Baxmann quer

Wo der Tod „Zum Wohl!“ sagt

Sagen über mordende Wirte und höllische Gasthäuser

Von Uwe Pernack

Es gab Wirte, bei denen hätten Reisende besser nicht einkehren sollen. Zum Beispiel im alten Griechenland bei einem gewissen Prokrustes. Kam ein Gast, wies er ihm entweder ein zu kleines oder ein zu großes Bett an. Dann machte er ihn ‚passend‘: Dem zu langen Gast hackte er Gliedmaßen ab, dem zu kurzen renkte er sie aus. So erzählt es jedenfalls eine Sage des Klassischen Altertums. Seither genießen Wirtinnen und Wirte in der Literatur, vornehmlich in Sagen und Märchen, einen eher zweifelhaften Ruf.

Und das so einmal entstandene Image besserte sich auch in späteren Zeiten nicht auf. Während des Mittelalters ließen die stetig zunehmenden Pilgerfahrten eine frühe Form des Massentourismus entstehen. Sie förderten damit erst die weite Verbreitung berufsmäßiger Formen der Beherbergung. Jeder, der von seiner Obrigkeit die Bewilligung dazu erhielt, konnte Wirt werden. Unternehmungsfreudige nahmen nun die Gelegenheit wahr, sich außerhalb der engen Standes- und Zunftschranken der mittelalterlichen Gesellschaft eine Existenz aufbauen zu können. Die dabei angewandten Mittel und Methoden waren aber nicht immer christliche. Die Sentenz „Ohne eine gewisse Gewaltsamkeit wird man im Wirtschaftsleben nichts!“ war zwar damals noch nicht bekannt, man handelte aber durchaus schon im Sinn ihrer wortwörtlichen wie übertragenen Bedeutung.

Wirte

So nimmt es nicht wunder, dass bereits einer der ersten Pilgerführer, der „Codex Calixtinus“ aus dem 12. Jahrhundert, betrügerischen Wirten, Wegelagerern und unehrlichen Geldwechslern ein eigenes, gewichtiges Kapitel widmete. Als ein Ventil für den Volkszorn über betrügerische Wirte dienten spätmittelalterliche Schwänke, in denen auch der Wirt endlich einmal der Betrogene ist. Darunter sind zwei, die schildern, wie Till Eulenspiegel eine Wirtin in Bamberg und einen Wirt in Eisleben hereinlegt.

Aber nicht nur die mit krimineller Energie betriebene Gewinnmaximierung in Herbergen und Schenken führte zu Betrügereien. Im Zeitalter des Absolutismus sahen sich nicht wenige Wirte durch die kommunale wie die staatliche Wirtschaftspolitik dazu genötigt. In einem Lexikon des 18. Jahrhunderts kann man darüber lesen: „Daß man hier und da von so vielen Spitzbübereyen höret, rühret grossen Theils mit daher, daß die Wirtshäuser und Schencken so hoch verpachtet werden.“

Cordt Baxmann, zeitweilig Wirt des Ratskellers in Hessisch Oldendorf, hatte im Jahr 1648 eine Pacht in einer Höhe zu entrichten, die fast ein Sechstel des damaligen städtischen Haushalts ausmachte. Um allein die Pacht für den Ratskeller erwirtschaften zu können, musste er während eines Jahres rund 17000 Maß Bier ausschenken. Und das in einer kleinen Stadt von noch nicht einmal 1000 Einwohnern, in der zudem nicht wenige ihrer Bürger mit einem eigenen Braurecht begabt waren. Reichten nun die Einnahmen aus einer Herberge oder einer Schenke nicht aus, um neben der Pacht und/oder den Steuern noch ein Einkommen zu erwirtschaften, so war es Wirten durch die merkantilistische Wirtschaftsordnung des 17. und 18. Jahrhunderts dennoch nicht möglich, aus wirtschaftlicher Notwendigkeit die Preise zu erhöhen. Löhne und Preise wurden von Staats wegen festgesetzt. Wollte ein Wirt bei gleichbleibendem Umsatz seine Einnahmen erhöhen, konnte dies also nur erfolgen, indem er für den gleichen Preis wie zuvor Waren von minderer Qualität verkaufte.

Dies geschah zum einen dadurch, dass Wein und Bier verfälscht oder mit Wasser gestreckt wurden. Zum anderen durch Manipulation der staatlich vorgegebenen Schankmaße. Eine Methode war, Beulen in die Böden von Schankkannen und Bechern aus Zinn zu treiben, um so bei ‚geeichten‘ Gefäßen die real ausgeschenkte Menge an Bier oder Wein zu verringern. Zu den direkten Tricks um Gäste auszunehmen, rechnete man den Kunstgriff, den Zechern ein „X“ für ein „U“ vorzumachen. In Zeiten, in denen die Zeche noch auf einem Holztisch ‚angekreidet‘ wurde, fiel es gegenüber betrunkenen Gästen nicht schwer, den Buchstaben „V“ mit schnellen Strichen nach unten in ein „X“ zu verlängern. Was wiederum, man rechnete damals noch mit römischen Ziffern, aus der Zahl 5 nunmehr die Zahl 10 werden ließ. Mithin hatte sich mit zwei Strichen die zu zahlende Zeche auf einmal verdoppelt. Cordt Baxmann wurde mehrfach wegen „unrichtiger Maße“ zu Geldstrafen verurteilt. Aber durch solche seinerzeit nicht unüblichen Betrügereien allein wurde er später nicht zu einer Sagengestalt. Es gab noch Gewichtigeres, was zur Sagenbildung über Wirtshäuser, Wirtinnen und Wirte beitrug. Die Kirche sah Gasthäuser einerseits als Bedrohung des Durchsetzens ihrer Auffassung von einem gottgefälligen Leben an. Als Folge davon wurde bereits zur Zeit Karls des Großen auf dem Konzil zu Frankfurt den Klerikern jeglicher Besuch einer weltlichen Wirtschaft verboten. Andererseits aber auch als Konkurrenz.

Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein lebten in Deutschland über zwei Drittel der Bevölkerung auf dem „platten Lande“. In den Dörfern war neben der Kirche das Wirtshaus der einzige öffentliche Versammlungsort. Das führte zu einer konfliktbeladenen Nachbarschaft. Insbesondere was die Heiligung des Sonntags anlangte. Zwar war es Einheimischen untersagt, „unter der Predigt“ den örtlichen Krug aufzusuchen und Wirten, diese zu bedienen, dennoch kam es immer wieder vor, dass Menschen ihr Seelenheil gefährdeten, indem sie sonntags nicht den Weg zum Altar, sondern zum Schanktisch einschlugen.
Da Gesetz und Strafe dem allein nicht abzuhelfen vermochten, bediente sich die Kirche auch des Mittels der Diabolisierung von Wirtshäusern und Wirten. Was auf die Bildung bestimmter Sagen nicht ohne Einfluss blieb. So sei, laut Sagen aus der Oberpfalz, das Wirtshaus eine Erfindung des Teufels, um die Menschen zu verführen. Und beim Kartenspiel am Sonntag sitze Satan mit am Wirtshaustisch. Weiterhin erzählt eine Sage, dass in Girsfelde einst Wirtin und Wirt Leute, die an Sonn- und Feiertagen an ihrem Krug vorbeigegangen waren, zum Frühschoppen verlockt und so vom Gottesdienst abgehalten hatten. Zur Strafe für diesen Frevel habe der liebe Gott den gesamten Krug untergehen und von der Erde verschlucken lassen. Und schließlich leistete die Kirche auch ihren Beitrag zur Verbreitung der Sage von der „Mordherberge“.

Wie Leander Petzoldt nachgewiesen hat, entstammt die moderne Form der Sage vom „Mordenden Wirt“ einem 1618 in England erschienenen „wahren“ Sensationsbericht. Ungeprüft übernommen, diente er in Mitteleuropa bald darauf als Stoff für Predigten sowie für Exempelbücher zur Erklärung des Katechismus. Was dazu führte, dass er Eingang in den Volksglauben fand und als Wandersage rasch verbreitet wurde. Sagen über „Mordherbergen“ präsentieren mithin in der Regel keine Fakten, nicht die historische Wahrheit. Kirchlich befördert, verliehen sie in volkstümlicher Erzählform dem Neid über den wirtschaftlichen wie sozialen Aufstieg von Wirten Ausdruck. Denn dass Erdenbürger außerhalb des Standes, in den sie hineingeboren worden waren, erfolgreich sein konnten, wie es der Familie Cordt Baxmanns gelang, war – so der Volksglaube – in Gottes Ordnung nicht vorgesehen. Folglich konnte dies also nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. So wurde posthum auch Cordt Baxmann eine Sage angeheftet, durch die er als sagenhafter Wirt einer „Mordherberge“ in der allgemeinen Erinnerung blieb. Zudem präsentiert die Baxmannsage noch das Unwissen der Sagensammler und ‚Sagen(er)finder‘ des 19. Jahrhunderts. Denn der Hessisch Oldendorfer Ratskeller war zu Baxmanns Zeit aufgrund seiner baulichen Gegebenheiten keine Herberge. Auch wäre durch die Ermordung „armer Wanderburschen“ kaum etwas zu gewinnen gewesen.

Und schließlich: Dass, laut Sage, verschwundene Gäste nach Einlassung des Mordwirts Baxmann bereits in aller Herrgottsfrühe die Stadt unbemerkt verlassen hatten, war im Hessisch Oldendorf des 17. Jahrhunderts nicht möglich. Die Stadt umgab eine Mauer, die man nur durch bewachte Tore passieren konnte. Aber auch noch im 20. Jahrhundert sind Wirte nicht von durch Vorurteile oder Konkurrenzneid hervorgerufener moderner Sagenbildung verschont geblieben. Es sei an die in den frühen 70er-Jahren grassierende „Urban Legend“ von den Ratten- und Hundeknochen erinnert, die man damals in den Mülltonnen von China-Restaurants gefunden haben wollte.

Hintergrund

Wirt Baxmann Bier Betrug