Ab durchs wilde Feuer

Als man die Schweine und ihren Hirten durch die Flammenwand trieb

Von Wilhelm Gerntrup

Im Fokus des mittelalterlichen Aberglaubens standen auf dem Lande nicht selten Tiere. Kein Wunder – hing doch das Wohlergehen der Menschen direkt am Wohlergehen der existenzsichernden Tiere. Um sie vor Flüchen und magischen Zaubern zu schützen, ließ man sich allerlei einfallen. So wurde zum Beispiel zu bestimmten Anlässen und Zeiten der Stall ausgeräuchert, um Krankheiten vorzubeugen. Gegen „angehexte“ Milchlosigkeit der Kühe wurde ein Kreuzdorn-Zweig über die Stalltür genagelt, Tierkrankheiten mit Osterwasser geheilt. Gebräuchlich waren in unserer Region auch die sogenannten Notfeuer. Indem man die Tiere durch die Flammen trieb, wollte man der Gefahr von Seuchen vorbeugen.

Seit alters her gilt das Schwein als wertvollster Begleiter des Menschen. Auch die Siedlungsgeschichte hierzulande ist ohne das anspruchslose Borstentier nicht vorstellbar. Es lieferte praktisch alles, was zum Überleben seines Besitzers und dessen Familie wichtig war. „An Nutzbarkeit für die Nahrung übertrifft das Schwein alle Haustiere, da außer seinem Fleische, Speck und Schmer, thatsächlich alle Weichteile, selbst die Schwarte und das Blut, gegessen und verwendet werden“, heißt es in dem 1901 erschienenen Standardwerk „Das deutsche Nahrungswesen“.

Einige Beispiele für die vielseitige Nutzbarkeit des gutmütigen Vierbeiners hat der königlich-preußische Hofrat und Naturkundler Dr. Johann von Schreber in seinem 1835 veröffentlichten Buch „Die Säugethiere in Abbildungen nach der Natur mit Beschreibungen“ illustriert. „Aus den gegerbten Schweinshäuten werden Pferdegeschirre, Sättel, Siebe, Sohlen, Pergament und dauerhafte Einbände für Bücher gemacht.“ Die Blase werde „zum festen Bedecken der Gläser und zur Herstellung von Tabaksbeuteln verwendet“ und auch die Borsten ständen hoch im Kurs. „Man braucht sie zu Bürsten, Pinseln und Kehrwischen“, und bei den Schustern und Sattlern dienten sie „statt der Nadeln, um die Fäden durch die vorgebohrten Löcher zu ziehen“. Kein Wunder, dass unsere Altvorderen alles daransetzten, ihre äußerst wertvollen Vierbeiner bis zur Schlachtreife gesund zu erhalten. Das war (und ist offenbar auch heute noch) nicht einfach. In dem Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen, damals modernsten und aufschlussreichsten Nachschlagewerk „Oeconomische Encyclopädie“ werden mehr als 20 verschiedene Schweine-Krankheiten beschrieben. Zu den häufigsten gehörten „Borstenfäule“, „Räude“, „Wuth“, „Pocken“, „Bauchwassersucht“, „Klauenkrankheit“, „Ruhr“ und „Finnen“.

Für Panik sorgte insbesondere das Auftreten pestbeulenartiger, rötlich-brauner Flecken – in den meisten Fällen ein sicherer Hinweis auf Seuchenbefall. In den heimischen Berichten ist – je nach Wissensstand und/oder regionalem Sprachgebrauch – von „Bräune“, „Kehlsucht“ und/ oder „Rothlauf“ die Rede. Diese Leiden hätten „schon öfters, so unter anderem in den Jahren 1770 und 71, vieles Borstenvieh hinweggeraffet“, ist in einem zeitgenössischen Bericht zu lesen. Alles gehe so schnell, dass „in kurzer Frist, zuweilen schon binnen 24 Stunden, alles zu Ende“ sei. Eine minimale Chance, ein paar Tiere am Leben zu erhalten, gebe es nur bei sofortiger Isolierung der erkrankten und der Verabreichung von Salpeter und Glaubersalz an die noch nicht auffälligen Tiere.
Das Wissen um Herkunft und Ursachen von Tierkrankheiten war bis in die jüngste Vergangenheit hinein äußerst bescheiden. Auch unsere hierzulande lebenden, tief in Unwissenheit und Aberglauben verhafteten Altvorderen machten für das Schweinesterben keine Viren und/oder Bakterien, sondern böse Geister, vergiftete Köder, Ansteckung durch Wildschweine und/oder Fahrlässigkeit der Hirten verantwortlich. Hintergrund: seit alters her wurden die Borstentiere zum Fressen in die umliegenden Eichen- und Buchenwälder getrieben. Das Hüten war Aufgabe der Kinder. Später mussten in den größeren Orten „professionelle“ Hirten eingestellt werden. Die Stallhaltung kam erst in Mode, als die Wälder als Folge der starken Bevölkerungszunahme ruiniert und im wahrsten Sinne des Wortes leer gefressen waren.

Eine Besonderheit der hiesigen Schweinezucht-Geschichte scheint das „Wilde Feuer“ gewesen zu sein. Damit war eine besonders rabiate Desinfektions- und Heilmethode gemeint. Zuverlässigen Berichten zufolge gingen solche Aktionen im 19. Jahrhundert noch in etlichen heimischen Dörfern über die Bühne. Eine besonders eindrucksvolle Schilderung hat der Heimatchronist Hermann Schütte (1859-1938) aus dem heutigen Rintelner Ortsteil Steinbergen hinterlassen. Schütte hatte die Prozedur noch als Junge selbst miterlebt.
Bevor es losging, wurden größere Mengen Reisig und/oder Stroh herbeigeschafft und auf einer Länge von bis zu acht Schritten auf der Dorfstraße verteilt und an den Seitenrändern aufgeschichtet. Dann ging am Ortseingang der Schweinehirt mit seiner Herde „in Stellung“. Ein Trupp junger Männer machte sich daran, ein Feuer zu entzünden. Voraussetzung für den Erfolg der Aktion war, dass der erste Funke „wild“ (= sich selbst entfachend) entstanden war. Dazu musste ein Hartholzstab so lange in ein Weichholzbrett gedreht werden, bis Glut entstand und zu einer Flamme entfacht werden konnte. Als erster wurde, vom tosenden Geschrei der versammelten Einwohnerschaft begleitet, der Schweinehirt durch die Feuerwand gejagt. Dann mussten die Schweine hinterher. Ausbrechende Tiere wurden mit Peitschen und Stöcken wieder auf Kurs gebracht. Die glimmenden Überreste nahmen die Leute mit nach Hause und steckten damit die heimische Herdstelle an. Auch die Asche des „wilden Feuers“ galt als Heil- und Abwehrmittel. Sie wurde zwischen das Schweinefutter gemengt.
Die letzten Aktionen dieser Art sollen in den 1870er Jahren veranstaltet worden sein. Zuvor hatte die Obrigkeit lange Zeit vergeblich versucht, dem Spuk mittels gesetzlicher Regelungen beizukommen. „Dieses Verfahren, welches allein auf einem einfältigen Aberglauben beruht, kann aber schon deswegen, so wie auch wegen der dadurch sehr leicht veranlasst werdenden Feuersgefahr nicht länger geduldet werden“, heißt es in einem Erlass der schaumburg-lippischen Landesregierung vom 31. Mai 1811. „Anstifter zu einem solchen wilden Feuer werden unabbittlich mit fünf – jeder Untertan aber, dessen Schweine mit durch das Feuer getrieben sind, unabbittlich mit einem Thaler Strafe zum Besten der Armen belegt.“