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  • Hohenstein Cara3

Wo die wilden Weiber wohnen

Zufluchtsort und Heimat für Hexen und Elfen

Von Peter Weber

Die Einsamkeit des Waldes ist kein Ort, der nur den sagenhaften wilden Männern vorbehalten ist, auch zahlreichen weiblichen Wesen bietet er Aufenthalt, reich illustriert in Sagen, Märchen und Legenden. Er kann Zuflucht bedeuten, Rückzugsraum oder Heimstatt beseelter Natur und damit so unterschiedlichen Gestalten wie der heiligen Genoveva, finsteren Hexen oder zarten Elfen Unterschlupf bieten.

Wenig elfenhaft ist das Äußere einer Frauengestalt, die als weibliches Pendant zum wilden Mann in der Tiefe der Wälder zu finden ist, die wilde Frau, auch Wildweibchen oder salige (selige) Frau geheißen. Sie lebt wie ihr männliches Gegenüber fern der menschlichen Gemeinschaft, doch obgleich das Ungebärdige und Ungestüme auch ihrem Auftreten nicht fremd ist, zeigt ihr Charakter auch subtilere, menschenfreundlichere Seiten. Sie ist tief in die Geheimnisse der Naturkräfte eingeweiht und durchaus gewillt, mit ihrem Wissen den Menschen zur Seite zu stehen – was allerdings genügt, sie als Nebenbuhlerin der Kräuterweiblein und weisen Frauen suspekt zu machen, den Hexenwesen zugehörig. Zuweilen verlassen die wilden Weiber sogar den Wald, um den Menschen heimlich bei der Ernte, im Haushalt oder in den Spinnstuben zu helfen, wobei sie allerdings immer zu kleinen Neckereien aufgelegt sind. Zudem geht die Kunde von lüsternen Wildweibchen, die den Männern nachstellen, oder von solchen, die in Menschengestalt eine „wilde“ Ehe eingehen, deren Glück allerdings wegen des Geheimnisses um ihre Natur, ganz ähnlich der Melusinensage, stets gefährdet ist.

Cara Waldfrau

Das Erscheinungsbild der wilden Frau gleicht im Grunde dem des Mannes. Wallende, ungezähmte Haarpracht, Nacktheit oder dichtes Fell, das sie vom Handrücken bis zu den Füßen bedeckt, bestimmen ihr Äußeres, wobei es allerdings zur bildlichen Überlieferung gehört, dass ihre Brüste und Knie vom Fell unbedeckt bleiben, was ihrem Auftritt eine verführerische Komponente verleiht und wiederum an den Urgrund alter Männerängste rührt. Ihr autonomes Leben im tiefen Wald lässt sie zu einer Begleiterin des sagenhaften Einhorns werden. Die christliche Motivwelt sieht im mythischen Geschehen der Einhornjagd Maria in der Rolle der keuschen Jungfrau, die es vermag, das wilde Tier in ihrem Schoß zu bändigen, das Beisammensein von Wildweibchen und Einhorn deutet indes auf anderes, hier haben sich wohl zwei wesensverwandte Gestalten der Waldeinsamkeit gesucht und gefunden.

In vielerlei Hinsicht verkörpern diese geheimnisvollen Wesen einen vorchristlichen Archetypus des Weiblichen, der in ihnen weiterlebt und überdauert. In ihrem Schwanken zwischen wildem Zorn und milder Güte werden sie auch mit Frau Holle in Verbindung gebracht, die zu ähnlichen Extremen neigt, für Kindersegen sorgt und auf nächtlicher „Hollefahrt“ am Himmel wütet. Welche besondere Bedeutung den wilden Frauen denn auch beigemessen wurde, zeigt sich in der Fülle alter Erzählungen, die sich um sie ranken, und darin, dass sich im gesamten deutschen Sprachraum bis hinunter nach Tirol, vor allem aber in hessischen Bergregionen, eine Vielzahl so genannter Wildweibchen- oder Wildfrauensteine finden lässt. Es sind dies besondere Felsformationen mit Höhlen und Nischen, die ihnen, so wollen es die Überlieferungen, zur Unterkunft dienen. Etwa in Weickartshain am Vogelsberg oder in der Wetterau sind sie zu finden, zuweilen gedeutet als letzte Refugien einer untergegangenen matriarchalen Welt.

Mit ihrem hilfreichen Wesen tut sich eine besondere Gruppe weiblicher Waldbewohner hervor, die ob ihrer kleinen Gestalt eher dem Zwergenreich zuzuordnen sind, die Moosweiblein, die ihrerseits unter der wilden Männerwelt zu leiden haben. So erzählt es eine Sage, die wiederum im Harzer Ort Wildemann angesiedelt ist. Hier lebte eine Gruppe von ihnen, über und über in Moos gekleidet, in einer kleinen Hütte am Wald. Sie waren überaus freundliche Wesen und halfen Fremden, die sich verirrt hatten, mit Rat und Nahrung weiter, erbaten sich aber von den Hilfesuchenden, dass sie Kreuze in die Bäume in ihrer Nachbarschaft schnitzten, um sie so vor dem wilden Jäger zu schützen, der sie beständig bedrängte. So konnten sie friedlich leben, bis eines Tages ein grober Bergmann zu ihnen gelangte, der ihre Hütte zertrat und die schützenden Bäume fällte. Darauf verschwanden die Moosweibchen auf Nimmerwiedersehen, der frevelhafte Bergmann aber ward auf der Stelle taubstumm und lahm.
Angesichts der Zügellosigkeit einerseits und Naturversunkenheit andererseits, die das Wesen der wilden Männer und Frauen kennzeichnet, nimmt es Wunder, dass sie in der Vorstellungswelt der Altvorderen als durchaus bindungsfähig sich erweisen. Sicher auch, um sie enger an menschliche Sphären zu rücken, billigt man ihnen sogar ein Familienleben zu. Im hessischen Bernhardswald bei Schlüchtern etwa trifft man sie in den „Wilden Häusern“ an: „Sie haben ihre Häuser da oben, wo gewaltige Steinmassen hernieder starren. Diese werden die Wilden Häuser genannt, dort essen die Wilden Männer täglich am Wilden Tisch und ihre schönen Frauen steigen in den hellen Mondnächten in die Lüfte. Ihre Kinder schützen die Kinder der Menschen in Hohenzell, wenn sie Beeren suchen im Wald.“

Im Motiv eines Wandteppichs, wiederum aus dem alemannischen Raum, wandelt sich ihr wildes Leben in ein fast schon biedermeierliches Idyll. Der Mann bricht auf zur Jagd, mit Waldhorn, Lanze und Hunden ihm zur Seite, während das Wildweibchen, am Eingang ihrer Laubhütte stehend, ihm zum Abschied mit dem Kochlöffel ein Ade zuwinkt. Da ist es nicht weit zu einem neuen, uns heute vertraut erscheinenden Aspekt des Wesens der wilden Waldleute. Zu Beginn der Neuzeit mutieren sie zu frühen Aussteigern, die der „verderbten Welt“ der menschlichen Gesellschaft den Rücken kehren und ihr Heil in einem verborgenen Dasein im Einklang mit der Natur suchen.

Der im 16. Jahrhundert berühmte Nürnberger Poet Hans Sachs hat diese frühe Zivilisationskritik in seiner „Klag der wilden holzleut über die ungetreuen welt“ in Verse gegossen, die sie sogar zu den Urahnen der Vegetarier werden lassen:
Seit nun die welt ist so vertrogn,/mit untreu, list ganz überzogn,/so seien wir gangen daraus,/halten im wilden walde haus/mit unsern unerzognen kinden,/das uns die falsch welt nit mög finden,/da wir der wilden frücht uns nern,/von den würzlein der erden zern/und trinken einen lautern brunnen./uns tut erwermen die liecht sunnen,/mies, laub und gras ist unser gwant,/darvon wir auch bet und deck hant;/ein steine höl ist unser haus,/da treibet keins das ander aus,/unser gsellschaft und jubiliern/ist im holz mit den wilden tiern;/so wir denselben nichts nit tan,/laßens uns auch mit friden gan.

 

Foto: doro