Brüderchen und Schwesterchen quer

Jage mich, begehre mich

Brüderchen und Schwesterchen - zwei Facetten einer Person

Von Cornelia Kurth

Was ist das „Brüderchen“ für ein Kindskopf. Und sein „Schwesterchen“ so klug und fürsorglich. Das Geschwisterpaar im Grimm‘ schen Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ wehrt sich gemeinsam gegen die böse Stiefmutter und muss zunächst gehörig dafür leiden. Schließlich aber – und das kann einem erstaunlich vorkommen – bezieht sich der übliche Märchenschlusssatz, dieses „Und sie lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende“, auf die beiden Geschwister, die unzertrennlich bleiben, und das, obwohl Schwesterchen doch den König geheiratet hat.

Es kann auch durchaus so aussehen, als brauche der Bruder die Gegenwart und den Schutz seiner Schwester, um zu überleben. Nach ihrer Flucht vergiftet die Stiefmutter alle Brunnen des Waldes. Nur mit Mühe kann die Schwester den Bruder daran hindern, trotzdem seinen Durst zu stillen. Obwohl sie ihn warnt, trinkt der Bruder schließlich und verwandelt sich in ein Reh. Damit er nicht fortläuft, bindet die Schwester ihm ein Halsband um. Gemeinsam leben sie in einem Waldhäuschen, kuscheln sich aneinander, und für eine Weile ist alles gut. Wenn da nicht die wilde Jagd rufen würde ...
Wieder erstaunt das Märchen mit dem, was es dann erzählt. Der König streift mit seinen Jägern durch den Wald, und eigentlich sollte das Reh sich doch versteckt halten. Dessen größter Wunsch aber ist es, allen Warnungen zum Trotz, bei der Jagd dabei zu sein. Während das Mädchen sich vorsichtig im Haus einschließt, springt der Reh-Junge fröhlich im Wald herum und den Jägern davon, um am Ende des Tages mit dem verabredeten Satz: „Mein Schwesterlein lass mich hinein“ wieder ins Haus einzutreten. Es kommt, wie es kommen muss: das Reh wird verletzt, ein Jäger belauscht den Einlass-Spruch, und schon steht beim nächsten Mal der König höchstpersönlich vor dem Schwesterchen.
Für die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger gehört diese Geschichte insgesamt zu den „Mädchen-Märchen“. Die Verantwortung, die die Schwester auch im weiteren Verlauf der Geschichte für den Bruder übernimmt, entspreche keineswegs der gesellschaftlichen Realität in der Zeit um 1800.

Brüderchen und Schwesterchen

Doch viele der Märchen arbeiten, sagt sie, mit einer Art „Ironie“, einer ermutigenden Umkehrung der wahren Verhältnisse. Bis vor kurzem habe es nur wenige Werke der Weltliteratur gegeben, in denen Frauen und Mädchen so selbstständig handeln wie in den Grimm’schen Märchen, so Klüger.
Das ist sicherlich zutreffend, und es ließe sich eine ganze Reihe weiterer Märchen als Beispiel für solche „Mädchen-Märchen“ anführen, darunter „Schneewittchen“ bei den sieben Zwergen, „Allerleirau“, die vor ihrem Vater flieht oder „Die sieben Raben“, wo eine Prinzessin ihre Brüder rettet.
Viel spannender aber kann einem die Sichtweise des Schriftstellers und Psychoanalytikers Eugen Drewermann erscheinen. Für ihn sind Märchen insgesamt der „Spiegel der Seele“, und im Fall von „Brüderchen und Schwesterchen“ handele es sich dabei um die Seele einer Frau.
So ließe sich auch das verwunderliche Ende des Märchens verstehen, wo es heißt, dass die beiden Geschwister für immer glücklich zusammenleben. Bruder und Schwester seien ja zwei Facetten ein und derselben Person, das führt Drewermann in einem Interview des Schweizer Senders SRF aus (man findet es auf YouTube). Es gehe um die Entwicklung eines Mädchens, das der Dominanz der Mutter entkommen will, auf der Suche nach Liebe und dem eigenen Ich.
Auf der einen Seite stehe das „Schwesterchen“, das sich vor den Gefahren, die in der Welt lauern, in sein Häuschen zurückzieht; auf der anderen Seite das „Brüderchen“, mit seiner Sehnsucht, am wilden Leben teilzuhaben und vom „Wasser des Lebens“ zu trinken, obwohl man dadurch vielleicht zum Raubtier wird. Das Märchen zeige, wie sehr eine schwere Kindheit und eine Mutter, die mit den Brunnen im Wald zugleich die ganze Welt vergiftet, einen Menschen zerreißen kann, so Drewermann: Der Schwester-Anteil hat Angst und igelt sich ein. Doch die Sehnsucht bleibt, in Gestalt eines anmutigen, freundlichen und eigentlich scheuen Rehs, dem recht mädchenhaften Bruder-Anteil.
Das Reh streift durch den Wald und stellt sich der Gefahr, denn es will „gejagt“, also entdeckt und begehrt werden. Drewermann spricht hier von der sogenannten „Angst-Lust“, die darin zum Ausdruck komme, dass das Reh die Jäger lockt, nur um ihnen dann zurück ins sichere Haus zu entfliehen. Wer dieses scheue Reh einfangen wolle – was so viel bedeute, wie den Zugang zum verschlossenen Schwesterchen zu entdecken – der müsse, so Drewermann, die „Rehlein-Sprache“ erlauschen, damit sich die Tür zum Herzen von innen her öffne und nicht durch Gewalt. „Brüderchen und Schwesterchen“ erzähle recht eigentlich eine Liebesgeschichte, die Liebesgeschichte zwischen dem Mädchen und dem König.
Mit den geheimen Worten „Schwesterlein, lass mich herein“, vermittele der König dem Mädchen, dass er es versteht. Da sieht sie, „dass er freundlich ist“, und folgt ihm auf sein Schloss. Selbstverständlich muss das Reh mitkommen, als Teil der Mädchenseele und als Versprechen, dass dieser liebeshungrige, freiheitsliebende Seelen-Anteil nicht verlorengehen soll.

Brüderchen und Schwesterchen2

Hier könnte die Geschichte bereits ihr glückliches Ende gefunden haben. Aber so einfach macht es sich das Märchen nicht. Die Liebe ist zwar gefunden. Doch wie soll sie erhalten bleiben im Alltag der Ehe und des Mutterdaseins? Wieder mischt sich die Stiefmutter ein. Als das Schwesterchen, das nun zur Königin geworden ist, ein Kind bekommt, erscheint die Stiefmutter mit ihrer „richtigen“, sehr hässlichen Tochter. Beide ermorden das Schwesterchen. An seiner Stelle liegt nun die garstige Stiefschwester im Wochenbett. Nur heimlich in der Nacht erscheint die wahre Königin, um das Baby zu stillen und das Reh zu streicheln. Eugen Drewermann erkennt hier ein „Schlüsselmärchen“ für manche missratene Ehe. Obwohl die Königin doch eigentlich erlöst sei, verwandle sie sich in ein „Schlossgespenst“.
In der höchsten Krise aber, als die Königin nachts die rührenden Worte spricht: „Was macht mein Kind? Was macht mein Reh? Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr“, da erkennt der König, der sie erstmals beobachtet, dass die mitternächtliche Erscheinung seine wahre Frau ist, die, in die er sich einst verliebte. In diesem Moment kehrt das Schwesterchen ins Leben zurück. Stiefmutter und Stiefschwester werden zum Tode verurteilt, und so kann das Reh sich wieder vermenschlichen. Lust und Begehren müssen nun nicht mehr nur in Tiergestalt geduldet zu werden. „Dann erst sind König und Königin wirklich ein Paar“, so Drewermann.
Als Psychoanalytiker arbeitet er häufig mit solchen „Schlüsselmärchen“. „Brüderchen und Schwesterchen“ weise einen Weg auf, wie eine durch schwere Kindheit und Mutterschaft zerstörte Ehe doch noch gerettet werden könne, sagt er. Entscheidend sei, dass König und Königin sich schließlich in ihrem wahren Wesen wiedererkennen. „Märchen erlösen aus der grausamen Machtwelt durch den Glauben an die Liebe“, so Drewermann weiter. Sie würden missverstanden, wenn man sie zeithistorisch und soziologisch relativiere. „Das ‚Es war einmal‘ bedeutet: ‚Es war nie, sondern es ist immer‘“, meint er. „Märchen spielen andauernd – in unserer Seele“.
Im Jahr 2008 verfilmte Regisseur Wolfgang Eißler die Geschichte von „Brüderchen und Schwesterchen“. Sie habe ihn besonders gereizt, weil sie alles biete, was er sich von einem Märchen wünsche: „Zauberei, Verwandlungen, Initiationsriten, die große kindliche Angst vor dem völligen Verlassenwerden, verwunschene Wälder, einsame Hütten und dramatische Höhepunkte, bis hin zum vorübergehenden Tod der Hauptfigur, eine entzückende romantische Liebesgeschichte, der Sieg des Guten und die Bestrafung der Bösen. Das ist der Stoff, aus dem ein Märchen sein muss.“

 

Fotos: Christian Manthey