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Angst vorm Roggenwolf

Streifzug durch die bizarre Welt der Getreidegeister

Von Wilhelm Gerntrup

„Nu kümmt hei boule rut“ („Jetzt kommt er bald raus“), murmelten die Schnitter besorgt, wenn es auf das Ende des Getreidefeldes zuging. Bald würden sie den „Roggenwolf“ vor sich haben, der bis dato Stück für Stück vor den Sensen oder Sicheln schwingenden Männern zurückgewichen war. Man wusste nie, wie das unheimliche Tier-Wesen auf die Zerstörung seines Lebensraumes reagieren würde.

In der hiesigen Region soll die Angst vorm Roggenwolf und den anderen, in volkskundlichen Veröffentlichungen als „Getreidedämonen“ bezeichneten Phantasiegeschöpfen besonders verbreitet gewesen sein. Mancherorts ließ man bei der Mahd eine „Rückzugsfläche“ stehen. In Gegenden, wo sich die unsichtbaren Wesen nach den Vorstellungen der Leute zum Schluss zwischen den Halmen „verflüchtigten“, wurde der Schnitt besonders vorsichtig zusammengeharkt, zu kunstvollen Garben zusammengebunden und diese mit bunten Blumen oder Bändern geschmückt. „Dor sitt de Wulf in!“ sollen die Schnitter ehrfürchtig und mit zittrigen Knien gesagt haben. Und der Binderin der letzten Garbe rief man vorsorglich „Du häst den Wulf“ zu. In einigen hiesigen Dörfern formte man aus den Halmen puppenartige Figuren, die beim späteren Einholen des Korns feierlich vorangetragen wurden.

Was heute, im Zeitalter der mit Bordcomputer und Satellitensteuerungssystem ausgestatteten Mähdrescher wie sinnlos-lächerlicher Mummenschanz anmutet, gehörte für unsere Altvorderen bis in die jüngste Vergangenheit hinein zum Ernteritual. Das Gros der hiesigen Bevölkerung wohnte und lebte auf dem Lande. Viele waren Selbstversorger. Ihr Leben in, mit und von der Natur war von althergebrachten, über Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation weitergegebenen Erfahrungen und Bräuchen geprägt. Höhepunkt des Jahres war die Getreideernte. „Korn“ war - mehr als Fleisch - die wichtigste Ernährungsgrundlage. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde es überwiegend als Brei verzehrt. Dazu baute man vor allem Hafer, aber auch Knöterich-Korn („Buchweizen“), Gerste und althergebrachte Weizenarten wie Spelz, Dinkel und Emmer an. Deren Ähren lieferten weniger als die Hälfte der heutigen Sorten. Vor rund 200 Jahren begannen die Leute vom Brei- auf Brotverzehr umzusteigen. Der Roggen wurde zum „Hauptgetreide“.

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Bei der Ernte mussten alle mit ran. Das Mähen war Männersache. Für das „Aufziehen“ und Binden des Schnitts waren die Frauen und Mädchen zuständig. Jeder Handgriff saß. Ein Bund Halme wurde mit einem Strohseilgeflecht zu Garben zusammengeknotet und von den Kindern zu „Hocken“ zusammengestellt. Eine Hocke bestand hierzulande meist aus 20 Garben. Wenn das Korn trocken war, wurden die Garben mit dem Leiterwagen eingefahren und mit der Forke auf den Boden oder in die Scheune verfrachtet. Von dem, was man jedes Jahr unter Dach und Fach bringen konnte, hing das Überleben ab. Supermärkte gab es noch nicht. Ob man über die Runden kam, war - trotz Fleiß und Mühsal - ungewiss. Immer wieder machten unbekannte Mächte die Arbeit eines ganzen Jahres mittels Sturm, Dürre, Frost und Überschwemmungen zunichte. Da half nur, die Dämonen gnädig zu stimmen. Davon gab es eine ganze Menge. Auffallend viele waren in Tiergestalt unterwegs. In den volkskundlichen Überlieferungen ist von Hasen, Hirschen, Schweinen, (Ziegen-) Böcken und Katzen die Rede. Die Vorstellung davon, wie sie aussahen, wo sie herkamen und was sie trieben, war von Region zu Region und von Ort zu Ort verschieden. Am weitesten verbreitet waren Wolfs- und Hunde-Wesen. Besonders häufig tauchen in den Überlieferungen Erlebnisse mit „Roggenwolf/Roggenhund“ und/oder „Getreidewolf/Getreidehund“ auf. Sie galten als Symbole der immerwährenden Bedrohung und versetzten die Zeitgenossen in Angst und Schrecken.

Eine andere Rolle fiel den weiblichen Getreide-Wesen zu. Dazu zählten unter anderen „Kornwif“ (Kornweib), „Kornmuhme“, „Roggenmuhme“ „Ährenfrau“ und „Kornkind“. Die Muhmen galten als überwiegend gutherzig und wohlwollend. „Sie gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren Tritten gedeiht die Frucht“, heißt es in einem mythologischen Handbuch des Volkskundlers Wolfgang Golther aus dem Jahre 1895. Ärger gab es nur bei Störung ihres „Herrschaftsbereichs“. Kein Mensch hätte gewagt, ein Getreidefeld zu betreten. Andernfalls konnte es schon mal vorkommen, dass ein Kind verschwand oder „umgetauscht“ wurde, Als Beispiel sei auf die Sage „Roggen-Muhme“ (Nr. 89 Grimms Deutsche Sagen-Sammlung Band I 1816) hingewiesen. Ob und welche Korngeister in ihren Feldern hausten, konnten die Besitzer am Zustand und an den Bewegungen der Halme erkennen. Schaukelten sie im Sommerwind sanft hin und her, war das „Kornwif“ unterwegs. War das Feld durch Sturm, Hagel oder Regen niedergewalzt, hatten sich Kornwolf oder Kornhund ausgetobt.

 Nach Aussage der Fachleute sind die Getreidedämonen uralt und stammen aus der mystischen Vorstellungswelt unserer germanischen Vorfahren. Das Gros lebte auch  nach der Christianisierung der hierzulade lebenden Sachsen im Bewusstsein der Bevölkerung fort. Das gilt auch und vor allem für den „Kornhahn“, der lange Zeit als eher unbedeutender und oft verspotteter Getreide-Geist herhalten musste. „Nu will wi den Hän rütjägen“, oder „Do flüggt hei hen“, riefen sich die Schnitter der Wesergegend eher belustigt zu. Mancherorts trug man ein lebendes Tier im Korb mit aufs Feld, ließ es dort frei und jagte es, bis es sich erschöpft niederduckte und von den Kindern einfangen ließ. Im Laufe der Zeit mauserte sich der Gockel zum Fruchtbarkeitssymbol und spielte und spielt – auch im heimischen Erntebrauchtum - eine prägende Rolle. In etlichen Dörfern wird er als reich mit bunten Bändern und Goldpapier geschmückte Holz-, Papp- oder Ährenattrappe beim Ernteumzug mitgeführt. In einigen Orten thront er auf der Spitze des Erntebaums oder der Erntekrone.

Fotos: Gabi Laube