Geist

Zauberhafte Rauhnächte

Was Fliegenpilze, Schweine und Räucherwerk mit Weihnachten und Silvester zu tun haben

Von Dorothee Balzereit

Wenn sich die Zeit der dunkelsten, tiefsten Nacht des Jahres nähert, stehen die Rauhnächte vor der Tür. Jene sagenumwobenen 12 Nächte, die eine mystische Übergangszeit zwischen den Jahren bilden. Es ist eine Zeit zwischen der Zeit, in der sich die Tore zu einer anderen Dimension öffnen. Das „Wilde Heer“ tobt durch die Lüfte, Frau Holle geht um und Orakel erlauben einen Blick in die Zukunft. Früher sagten die Leute, dass in dieser Zeit die Geister Ausgang haben.Bei unseren Vorfahren galten die Nächte als etwas ganz Besonderes, man zog sich zurück, arbeitete nicht, verbrachte die Zeit mit der Familie und erzählte sich bei Kerzenschein Geschichten. Außerdem wurde mit Leidenschaft orakelt. Geister wurden wahlweise beschworen oder ausgetrieben. Die Rauhnächte galten als die geheimnisvollste Zeit des Jahres – kein Wunder, dass sich daraus eine Menge Rituale, Bräuche und natürlich Aberglauben entwickelten. Wir haben bekannte und weniger bekannte zusammengestellt - manche strotzend vor Aberglauben. Aber auch ein Freiraum, dessen Rituale einfach zum Nachdenken anregen.

Zu den bekanntesten Bräuchen gehört sicherlich, zu Silvester keine Wäsche hängen zu lassen. Früher nahmen sich die Wäscherinnen sogar für die Zeit der gesamten Rauhnächte frei. Es galt: Wer zu dieser Zeit (weiße) Wäsche draußen aufhängt, läuft Gefahr, dass sich die Wilde Jagd darin verfängt– also Wotan mit seinem Gefolge, das aus 12 Wölfen, Raben oder Knochenmännern besteht. Oder dass er ein Wäschestück mitnimmt und als zukünftiges Leichentuch für den Besitzer verwendet.

Aufräumen, entrümpeln und Ordnen ist vor den Rauhnächten angesagt, denn böse Geister – Druden, Hexen und Kobolde – setzen sich gerne in Unrat und Unordnung fest. Deswegen: Aufräumen in Haus und Leben. Auch wird geraten, alles Geliehene zurückzubringen. Die Rauhnächte verkörpern nach altem Glauben den Übergang vom Chaos in die Ordnung.

Räuchern: In den Rauhnächten wurden die Räume eines Hauses ausgeräuchert, um Infektionen zu vermeiden, böse Geister fernzuhalten und Unheil abzuwenden. Deshalb auch der Name „Rauchnacht“ aus dem später die Rauhnacht wurde. Zum Räuchern eignen sich besonders: Beifuß, Fichtenharz, Lavendel, Holunder, Mistel, Weihrauch, Salbei, Lorbeer, Thymian, Wacholder, Kampfer und – Drachenblut!

Träume in den Rauhnächten haben eine besondere Bedeutung. Was man vor Mitternacht träumt, erfüllt sich in der ersten Monatshälfte, Träume nach Mitternacht am Ende eines Monats. Jede Nacht der zwölf stand für einen Monat des kommenden Jahres und entsprechend wurden die Träume gedeutet.

Tür und Tor wurden in dieser dunklen Zeit verriegelt. Um Geister auszuschließen gab es mancherorts den Brauch, Speisen zu opfern. Als überlieferte gelten Brot, Kuchen, Gebäck, Schweinefleisch, Erbsen, Bohnen, Grütze, Fischrogen und Mohn, den besonders Frau Holle gerne mag. Alle Reste des Jul-Essens werden nach den Rauhnächten unter die Obstbäume gelegt, damit diese reichlich tragen mögen.

Geläut: Geister und Hexen, so sagt man, haben in der Heiligen Nacht besondere Macht. Früher erschallte deshalb von Einbruch der Dunkelheit bis zur Mitternachtsmesse in regelmäßigen Abständen das sogenannte Schreckensgeläut. Hier erhält das heidnische Geister-Austreiben einen christlichen Deckmantel.

Rummelpott: Schon von Weitem hörbar ist an Silvester der norddeutsche „Rummelpott“, der vorzugsweise im Dunkeln unterwegs ist. Die Dorfjugend kündigt mit schlagen (rummeln, rumoren) auf den Pott (Kochtopf) an, dass sie unterwegs ist. So bleibt den Hausfrauen genug Zeit, ihnen Äpfel, Nüsse und übrig gebliebenes Weihnachtsgebäck bereit zu legen. Nach dem Schlachtruf: „Lieschen, moog de Döör up, de Rummelpott will rin“ und allerhand Gedichten und Liedern wandern die Leckereien in die mitgebrachten Säckchen.

Wegkreuzung: Bei den Kelten und Germanen war es die Zeit der Losnächte. Um Mitternacht ging man schweigend zu einer Wegkreuzung und ließ die Atmosphäre auf sich wirken, lauschte (loste), achtete auf die Zeichen der Natur und deutete sie. Wie das Wetter in dieser Nacht ist, so ist es auch in dem zugeordneten Monat. Ledige Außerdem haben ledige frauen die Gelegenheit, an einem Kreuzweg ihren zukünftigen Ehemann vorübergehen zu sehen. Spricht sie ihn allerdings an, stirbt er und sie bleibt allein bis an ihr Lebensende.

Vieh: Das Vieh war besonders gefährdet, von bösen geistern heimgesucht zu werden: Wer Pech hatte, dessen Kuh gab keine Milch mehr oder dessen Hühner legten keine Eier mehr. Deshalb wurde das Vieh bewacht, der Stall ausgeräuchert und mit Weihwasser besprengt. Auch wird in diesen Nächten keine Milch über die Straße gegeben, kein Schmalz angestochen.

Eier und Blei: Eier wurden in Gläser gegossen. Aus Figuren wie Klöstern, Kirchen, Häusern, Werkzeugen ,einte man, die Zukunft lesen zu können.

Weihnachtsbaum: Die Julzeit ist eine üppige fröhliche Zeit. Man beschenkt sich gegenseitig, um auch im neuen Jahr Fülle und Glück zu haben. Als Symbol der Fruchtbarkeit, des Lebens und der Gesundheit wird ein Weihnachtsbaum ins Haus geholt und mit Äpfeln, Nüssen, Lebkuchen, Gold und Lichtern geschmückt.

Fliegenpilz und Weihnachtsmann: Der Weihnachtsmann, der wie alle guten Geister aus dem Walde kam, brachte einst den Fliegenpilz mit, heißt es. In entsprechender Dosis wirkt der Pilz bewusstseinserweiternd, was die Schamanen vom germanischen Norden über Sibirien bis Nordamerika nutzten, um mit den Ahnen zu kommunizieren. Vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, warum der Weihnachtsmann Rot und Weiß trägt?

Spinnräder, Mühlräder und andere Räder mussten in dieser heiligen Zeit stillstehen. Erst am zwölften Tag setzt der Eber, Tier des altgermanischen Gottes der Fruchtbarkeit, setzt das Jahresrad wieder in Bewegung.

Das Schwein: Zu Ehren des Gottes Freyr schlachteten die Germanen in dieser Zeit ein Wildschwein. Schinken, Schweinesülze und das Julschwein sind bis heute Weihnachtstradition und auch das Marzipanschwein, das zu Neujahr verschenkt wird, geht auf diesen Brauch zurück.

Kindsraub: In allen Rauhnächten soll, so lange das Kind noch nicht ein Jahr alt ist, der Vater vom Kind von Mittag bis Mitternacht sich nicht entfernen, damit das Kind nicht ausgewechselt und eine Wechselbutten wird.

Rauhnächte-Kinder: Kinder, die in der Zeit der Rauhnächte geboren werden, haben entweder Glück oder Pech – je nachdem, in welchem Landstrich sie geboren werden. Im westlichen Europa gelten sie als Sonntagskinder, die selbst Glück im Leben haben und anderen ebenfalls Glück bringen. In Südeuropa sagt man diesen Kindern magische Kräfte nach. Im Osten Europas gelten diese Kinder als Kandidaten für Vampire, die irgendwann zu Untoten werden und der Familie schon vorher Pech bringen.

Sprechende Tiere: Um Mitternacht sprechen die Tiere die menschliche Sprache und verkünden – je nach Region – entweder Glück oder Unglück. Wer die Tiere sprechen hört, stirbt bald darauf, ohne sein Wissen weiter gegeben zu haben.

Die vielen Volksbräuche ist ursprünglich nichts anderes als der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit. denen das Dämonenheer der Dunkelholde weichen muss. Durch Lärmen und Rufen suchte man dies zu erreichen. Noch heute erinnern Böllerschießen oder das so genannte Schreckläuten der Kirchenglocken an diesen alten Glauben vom Nutzen des „Heidenlärms“.