliche. Der Titel hat nichts mit dem Propheten Mose zu tun, sondern versucht mit der Namensnennung lediglich die Wirksamkeit der Buches zu unterstreichen. Es verweist auf Moses Sieg über die ägyptischen Zauberer . In Deutschland wurde das Buch 1956 verboten und der Verleger Ferdinand Masuch wegen Betruges und Verstoß gegen das Gesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten verurteilt. Anlass war ein in dem Werk beschriebenes „Hausmittel“, das Syphiliskranken (Lues venerea, auch „Franzosenkrankheit“) empfahl, sich bis an den Hals in Pferdemist einzugraben und die Krankheit so „auszuschwitzen“.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden erhaltene Fragmente magischer Manuskripte zu neuen Grimoires zusammengefasst und veröffentlicht; diese beinhalteten in der Hauptsache eine Wiedergabe älterer Zauberbücher, deren Inhalte so der Nachwelt erhalten blieben.

Bedingt durch die unruhigen Zeiten und die Perspektivlosigkeit der Bevölkerung stieg in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen die Veröffentlichung von Grimoires noch einmal stark an. In der Hoffnung, in diesen Schriften Hilfe zu finden, griffen Betroffene zu den neu erschienenen Zauberbüchern, die von geschäftstüchtigen Verlegern in hohen Auflagen auf den Markt gebracht wurden.
Liebhabern der Horror-Literatur, insbesondere der von Howard Philipps Lovecraft, dürfte ein Grimoire bekannt sein, das es allerdings nie gegeben hat, das „Necronomicon“, frei übersetzt etwa: „Abbild oder Gesetz der Toten.“ Lovecraft beschreibt es als einen fast 1000 Seiten starken Folianten voller dunkler Magie, angeblich verfasst von einem verrückten Araber namens Abdul Alhazred um 1300 in Damaskus. In dem Werk geht es um Dämonenbeschwörungen, um das Öffnen von sieben magischen Toren zu einer Welt weit jenseits unseres Kosmos und um die Geschichte einer uralten Rasse von den Sternen vor Erscheinen des ersten Menschen. Auffallend bei diesen Beschreibungen sind Parallelen zum Glauben der alten Babylonier und Chaldäer. Möglicherweise hat sich Lovecraft davon inspirieren lassen.
Obwohl das Buch unzweifelhaft eine literarische Fiktion Lovecrafts ist, erschien es 1978 zuerst in französischer Sprache, mittlerweile gibt es eine im Verlag Richard Schikowski erschienene deutsche Fassung.

 

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